Affliction
Aus Badmovies.de
Regie: Paul Schrader
Darsteller: Nick Nolte (Wade Whitehouse), Sissy Spacek (Marge),
James Coburn (Glen Whitehouse), William Dafoe (Rolfe Whitehouse),
Mary Beth Hurt (Lillian), Jim True (Jack Hewitt), Marian Seldes
(Alma), Holmes Osborn (Gordon Lariviere), Brigid Tierney
(Jill)
In der tiefsten verschneiten Provinz New Hampshires verrichtet der
verbitterte Dorfcop Wade Whitehouse seinen trostlosen Dienst - den
Schneepflug fahren, im Falle des Falles von Strafhandlungen beide
Augen zudrücken usw. Seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen,
seine Tochter, die er über alles liebt, ist ihm entfremdet. Ein
wenig Zuspruch findet er höchstens bei seiner Geliebten Marge.
Just, als ihn zu dem ganzen Elend noch höllische Zahnschmerzen
plagen (and I can relate to that, I assure you), überschlagen sich
die Ereignisse - der Gewerkschaftsboss Twombley kommt bei einem
Jagdunfall ums Leben und Wades tyrannischer und gewalttätiger alter
Herr hat - mehr versehentlich, aber trotzdem - seine Frau erfrieren
lassen. Für Wade, der sich, als hätte er nicht genug um die Ohren,
auch noch in den Kopf gesetzt hat, seiner Frau das Sorgerecht für
die Tochter entziehen zu lassen, ein bißchen zu viel auf einmal.
Erst recht, nachdem einige Indizien dafür zu sprechen scheinen,
dass Twombleys Tod kein Unfall war. Tatsächlich bestehen ungereimte
Verbindungen zwischen Twombley, dessen widerlichen Schwiegersohn
Gordon und Wades Boss. Wade ist überzeugt davon, dass letztere
beiden seinen Freund Jack dazu benutzt haben, einen unliebsamen
Mitwisser aus dem Weg zu schaffen... sein hartnäckiges Streben,
eine Verschwörung aufzudecken und seine zunehmende Aggressivität
führen geradewegs in eine Katastrophe.
Der Film: Paul Schrader macht keine irgendwie ganz netten Filme -
egal, ob das jetzt seine Drehbücher als auch die von ihm selbst
inszenierten Streifen angeht. "Taxi Driver", "Wie ein wilder
Stier", "Katzenmenschen", "Light Sleeper" sprechen da eine
deutliche und eindeutige Sprache. Schrader gehört zu der Generation
Filmemacher wie Scorcese (kein Wunder, dass die beiden auch
mehrmals zusammenarbeiteten) und ist spezialist für verstörende,
pessimistische und persönliche Zustandsbeschreibungen. Ein
Romanvorlage von Russell Banks (nach einer solchen entstand auch
Atom Egoyans bemerkenswerter "Das süße Jenseits") muß Schrader
daher wie gerufen gekommen sein - denn seiner zweifellos eher
düsteren, pessimistischen und wenig lebensfrohen Weltsicht
entspricht die Story allemal. Schrader, der das Buch natürlich
selbst adaptierte, gelingt es auch über weite Strecken, aus den
abweisenden, kaputten und zerbrochenen Charakteren der Vorlage
glaubhafte und beinahe sympathische Figuren zu machen. Wobei man
eins verstehen muß - die Inhaltsangabe läßt zunächst auf einen
"Gebeutelter Bulle ist ein letztes Mal auf dem Gerechtigkeitstrip"
a la "Copland" schließen, aber die Thrillerhandlung ist
vergleichsweise oberflächlich und nicht wirklich bedeutsam - "Der
Gejagte" ist vielmehr das Psychogramm eines Verlierers, eines
beziehungsunfähigen Einzelgängers, der praktisch gleichzeitig seine
Familie, seine Arbeit und damit seinen Lebensinhalt verliert - eine
deprimierende Feldstudie im Rahmen einer (nicht uninteressanten,
aber vom Film selbst auch untergeordnet verfolgten)
Krimi-Handlung.
Stilistisch erinnert "Der Gejagte" allein schon durch sein
winterliches Setting an die Coen- bzw. Raimi-Thriller "Fargo" und
"Ein einfacher Plan" - wie dort sorgt die schneebedeckte
Kleinstadtatmosphäre für ein eigentümliches, gleichzeitig intimes
und doch "kaltes" (har-har) Feeling, wenngleich Schraders Werk der
lakonische Humor der beiden anderen zitierten Filme gänzlich abgeht
- Schraders Universum ist eins, in dem's auch in den makabersten
Momenten des Lebens nichts zu lachen gibt (dennoch empfiehlt sich
"Der Gejagte" für ein verschneites Triple-Feature). Mit "Fargo"
& Co. gemein hat der Film allerdings das geruhsame Tempo, das
dennoch unmerklich die Spannungsschraube immer weiter anzieht - wer
mit Nick Noltes Charakter nicht mitleidet, wenn sein komplettes
Leben auseinanderfällt und er doch nur versucht Recht und
Gerechtigkeit walten zu lassen, ist ein gefühlskälterer Eisblock
als ich (vielleicht liegt's aber auch nur daran, dass ich in Bezug
auf Zahnschmerzen mit Nolte fraternisieren kann) - die Konsequenz,
mit der Schrader seinen Protagonisten ins Finale treibt, ist
bedrückend und packend.
Auch die Kameraführung ist ausgezeichnet, ebenso die karge, aber
stets passende musikalische Untermalung. Nur einen Kunstgriff kann
ich einem anerkannten Meister-Drehbuchautoren und gewiss nicht
schlechtem Regisseur wie Paul Schrader nicht verzeihen - dass er es
für nötig hielt, die Kraft seiner Bilder und der Geschichte durch
einen überflüssigen und stellenweise fast peinlichen
Voiceover-Erzähler (der Charakter von William Dafoe "Rolfe", Wades
"kleiner" Bruder) zuzulabern - besonders Rolfes finaler Monolog,
der (spoiler ahoi) Wades Durchdrehen mit väterlicher bzw.
männlicher Gewalt zu erklären versucht, wirkt einfach nur lachhaft
und wäre in einem Ed-Wood-Film besser aufgehoben als in einer
ansonten brillanten, als Thriller getarnten Psychostudie.
Die wäre natürlich nichts wert ohne angemessene Darsteller - und
ohne Zweifel liefert Nick Nolte hier eine der eindringlichsten
Vorstellungen seiner gesamten Karriere (wenn ich jetzt böse wäre,
könnte ich behaupten, Nolte, der auch als ausführender Produzent
tätig war, habe hier gewichtige eigene Erfahrungen in Sachen
gescheiterter Lebensführung einbringen können) - das ist ganz
grosses Schauspielerkino seitens Nolte, und James Coburn, die
gealterte Bösartigkeit in Person, steht ihm in einer hervorragenden
Altersvorstellung in wenig nach. Sissy Spacek ist in ihrer
vergleichsweise kleinen und doch wichtigen Rolle der Marge fast ein
wenig unterfordert, man wünscht ihr etwas mehr screentime und etwas
mehr "meat" für den Charakter. William Dafoe ist leider nur relativ
kurz im Film (wenn man von seinem voiceover absieht) und kann
keinen großen Eindruck hinterlassen, das tun dafür auch mit relativ
bescheidenen Rollen (hauptsächlich ist "Der Gejagte" eine
Ein-Mann-Show für Nolte) Schraders Ehefrau Mary Beth Hurt als Wades
Ex-Frau Lilian und Holmes Osborne ("Donnie Darko") als sein
zwielichter Chef.
Bildqualität: MCP gehört zu den Budget-Labeln mit relativ
anspruchsvollem Programm (na gut, man darf "Pleasure of Flesh" nun
nicht mit "Crash" gleichsetzen), aber die würdige Behandlung des
veröffentlichten Materials gehört nicht unbedingt zu den obersten
Prioräteten des Publishers, so scheint's. So kommt "Der Gejagte" in
einem 1.66:1-Widescreen-Transfer, der sich maximal ein "guter
Durchschnitt" verdienen kann. Der verwendete Print wurde ganz
offensichtlich nicht digital überarbeitet, sondern ist gelegentlich
verschmutzt und ein insgesamt doch relativ verkratzt - nicht so,
dass es wirklich störend wäre, aber es fällt auf. Das Bild könnte
insgesamt auch eine ganze Spur schärfer sein, dafür gefällt die
Farbechtheit und der Kontrast bei den vielen überwiegend in weiß
(von wegen Schnee) gehaltenen Szenen. Kein übermäßig begeisteretes
Fazit, aber im Vergleich zu VÖs wie "Feuerwalze" aus dem gleichen
Label schon fast ein Quantensprung.
Tonqualität: Hier werden wir vom Menü mit der Auswahl zwischen
deutschem und englischen Ton überrascht - auf dem Cover ist von
O-Ton nicht die Rede und es ist ganz vernünftig, daß man die
englische Tonspur schamhaft verschweigt - die ist nämlich schlicht
und ergreifend grauenhaft und zum in die Tonne kloppen - ein
gruseliger Soundbrei, bei dem die Dialoge in absolut unhörbarem
Rhabarber ersticken - kann man von einem grad 6 Jahre alten Film
keine Tonspur auftreiben, die sich etwas besser anhört als ein
unbearbeiteter Tonfilm aus dem Jahr 1931, der auf einem feuchten
Speicher gelagert wurde? Der deutsche Ton (Dolby Stereo ist
übrigens konsequent das Maximum, das MCP für seine Releases
ausspuckt) ist dagegen für den relativ primitiven Mix gut
brauchbar, bietet klar verständliche Dialoge und eine angemessene
Abstimmung zwischen ebendiesen, dem Soundtrack und den spärlichen
Geräuscheffekten.
Ausstattung: DVDs der 8-Euro-Sparklasse sind selten Special
Editions mit Tonnen von Bonusmaterial und da macht "Der Gejagte"
keine Ausnahme. Als einziges kleines Goodie packt MCP vier Trailer
aus seinem Programm (allerdings altbekannte, wenn man mehr als eine
MCP-Disc im Regal stehen hat) auf die Scheibe.
Fazit. "Der Gejagte" ist ein ausgezeichnetes, bewegendes
melancholisches und weltschmerzhaftes Drama für Leute, die an einer
Überdosis guter Laune leiden - ein echter Downer, aber mitreißend
gespielt und oft wunderschön anzusehen. Wäre der in jeder Hinsicht
pathetische Voiceover nicht, würde ich den Film an Ort und Stelle
heiligsprechen - für diese vermeidbare Sünde kassiert Schrader aber
Abzüge in der B-Note, was Freunde anspruchsvoller Psychodramen aber
nicht von der Investition in die Scheibe abschrecken soll. Bei dem
günstigen Preis kann man auch trotz einer insgesamt
durchschnittlichen DVD-Präsentation nichts falsch machen, wenn man
zuschlägt.
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