American Splendor
Aus Badmovies.de
USA 2003, 97 min, FSK 12
Regie: Shari Springer Berman, Robert Pulcini
Darsteller: Paul Giamatti (Harvey Pekar), Hope Davis (Joyce
Brabner), James Urbaniak (Robert Crumb), Judah Friedlander (Toby
Randloff), Harvey Pekar (als er selbst), Joyce Brabner (als sie
selbst)
Harvey Pekar ist ein notorischer Loser - gerade seiner zweiten Frau
scheidungstechnisch verlustig gegangen, schiebt der Platten- und
Comic-Sammler in seinem langweiligen Aktenschubserjob in einem
Krankenhaus mächtig Frust. Bis ihm eines Tages die Große Idee (TM)
kommt - warum nicht aus seinem deprimierenden Alltagsleben einen
Comic machen? Harveys Freund, der berüchtigte
Underground-Comic-Zeichner Robert Crumb ("Fritz the Cat") hält das
für einen großartigen Einfall und erklärt sich bereit, Harveys
Strichmännchen-Zeichnungen in Comic-Kunst zu übertragen. "American
Splendor", so sarkastisch wird das Heft betitelt, entwickelt sich
umgehend zum Kult-Hit, aber an Harveys Leben ändert sich nicht
viel. Immer noch ist er allein und gefrustet, bis es ihm eines
Tages gelingt, einen weiblichen Fan namens Joyce zu einem Besuch zu
überreden. Die durchgeknallte Joyce und der manisch-depressive
Harvey beschließen noch am ersten Abend die Eheschließung. Sieht so
aus, als könnte es aufwärts gehen mit Harvey, der zum Stammgast in
der David-Letterman-Show und damit zum household-Begriff in den USA
wird. Doch auch das verkauft keine Comics, die Ehe mit Joyce
kriselt vor sich hin, und dann wird bei Harvey auch noch Krebs
diagnostiziert...
Der Film: Comic-Verfilmung einmal anders. "American Splendor", die
zynisch-sarkatischen Alltagsbeobachtungen von Harvey Pekar, die
seit Mitte der 70er Jahre etwa jährlich erscheinen, sind keine
gewöhnliche Comic-Kost - schließlich dokumentiert Pekar im Comic
sein eigenes Leben, so dass eine filmische Adaption eigentlich nur
zum Biopic werden kann (womit Pekar dann auch zu seinem Freund
Robert Crumb aufschließt, der schon 1994 seine
Lebensgeschichte verfilmt bekam). Die nicht einfache Aufgabe, einen
Film über ein Comic über ein wahres Leben zu drehen, nahm sich
das Regie-Ehepaar Robert Pulcini und Shari Springer Berman, die
zuvor einige preisgekrönte Dokumentationen gedreht hatten, für ihr
Spielfilmdebüt vor.
Die Herkunft der beiden Regisseure aus dem Doku-Genre merkt man
"American Splendor", man ist versucht zu sagen "gottseidank" an -
denn das Regie-Team erkannte die Anforderungen des Stoffs und
beschloss, die Herausforderungen icht nur anzugehen, sondern sogar
noch die ein oder andere Metaebene hinzuzufügen. So wird die
eigentliche Spielhandlung des Films immer wieder für kurze,
dokumentarische Sequenzen mit dem echten Harvey Pekar (der auch die
voice-over-Erzählung besorgt) - und einigen anderen realen
Vorbildern von Filmcharakteren - unterbrochen, der die den Film
kommentiert oder auf Interviewfragen der Regisseure Antwort gibt.
Da wir darüber hinaus noch eine Eröffnungssequenz in Pekars
Kindheit sowie Original-Aufnahmen seiner Letterman-Auftritte haben,
ergibt das mit dem "Film"-Pekar satte vier Inkarnationen der
gleichen Figur, und wenn der Film-Pekar nach Los Angeles reist, um
sich dort ein Theaterstück ansieht, das auf den Comics basiert, und
damit der Film-Pekar einem Bühnen-Pekar zusieht, kann das, wenn man
darüber nachdenkt, vor lauter Metaebenen schon die ein oder andere
Gehirnwindung zum Platzen bringen (und da sind die verschiedenen
animierten und gezeichneten Pekar-Inkarnationen, die immer wieder
eingestreut werden, noch gar nicht mitgerechnet).
Zum Glück widerstehen die Regisseure zumindest der Versuchung, die
Geschichte auch noch non-linear zu erzählen - zwar beginnt der Film
1950, springt dann nach 1975, um ins Jahr 1962 zurückzukehren (um
die Freundschaft Pekar-Crumb zu definieren), doch nach der
neuerlichen Rückkehr ins Jahr 1975 bleibt der Film dann in
chronologischer Reihenfolge. Durch die Unterbrechung der laufenden
Handlung durch die Interview-/Doku-Sequenzen mit dem echten Pekar
ist der Film sowieso schon - im positiven Sinne - episodenhaft
genug, noch mehr Zeitsprünge wären da des Guten zuviel gewesen.
Der Film verleugnet auch die Herkunft seines Quellmaterials aus der
Comic-Welt in keiner Sekunde - schon die Vorspann-Sequenz, in der
die Credit-Angaben Panel für Panel wie in einem Comic abgearbeitet
werden, macht dies deutlich. Auch im weiteren Filmverlauf gibt's
immer wieder kurze animierte Sequenzen oder einzelne Comic-Panele,
die eingeblendet werden, einzelne Shots sind sogar wie Comic-Panele
geframed und in einer brillanten Sequenz gegen Ende werden,
filmisch betrachtet (im Kontext der Story macht das an der Stelle
durchaus Sinn) die Grenzen zwischen der "dreidimensionalen"
Realität und der gezeichneten Welt verwischt (auf ausgezeichneten
technischem Niveau, übrigens). Das reicht den Filmemachern dann
aber auch durchaus an visuellen Mätzchen (klar, das sind
schließlich bewährte Doku-Filmer und keine Kunstfilmer), wobei die
Übergänge zwischen Realaufnahmen und den vereinzelten gezeichneten
Sequenzen perfekt gelöst wurden.
Ihr habt's bereits gemerkt, ich hab meine übliche Review-Struktur
etwas verändert und zunächst die technisch-handwerklichen Aspekte
abgehandelt. Die Story selbst kann man kaum kritisch betrachten,
schließlich ist das Ding eine real-life-Geschichte; auch wenn sich
die Filmemacher (auch als Autoren tätig) natürlich einige
künstlerische Freiheiten erlauben, bleibt der Film - soweit ich das
beurteilen kann - sehr nah an der wahren Geschichte. Es ist keine
besonders spektakuläre Geschichte, das ist klar, und es fehlt ihr
streng genommen sogar an einer wirklichen Identifikationsfigur,
denn Harvey Pekar, so wie er vom Film gezeichnet wird (und da der
echte Harvey ersichtlich keine Probleme mit seiner hiesigen
Zeichnung hat, wird das wohl auch so hinkommen), kann man nur mit
viel Müh und Not als Sympathieträger bezeichnen. Er hat einen,
vorsichtig ausgedrückt, schwierigen Charakter, neigt zu
Jähzornsausbrüchen, hat ein rein grundsätzliches Problem mit
Ordnung und Sauberkeit (hm, verdammt, ich kann mich mit dem Kerl
stärker identifizieren als es mir lieb ist), macht aus seinem
Leben, trotz seines Erfolgs mit der Comic-Reihe, irgendwie zu wenig
und ist auch nur unzureichend beziehungsgeeignet - kurz gesagt,
manche Menschen würden ihn einen ordentlichen Kotzbrocken nennen.
Dass einem der Typ trotzdem im Verlauf der nicht gerade
turbulenten, aber zumindest kurzweiligen 97 Minuten irgendwie ans
Herz wächst, ist auch ein Verdienst des Schauspielers (dazu mehr am
passenden Ort). Auch die weiteren wichtigen Figuren werden mit all
ihren Schwächen (und allen ist zu eigen, dass sie mehr Schwächen
als Stärken zu haben scheinen) gezeichnet (Harveys mindestens
ebenso schwierige Frau Joyce, sein seltsam sprechender
Arbeitskollege Toby [der es in der Tat allein durch die
Bekanntschaft mit Harvey zu Ruhm in MTV-Einspielern kam und hier
auch in "wahrer" Person auftritt], der stolz darauf ist, ein
"genuine nerd" zu sein).
An dieser Stelle muss ein - auch von Publisherseite gestütztes -
Missverständnis aufgeklärt werden. "American Splendor" wird mit
Coversprüchen wie "der witzigste Film des Jahres" als Komödie
beworben. Es ist keine Komödie. Harvey Pekars Leben ist nicht
lustig, sondern im Gegenteil eher traurig, und ein Film, der
authentisch seine Geschichte erzählt, kann, so er sein Objekt nicht
nur verarschen will, und das will "American Splendor" nicht, eben
auch nicht lustig sein. Gewiss, der Streifen hat lustige Momente
und einige Szenen, über die man schallend lachen kann (z.B. wenn
Harvey Pekar über das Supermarkt-Kassen-Syndrom stolpert, das
sicherlich jedem, der zum Einkaufen nicht nur die Mama beschäftigt,
ein Begriff ist), aber der Grundtenor ist ein ernsthafter. Aber
dieser Ton ist genau der richtige, Pekars Comic ist schließlich
kein "funny".
Für Paul Giamatti, der sich bis hierhin in etlichen großen Filmen
als Nebendarsteller durchgeschlagen hatte (u.a. "Planet der Affen",
"Verhandlungssache", "Big Mamas Haus") stellt die Rolle des Harvey
Pekar seine erste Hauptrolle dar (direkt danach ergatterte er die
Hauptrolle im wie "Splendor" vielfach ausgezeichneten "Sideways").
Auch wenn Pekar, der echte, zurecht anmerkt, dass sich die
physische Ähnlichkeit Giamattis mit ihm in Grenzen hält,
schauspielerisch liefert Giamatti eine echte Glanzleistung ab,
sowohl in den dramatischen als auch den heitereren Momenten. Hope
Davis ("About Schmidt", "Arlington Road") als Joyce Brabner vermag
ebenfalls voll zu überzeugen. In Nebenrollen finden wir James
Urbaniak ("Teknolust", "Confessions of a Dangerous Mind") als
Robert Crumb und - dead-on, der Vergleich ist möglich, weil der
echte Toby Radloff ja auch mitspielt - Judah Friedlander
("Showtime", "Starsky & Hutch").
Bildqualität: Sunfilm, bekanntlich mittlerweile ziemlich
verlässlicher Lieferant guter Qualität, legt den Streifen in
bildschönem anamorphen 1.85:1-Widescreen vor. Der Transfer besticht
durch sehr gute Schärfewerte, sehr schöne Farben (die Farbgebung
des Films unterliegt durchaus künstlerischen Motiven), guten
Kontrast und eine unauffällig werkelnde Kompression.
Verschmutzungen, Bilddefekte oder Masteringfehler sind nicht zu
verzeichnen. Bestens (und selbst mein mit Sunfilm-Scheiben
normalerweise etwas auf dem Kriegsfuß stehender Player entschied
sich dazu, den Film klaglos und ohne auch nur das leisteste
Layerwechsel-Ruckeln abzuspielen. Geht doch...)
Tonqualität: Drei Tonspuren stehen zur Auswahl - die (leider etwas
sterile) deutsche Synchro ist wahlweise Dolby 5.1 oder dts zu
geniessen, der englischsprachige O-Ton in Dolby 5.1. Schon allein
aufgrund der Lebendigkeit ist die O-Ton-Version deutlich
vorzuziehen - natürlich handelt es sich nicht um ein
Surround-Festival, es ist ein Film der leisen, aber perfekt
abgemischten Töne. Die Sprachqualität ist hervorragend, der Mix
ausgezeichnet differenziert. Deutsche Untertitel werden
mitgeliefert.
Extras: Neben dem (von mir noch nicht angetesteten) Audiokommentar
ist die Ausstattung doch vergleichsweise mager. Unter "Behind the
scenes" verbergen sich zur Abwechslung mal keine unkommentierten
Drehaufnahmen, sondern kurze (sehr kurze) Interviewsequenzen mit
Co-Regisseurin Berman, Pekar, Joyce Brabner sowie Effekt- und
Titeldesignern (insgesamt knapp fünf Minuten). Etwas über drei
Minuten dauert die Featurette "The Road to Splendor", vom Cover
großspurig als "making of" angepriesen, in Wahrheit ein kurzes und
recht amüsantes Filmchen über die Premiere des Films beim Festival
von Cannes, zu der auch Pekar und Brabner anreisten.
Produktionsnotizen der Regisseure auf vielleicht fünf Texttafeln
sowie Text-Biografien für selbige und Pekar runden, neben dem
Originaltrailer und drei weiteren Trailern aus dem
Sunfilm-Programm, die Scheibe ab. Allerdings sollte derjenige, der
die deutschen Untertitel für die Extras angefertigt hat, doch ein
anderes berufliches Gebiet wählen - das liegt schon heftig neben
der Spur ("Spring Break Party" = "Frühlingspausenparodie"???
Waggawagga... Die Subs für den eigentlichen Film sind aber
brauchbar).
Nicht vergessen sollte man aber die *extrem* liebevolle Aufmachung
der DVD, die in einem Digipak mit transparentem, aber bedruckten
Plastikschuber kommt. Schuber und Digipak ergeben zusammen ein sehr
schönes Cover, das dazu noch die Metaebene Comic/Realfilm perfekt
transportiert. Da könnte man wirklich zum Verpackungsfetischisten
werden. Reizend gemacht. Weitere Zugabe ist ein 24-seitiges
Comic-Booklet, von deutschen Zeichnern gestaltet, dass nochmals
einige Punkte aus Pekars Biographie nacherzählt. Die Zeichner
bemühen sich, den typischen Robert-Crumb-Stil nachzuvollziehen,
aber es wirkt halt leider nur wie eine billige Kopie dese Meisters.
Trotzdem - der gute Wille zählt.
Fazit: Abgesehen von der etwas irreführenden Bewerbung als witzige
Komödie fällt mir nicht wirklich etwas ein, was ich an "American
Splendor" zu bekritteln hätte (gut, vielleicht nehme ich den Film
selbst etwas ZU ernst, weil mir doch einige Parallelen zu meinem
eigenen traurigen Dasein auffallen, nur, dass ich anstelle Comics
zu zeichnen, halt doofe Filmreviews schreibe. Jeder das, was er zu
können glaubt...) Die tragikomischen (naja, ein wenig komisch sind
sie halt dann doch, gell) tristen Alltagsabenteuer des Harvey Pekar
funktionieren jedenfalls auch als Film, dank der kongenialen
Regiearbeit von Berman und Pulcini, die genau mit dem richtigen
Ansatz an das Projekt herangegangen sind - kein bloßes Abfilmen der
Comics, sondern eine vielschichtige, aufgrund seiner diversen
Metaebenen (mein Gott, ich werfe wieder mit Worten um mich) fast
schon philosophische Herangehensweise mit sowohl künstlerischem als
auch dokumentarischen Anspruch und dennoch, nicht zuletzt aufgrund
der ausgezeichneten darstellerischen Leistung von Paul Giamatti,
auch noch unterhaltsam. Ein wirklich völlig * anderer * Film, von
Sunfilm in einer insgesamt als sehr gelungen zu bezeichnenden
DVD-Veröffentlichung auf den Markt gebracht.
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