Allein
Aus Badmovies.de
Deutschland 2004, 89 min, FSK 12
Regie: Thomas Durchschlag
Darsteller: Lavinia Wilson (Maria), Maximilian Brückner (Jan),
Richy Müller (Wolfgang), Victoria Mayer (Sarah)
Die Studentin Maria lebt ihr Leben in vollen Zügen - Parties,
Alkohol, Tabletten, Sex, alles ungezügelt und ohne Limit. Ist sie
einmal nicht in "action", schlägt ihre Stimmung radikal um - sie * kann * nicht alleine sein, dann wird sie depressiv, verstümmelt
sich selbst, spielt mit Selbstmordgedanken. "Borderline-Syndrom"
nennen das die Seelenklempner. Ihre beste Freundin Sarah versucht
nach bestem Wissen und Gewissen, Maria zur Seite zu stehen, doch
ihre Ratschläge verhallen zumeist ungehört. So pflegt Maria auch
weiterhin ihre ungesunde Beziehung mit dem älteren Wolfgang, eine
Sache, die nur auf Sex und materiellen Gefälligkeiten beruht. Bis
eines Tages Jan, ein angehender Tierarzt, auftaucht. Ohne von
Marias vielfältigen Problemen zu ahnen, sucht der eher
zurückhaltende Jan Kontakt zu ihr. Anfänglich betrachtet Maria ihn
nur als eine weitere belanglose Affäre, doch als ihr klar wird,
dass Jan andere Interessen hat als nur 'ne schnelle Nummer zwischen
Tür und Angel, beginnt sie nachzudenken. In der Tat übt der
"normale" Jan einen mäßigenden Einfluss auf ihr Seelenleben aus,
doch als er aus Studiengründen für einige Tage verreist, bricht
ihre selbstdestruktive Ader wieder voll aus - sie lässt sich wieder
von Wolfgang, den sie schon in die Wüste geschickt hatte,
flachlegen und erleidet einen Zusammenbruch. Kann Jans Rückkehr das
schlimmste verhindern?
Der Film: "Allein" ist zugegeben ein Film, den ich mir vermutlich
nicht angesehen hätte, wäre er nicht in Form eines Rezi-Exemplars
frei Haus bei mir angeliefert worden. Dramen über psychische
Krankheiten, egal, was für Showcases für darstellerische
Fähigkeiten sie auch immer sein mögen, sind nicht gerade mein
bevorzugtes Metier, und wenn der Kram dann auch noch aus
Deutschland kommt und beim "Max-Ophüls- Festival" mit diversen
Auszeichnungen bedacht worden, kann man schnell bei dem (meist
nicht mal unberechtigten) Vorurteil landen, dass solche Filme
primär für das Publikum solcher Festivals gedreht werden, zur
Freude von pseudointellektuellen Filmkritikern, die sich in den
Feuilletons der Sonntagszeitungen dann seitenweise über den
künstlerischen Anspruch dieser Werke auslassen können, und dabei
fröhlich zu ignorieren, dass Filme im Optimalfall auch ein etwas
breiteres Auditorium ansprechen könnten.
Der Debütlangfilm von Thomas Durchschlag, zuvor nur mit einigen
Kurzfilmen in Erscheinung getreten, lässt mich diese Ansicht nicht
gerade im Sturm revidieren. Ohne Menschen, die unter dem
"Borderline"-Syndrom leiden, oder ihren Freunden und Angehörigen
nahe treten zu wollen, diese psychische Störung ist eine, die es
einem unbelasteten Zuschauer eher schwer macht, sich mit dem
Protagonisten, dem Kranken, zu identifizieren, weil, ich bin mal
wieder ehrlich und oute mich als Unsympath oder sonstiger Mistkerl,
zumindest ich bei Ansicht von "Allein" häufiger mal das Bedürfnis
hatte, Hauptfigur Maria mal ein paar kräftige Ohrfeigen zu
verpassen und "was bist du für 'ne blöde Kuh" in die Horchlöffel zu
blasen. Na logisch, das ist unfair - Maria ist ein Opfer ihrer
Krankheit, aber das ändert nichts daran, dass ich jedenfalls oft
einen neuen Ausbruch, eine neue Stimmungsschwankung nur mit
heftigem Augenrollen quittierte.
Aber seien wir fair - das ist, vermute ich mal, genau der
gewünschte Effekt, denn so oder ähnlich dürfte es den meisten
"Unbelasteten" sein, die es mit einem Borderliner zu tun bekommen.
Das Fiese an dieser psychischen Krankheit ist eben, dass sie sich
nach außen hin, Dritten gegenüber, nicht als Krankheit äußert,
sondern sich nur durch radikale Stimmungsschwankungen, launisches
und irrationales Verhalten bemerkbar macht - in den depressiven,
selbstdesktruktiven Phasen bekommt man einen Borderline-Patienten
ja gemeinhin nicht zu Gesicht. Diese Realitätsnähe bedingt aber,
filmisch gesprochen, zwangsläufig, dass man als Nicht-Betroffener
nur schwer mit der Figur "Maria" connecten kann; zumal der Film in
purer Absicht auch nie explizit erwähnt, dass Maria am Borderline-
Syndrom erkrankt ist (Regisseur und Autor Durchschlag erhofft sich
durch diesen Kniff breitere Relevanz, ich bin nicht ganz sicher, ob
das eine glückliche Entscheidung war, zumal der Streifen jetzt, in
seinem zweiten Leben auf DVD, ausdrücklich als "Borderline"- Film
vermarktet wird).
Es ist vielleicht der größte Schwachpunkt des Films, dass er trotz
der Tatsache, Maria quasi im Alleingang das Storykonstrukt stemmen
zu lassen, sich kaum mit den Hintergründen der Figur beschäftigt.
Wir bekommen Maria, so wie sie ist, vor den Latz geknallt und
müssen damit zurechtkommen. Was ihre Störung ausgelöst hat, wie sie
sich z.B. Sarah, ihrer besten Freundin gegenüber, bemerkbar macht,
bleibt weitgehend außen vor (es gibt zwei kurze throwaway-lines,
die in diese Richtung tendieren, jeweils geäußert von Sarah - zum
einen äußert sie ihr Unverständnis darüber, dass Maria eine
Therapie abgebrochen hat, zum anderen verweist sie kurz auf Marias
Vater, der offensichtlich ein auslösendes Element, eine Ursache der
Persönlichkeitsstörung, war, ohne dass näher auf das Wie & Was
eingegangen ist).
Ein bisschen kennzeichnend für den Aufbau der Geschichte könnte man
die Anekdote nennen, die mir bei Ansicht des Films widerfahren
ist... bekanntlich tun sich alle drei in meinem Haushalt
vorhandenen DVD-Player mit Sunfilm-Scheiben schwer und der, für den
ich mich entschieden hatte, stoppte den Film nach gut 70 Minuten
und sprang ins Hauptmenü zurück. Ich hatte zunächst überhaupt nicht
bemerkt, dass der Film noch weitergehen sollte - ich hielt es
absolut für denkbar, dass der Film an dieser Stelle (Sarah und
Maria diskutieren gerade nach ihrem Zusammenbruch, wie's weiter
gehen soll) finis ist... Vielleicht wär's auch die bessere Stelle
für ein Ende gewesen, denn der Schlussakt inklusive Semi-Happy-End
gehört m.E. nicht zu den herausragenden Parts des Films.
Technisch-handwerklich steht der Streifen, wie angesichts seiner
Festivalbepreisungen irgendwo zu befürchten war, in der Tradition
des (nicht wirklich) guten alten deutschen Autorenkinos der 70er
Jahre - d.h. er ist filmisch ziemlich spröde, wobei er von
stellenweise ausgezeichneter Kameraarbeit von Michael Wiesweg
profitiert. Durchschlag versucht, mit für FSK-12-Verhältnisse
ziemlich, eh, gewagten Sexszenen (inklusive full frontal nudity von
Richy Müller, falls jemand auf genau diesen Anblick schon seit dem
"Arche Noah Prinzip" wartet) und inflationärem Gebrauch der Vokabel
"ficken" zu schocken - ich kann mir nicht helfen, auf mich wirkt
das immer etwas aufgesetzt (vielleicht kenn ich aber nur die
falschen Leute, in meinem Bekanntenkreis redet man nämlich nicht
so). Tempomäßig braucht der Film eine gute halbe-dreiviertel Stunde
Anlaufzeit, bis sich die Story als solche (zentral halt die
Beziehung zwischen Maria und Jan) zu entwickeln beginnt und selbst
dann kommt eher weniger das Gefühl eines echten "flows", einer sich
entwickelnden Geschichte auf als, was aber sicher Absicht ist, eine
Aneinanderreihung von Vignetten aus Marias Leben. Es macht den Film
trotz seiner Laufzeit von knapp 88 Minuten insgesamt recht
anstrengend.
Was die Mühe allerdings lohnt, das muss man herausstellen, ist das
wirklich überwältigende Spiel von Lavinia Wilson ("Schule"), die in
einer sagenhaften Tour-de-Force als Ein-Frau-Show den Film trägt.
Ihr Mut sowohl zur körperlichen als auch seelischen Freizügigkeit
ist bemerkenswert; es gibt, vor allem in Deutschland, wohl nicht
viele Darstellerinnen, die in einer Rolle wie dieser so glaubhaft,
so packend aufgehen. Das ist aber im Umkehrschluss das Problem für
Maximilian Brückner ("Sophie Scholl", außerdem der neueste
"Tatort"-Kommissar des Saarländischen Rundfunks), bei dem man in
den gemeinsamen Szenen mit Wilson oft das Gefühl hat, nicht nur
sein Charakter, sondern auch der Schauspieler selbst stünde Wilson
und ihrem Spiel mit gewisser Ratlosigkeit gegenüber. Richy Müller,
wie bereits gesagt, erstmals in Emmerichs "Arche Noah Prinzip"
wirklich aufgefallen und seither mit einer stetigen Karriere im
TV-Bereich, kann in seinen Auftritten als Marias
Dauer-Sex-und-Geschenke- Affäre Wolfgang durchaus überzeugen,
ebenso Victoria Mayer als Sarah.
Bildqualität: Sunfilm legt den Streifen in anamorphem
1.85:1-Widescreen vor und abgesehen von dem unplanmäßigen
vorzeitigen Stop, den ich oben geschildert habe, lief die Scheibe
relativ klaglos durchh. Das Bild ist eher auf der grobkörnigen
Seite, bietet sich also weniger für Genuss am Beamer oder
PC-Bildschirm an. Der Transfer selbst ist störungs- und
verschmutzungsfrei, mit, vermutlich dem Quellmaterial geschuldeten
eher durchschnittlichen Schärfewerten, gutem Kontrast und
unauffälliger Kompression.
Tonqualität: Sunfilm liefert die deutsche Sprachfassung wahlweise
in Dolby 5.1 und Dolby 2.0. Spektakuläre Klangerlebnisse sind nicht
zu erwarten, die Tonspuren sind aber rauschfrei und ausgezeichnet
verständlich.
Extras: Die beiden zentralen Bonuspunkte sind zum einen eine ca.
halbstündige Dokumentation über die Entstehung des Films, in der
hauptsächlich Regisseur/Autor Durchschlag und Hauptdarstellerin
Lavinia Wilson zu Wort kommen - nicht uninteressant, aber etwas
langatmig gestaltet; zum anderen ein ebenfalls im
Halbstundenbereich eintickendes Gespräch mit einem Experten für
Borderline- Persönlichkeitsstörungen, dem der geneigte Zuschauer,
erfreulicherweise anhand des Films, viele Informationen über das
Krankheitsbild und seine Therapierbarkeit entnehmen kann. Trailer
und Sunfilm-Trailershow runden das Paket ab, ein Audiokommentar
wäre willkommen gewesen, fehlt aber.
Fazit: "Allein" ist ein schwieriger Film zu einem schwierigen
Thema. Sein "Mainstream"-Appeal dürfte gegen Null tendieren, denn
neben dem Komplex "Borderline", der nun einmal am ehesten für aus
erster oder zweiter Hand Betroffene interessant sein dürfte, fehlt
dem Streifen auch *filmisch* die Zugänglichkeit. Lässt man sich auf
den spröden, ungeschönten Blick auf die Realität eines
unterschätzten Krankheitsbildes ein, wird man mit einer
hervorragenden schauspielerischen Leistung von Lavinia Wilson
belohnt, die gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Ein Film, den
man sich zur erbaulichen Unterhaltung ansieht, wird natürlich
trotzdem nicht draus - sagen wir's mal so rum: "Allein" hat
durchaus ein Publikum verdient, aber ich bin nicht sicher, ob ich
dazu gehöre...
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