2LDK
Aus Badmovies.de
Regie: Yukihiko Tsutsumi
Darsteller: Maho Nonami (Lana), Eiko Koike (Nozomi)
Wenn razor und ich ins Kino gehen, können wir meistens was erzählen
- liegt wohl daran, dass wir oft seltsame Kinos erwischen. "2LDK"
läuft in Berlin im "Central", gerade, was den asiatischen Film
angeht, mittlerweile eine feste Institution des hauptstädtischen
Kulturlebens, und deswegen, wie's sich für Institutionen eher
alternativer Kultur gehört, nur über einen wenig
vertrauenseinflößenden Hofeingang versteckt in einem
runtergekommenen ehemaligen Gewerbehof am Hackeschen Markt
zugänglich. Zu den Bedingungen, beim "Central" als Kassenpersonal
eingestellt zu werden, scheint m.E. zu gehören, ständig bekifft zu
sein (man ist ja "alternativ" und "subkulturell", gelle?) - das
erwies sich schon bei der gestrigen Kartenbestellung per Telefon
(vermutlich war ich der erste Mensch, der jemals dort eine Karte
reserviert hat... diese Multiplexe versauen einen für das wahre
Leben), wie auch bei Abholung derselben heute - noch weniger
engagiert-motiviert, und man ist tot. Gehört aber zum Charme eines
alternativen Kinos, genau wie die unbequemen Sitze im
Vollzink-Design, die Wasserflecken an der Decke und der
Vorführungsbeginn mit 15 Minuten Verspätung, aber dafür immerhin,
chapeau, ohne Werbung (wenn bei 6,50 Eintritt für 70 Minuten Film
auch noch 30 Minuten Reklame abgespult worden wären, wären razor
und ich vermutlich schnell *sehr subkulturell* geworden). Aber was
nimmt man nicht alles für einen Film auf sich, von dem
schätzungsweise drei Menschen auf der Welt was gehört haben
(oookay, ich übertreibe schamlos, immerhin waren gut 10 Figuren im
Kino. Reich wird der "Central"-Betreiber auf die Weise sicher
nicht)...
--- SPOILER WARNUNG ---
Die beiden Jungschauspielerinnen Lana und Nozomi teilen sich,
notgedrungen und auf Anweisung des allmächtigen Produzenten, bei
dem sie gerade für die Hauptrolle in "Yakuza-Frauen" vorgesprochen
haben, ein Appartment in Tokio. Nach dem letzten Casting ist klar -
eine der beiden wird die Rolle abstauben, die Entscheidung wird man
ihnen am nächsten Morgen mitteilen. Unpraktischerweise für ein
gesittetes Zusammenleben sind Lana und Nozomi absolut inkompatibel
- Lana ist eine flippige Chaotin mit Porno-Vergangenheit, Nozomi
eine spießige Ordnungsfanatikerin, die sogar die Eier im
Kühlschrank nach Besitzrechten beschriftet. Ist also nicht wirklich
überraschend, dass die beiden sich nicht wirklich leiden können,
aber nach außen hin erst mal die Maske aufgesetzter kollegialer
Freund- und Höflichkeit tragen. Schnell entwickelt sich aus einigen
Nichtigkeiten ein Zickenkrieg, wie ihn Anni Friesinger und Claudia
Pechstein nicht schöner zelebrieren könnten und irgendwann im
Verlauf der Nacht geht eins der Mädel dann den entscheidenden
Schritt zu weit - aus verbalen Vorwürfen werden Handgreiflichkeiten
und bald schon handfeste Mordversuche - es wird eine harte
Nacht...
Man soll Japaner keine Wetten abschließen lassen. "2LDK" entstand
wie "Aragami" als Folge einer leichtfertigen Wette zwischen den
japanischen Jungregisseuren Tsutsumi und Kitamura ("Versus") -
Aufgabenstellung: jeder sollte innerhalb einer Woche einen Film
über eine Duellsituation an einer Location abdrehen. Während
Kitamura in "Aragami" einen Samurai ins Feld schickt, ist's bei
Tsutsumi eine eher ungewöhnliche Duellkonstellation, aber, ohne
"Aragami" bis jetzt gesehen zu haben, was ich aber noch nachholen
will, mir deucht bereits jetzt, "2LDK" sollte der bessere Film sein
- weil: er funktioniert ganz einfach!
"2LDK" braucht nicht mehr als zwei Schauspieler, eine Wohnung,
einen Papagei und ein paar Haushaltsrequisiten (und dass
Samuraischwerter in Japan zu letzterer Kategorie zu zählen sind,
versteht sich von selbst), um in 70 Minuten eine
Psychothrillerhorrorkomödie zu zelebrieren, wie man sie selten
gesehen hat. Alles fängt sehr "harmlos" an - die erste halbe Stunde
ist eine hochgradig amüsantes Spiel der falschen Freundlich- und
Scheinheiligkeit (während die beiden Frauen sich gegenseitig Honig
ums Maul schmieren, lässt man uns an ihren Gedanken teilhaben und
unterrichtet uns so, wie sehr sich die beiden doch in Wahrheit
ankotzen), um in der zweiten Filmhälfte sich langsam über ein
Psychoduell in eine beinhart geführte Schlacht steigert, in deren
Verlauf die beiden Mädchen kaum eine Möglichkeit unversucht lassen,
sich die Lebenslichter auszublasen und dabei auch vor beherztem
Einsatz der Kettensäge nicht zurückschrecken. Erstaunlich, was
zierliche japanische Mädchen doch einzustecken imstande
sind...
Tsutsumi nutzt einen sehr intimen, fast schon dogma-artigen Stil:
die Kamera steht selten still und gelegentlich wandert auch eine
der Protagonistinnen aus dem Fokus, die "Kampfszenen" sind
hektisch, rau, ungeschliffen, "unchoreographiert" (und bestätigt
das Vorurteil -?-, dass Frauen, wenn sie losgelassen, fieser sind
als Männer je sein könnten, besonders, wenn's gegen
Geschlechtsgenossinnen geht). Gelegentlich ist das Storytelling
etwas holprig (weil's ja nicht wirklich viel Story zu tellen gibt -
man könnte darüber diskutieren, ob's nötig war, Lana einen
tragisch-traumatischen Background zu verpassen, das schwächt die
Wirkung des Films vielleich ein wenig ab), aber das trägt zum
Charme des Filmes eher bei als das es stört. Das Pacing ist flott -
Tsutsumi kommt nie in die Versuchung, den spartanischen Plot weiter
aufzublasen, als es nötig wäre, wie sagt man so schön auf englisch
"the film never overstays its welcome" - die eher komödiantischen
Aspekte der ersten Filmhälfte, in denen's hauptsächlich um die
komplett gegenläufigen Eigenheiten der Charaktere geht (das ist
fast 'ne intelligente Ausgabe von "The Odd Couple") treten
rechtzeitig genug, aber nie vollständig, in den Hintergrund, um das
eigentliche Duell nicht zu verdrängen. Und das, wie gesagt, ist von
absolut nicht von Pappe, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen
übrig, und, das ist erstens das große Kunststück des Films und
zweitens der Verdienst der beiden herausragenden Schauspielerinnen,
die beide keine Screen-Credits haben, die zumindest mir
Japan-nicht-unbedingt-Intimkenner etwas sagen, trotz der Exzesse
bleibt der Film auf einem gewissen, psychologischen Level
glaubwürdig. Der Film schafft es tatsächlich, beide Charaktere
nachvollziehbar zu zeichnen, man kann sich mit beiden (!)
Protagonistinnen identifizieren, man hat für beide Personen
Verständnis (bis zu einem gewissen Grad, denn wenn man sein
Stubenpartnerin mit der Kettensäge zu meucheln versucht, hat man
sicher eine Grenze leicht überschritten).
Es ist doch so - wer hat nicht schon mal die Zwangslage erlebt,
sich mit einer Person, mit der man nun aus den verschiedensten
Gründen überhaupt nichts anfangen kann, über einen längeren
Zeitraum abgeben zu müssen (mir passiert so was normalerweise gern
im Zug)... irgendwann wünscht man sich, sein Gegenüber einfach nur
zum Schweigen zu bringen ("Wenn der Idiot noch EINMAL den Mund
aufmacht, polier ich ihm die Fresse!" - Wunschdenken des Docs so
manches Mal im Großraumwagen der Deutschen Bundesbahn). Der Film
befriedigt insofern die niederen Gelüste, indem er diesen Gedanken
konsequent bis in die letzte Einstellung fortsetzt, und das, und
das ist auch das Schöne daran, auf eine höllisch komische Weise
(der Film beinhaltet neben zahlreichen weiteren Dialogperlen den
mit Sicherheit besten Filmspruch des Jahrzehnts, und wer den Film
gesehen hat, wird sicher verstehen, was ich meine).
Ähnlich wie Dogma-Filme (wobei der Film den Dogma-Richtlinien
natürlich nicht nachzukommen versucht) ist der Streifen auch in der
musikalischen Untermalung sparsam, aber pointiert (dass der Film in
seiner Stimmung von der fiesen Komödie hin zum handfesten Dresche-
und Killfilm ausgerechnet völlig überraschend, aber ungeheuer
wirkungsvoll, zu den Klängen eines fetten Metal-Bretts umschlägt,
dürfte wieder so manchen Musikpädagogen in seinen Vorurteilen
bestätigen).
Genug gelabert - "2LDK" ist ein Film, über den man nicht großartig
sprechen oder schreiben , sondern den man gesehen haben sollte. Der
Doc liefert hiermit eine uneingeschränkte Empfehlung und rät jedem,
sein örtliches Programmkino so lange zu nerven, bis es den Streifen
auf die Leinwand zu klatschen bereit ist (alternativ gehe ich davon
aus, dass RapidEyeMovement auch bald mit einer DVD-Veröffentlichung
erfreuen wird, der Doc bestellt an dieser Stelle schon mal ein
Exemplar vor). So böse, witzig UND intelligent kann das japanische
Genre-Kino also doch noch sein (nach "Versus" und "Battle Royale
II" wagte ich das fast schon zu bezweifeln). Sämtliche verfügbaren
thumbs up für diese kleine, fetzige, billige Garagenproduktion.
It's a killer ride (und mindestens ein solider 8-, wenn nicht
9-Bierer), das sagt Euch Euer nachträglich immer begeisterter
werdender Doc, und dem vertraut Ihr doch blind, oder?
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