Amityville Horror, The
Aus Badmovies.de
USA 2005, 90 min, FSK 16
Regie: Andrew Douglas
Darsteller: Ryan Reynolds (George Lutz), Melissa George (Kathy
Lutz), Jesse James (Billy Lutz), Jimmy Bennett (Michael Lutz),
Chloe Moretz (Chelsea Lutz), Rachel Nichols (Lisa), Phillip Baker
Hall (Father Calloway)
1974 ermordet Ronald Defeo unter dem Einfluss ominöser Stimmen
seine gesamte Familie. Verständlicherweise ist der Tatort, ein
riesiges Kolonialstil-Haus, ein echter Ladenhüter, bis ein Jahr
später die Familie Lutz das vermeintliche Schnäppchen erwirbt. Die
äußerlich intakte American-Dream-Family hat von Haus aus ein paar
Risse – die Kinder akzeptieren George, ihren Stiefvater (der
leibliche Vater ist verstorben) nur widerwillig, besonders der
älteste Sohn Billy. Schon kurz nach dem Einzug in den
renovierungsbedürftigen Schuppen kommt's zu mysteriösen
Ereignissen, die sich vor allem auf Tochter Chelsea und George
konzentrieren. Chelsea freundet sich mit dem Geist ihrer ermordeten
Altersgenossin Jody an (was von ihrer Mama als typische
„imäginärer-Freund"-Geschichte abgetan wird) und Georges
Persönlichkeit wird einem raschen und radikalen Wandel unterworfen.
Aus dem treusorgenden und bemühten Familienvater wird ein
jähzorniger Disziplinfanatiker, der sich zudem noch besonders zum
Keller des Hauses (seinem „Büro") hingezogen fühlt. Nachdem
Babysitterin Lisa ihren Dienst aufgrund schweren Schocks aufgrund
eines durchaus traumatischen Erlebnisses im Wandschrank quittieren
muss und einige weitere Geschehnisse Kathy Lutz aus der Bahn
werfen, wird klar – im Haus lebt etwas Böses und das versucht,
George dazu zu bewegen, seine Familie umzubringen...
Der Film (Warnung, here may be spoilers):
Und wieder einmal bahnt sich ein Remake eines (naja, zumindest vom
Namen her) Klassikers des 70er-Jahre-Horrorkinos den Weg auf die
Leinwände und da kann der Name Michael Bay ja nicht weit sein – wie
beim „Texas Chainsaw Massacre" fungiert Bay hier als Produzent. Nun
kann man sich beherzt fragen, ob ein Remake des zwar vielfältig
fortgesetzten (Teil 3 der Serie, in 3D, hat ja z.B. einen frühen
Auftritt von Meg Ryan zu bieten), aber nun von den Leuten, die
glauben, etwas davon zu verstehen, nicht unbedingt hochgeschätzten
Films wirklich nötig war. Nun gut, in Zeiten, in denen jeder Stoff,
der nicht bei drei auf'm Baum ist, remaked oder re-envisioned wird,
bis die Schwarte kracht, darf man sich vermutlich nicht beschweren
(warum man aber ausgerechnet einen Durchschnittsfilm wie diesen
recycled... naja, der Name macht's, jeder hat schon mal was davon
gehört...).
Den meisten Mitlesern werde ich sicher nichts neues erzählen – die
ganze Geschichte um das Spukhaus von Amityville wurde dem geneigten
Publikum in den 70er Jahren als wahre Geschichte verkauft und in
der Tat gingen die realen Lutzes lange Jahre mit ihrer
schauerlichen Story hausieren, bis George Lutz 1992, wenn ich recht
informiert bin, mit der Wahrheit rausrückte. Natürlich gab's nie
übersinnliche Ereignisse im Amityville-Haus, böse Zungen behaupten,
dass Lutz die Geschichte nach ein wenig Recherche, was die
(tatsächlich vorgefallenen) Defeo-Morde angeht, ausheckte, um seine
ihm über den Kopf steigenden Hypotheken-Schulden abzuzahlen. Dass
die Story mittlerweile also allgemein bekannt einer der größten
„Hoaxes" der Spiritisten-Geschichte ist, hindert Michael Bay und
seine Mitproduzenten nicht daran, den Schmu auch anno 2005 wieder
als „wahre Geschichte" zu verkaufen und, das hat ihm wohl bei
Nispels „TCM"-Version gut gefallen, lässt deswegen einen Prolog um
die Defeo-Morde – mit den aus „TCM" bekannten auf Dokumentation
getrimmten Einsprengseln – antackern.
Inhaltlich hält sich der Film in groben Zügen an die altbekannte
Geschichte, weicht aber in einigen Details und einigen wirklich
wichtigen Punkten deutlich vom Originalfilm ab (ich werde das jetzt
aufzählen, deswegen obige Spoilerwarnung). Neben den minor plot
points, die nicht wirklich was zur Sache tun und die ich deshalb
ignoriere, ändert der Film u.a. folgendes ab – während im
Originalfilm eine ganze Priesterarmee versucht, den bösen Geist des
Haues zu exorzieren, komprimiert der Film die Priesterschaft auf
eine einzige Figur (und, wenn man böse wäre, auch nur eines
halbseidenen CGI-Effekts wegen). Noch schwerwiegender, um fast zu
sagen, unverzeihlich, aber wohl zeitgemäß, ist der radikale Wechsel
der „Horror-Perspektive", wenn ich das mal so ausdrücken kann.
Stephen King, der in seinem von mir bereits zigfach empfohlenen
Sekundärliteratur-Standardwerk „Danse Macabre" den Originalfilm
ausführlich analysiert hat, beschrieb „Amityville Horror"
zutreffend als einen der wenigen Vertreter des „economic horrors" -
damit ist nicht gemeint, dass der Film „ökonomisch", also billig,
realisiert wurde, sondern dass der Horror eine wirtschaftliche,
finanzielle Komponente hat; die Lutzes werden im Originalfilm
einfach monetär ruiniert, weil Georges Geschäft (er ist
freischaffender Handwerker) nach dem Einzug ins Haus kollabiert.
Diesen Aspekt negiert das Remake völlig (wenn George nicht
handwerkliche Begabung beweisen und mit einem Truck mit
Werbeaufkleber für seine Firma rumfahren würde, niemand würde
überhaupt auf seinen Beruf schließen), womit dem Film eine
Komponente fehlt, die den Originalstreifen 1979 (in einer Zeit
wirtschaftlicher Rezession in den USA) funktionieren liess (wie
King a.a.O. Ausführt, war das seiner Ansicht nach auch der Grund
dafür, dass der Film außerhalb der USA wenig Erfolg hatte. Der Rest
der Welt „hatte andere Probleme"). Ebenfalls vernachlässigt das
Remake die familiäre Struktur der Lutzes – der Originalfilm hatte
stärker herausgearbeitet, dass George um Akzeptanz bei seinen
Stiefkindern ringt, das Remake belässt es bei einigen „I miss
Daddy"-Lines der Kids (nur Billy zeigt gemäßigte wirkliche Aversion
gegen den neuen Papa) – fast schon folgerichtig fehlt auch die
innige Beziehung zur Axt, die George im 79er-Film eingeht.
Das deutet schon alles darauf hin, dass dem Remake die vom
Originalfilm durchaus in den Raum gestellte These, dass der Horror
nicht nur vom Haus aus sich ausgeht, sondern George aufgrund seiner
wirtschaftlichen und familiären Probleme, freundlich ausgedrückt,
extrem anfällig für die negativen Schwingungen des Gemäuers ist,
geflissentlich ignoriert und daher – ebenso konsequent- wie
dämlicherweise zum Showdown einen fast schon jämmerlich okkulten
Hintergrund um die Geschichte des Hauses und sogar so etwas wie
eine physische Manifestation des Bösen einführt. Übellaunig könnte
man sich dazu versteigen, dass das Remake seine Einflüsse nicht nur
dem Original entnimmt, sondern auch ein gerüttelt Mass „Shining"
(das Buch) und „Poltergeist" drüberschüttet.
Unabhängig davon inszeniert Spielfilm-Regiedebütant Andrew Douglas
(bislang lediglich mit einer Dokumentation über das Leben in den
Südstaaten aufgefallen) den Film als solides, wenn auch eher
uninspiriertes Spannungskino, wobei er auch von der guten
Kameraarbeit von Peter Lyons Collister profitiert (und seitdem ich
dessen Filmographie nachgeschlagen habe, wundert mich nicht, warum
einige durchaus wirkungsvolle Szenen auf dem Dach des
Amityville-Hauses spielen. Collister fotografierte u.a. „Halloween
4" und zitiert sich damit ausführlich selbst). Douglas muss - der
subject matter eines ordinären Spukhausfilms, und nichts anderes
ist der Film, geschuldet – damit zurechtkommen, dass der Streifen
beim besten Willen nicht besonders rasant, temporeich gestaltet
werden kann; es liegt in der Natur der Sache, dass der Horror sich
schleichend und langsam steigernd entwickelt (immerhin vermeidet
der Film durch das völlig neue Ende den vergleichsweise lahmen
Schluss des Originals) – auf der Sitzkante rumrutschen ist
Fehlanzeige, vielmehr werden die klassischen Elemente des
Spukhausfilms (und des Originals) wie blutende Glühbirnen und Wände
oder sich selbst öffnende und schließende Türen und Fenster
abgearbeitet, garniert mit ein paar (oft antelegrafierten, manchmal
aber auch packenden) Schockeffekten (zwei-drei davon zünden
tatsächlich. Das mag nach wenig klingen, aber man muss sich auch
vor Augen halten, mit welchem abgegriffenen Thema man es zu tun
hat; schließlich ist im Genre „Spukhaus" seit Robert Wises „Bis das
Blut gefriert" eigentlich alles gesagt), und zum unnötigen
Überdruss werden ein paar sekundenkurz geschnittene Gore-FX aus der
KNB-Schmiede draufgepackt. Der Score von Steve Jablonsky („Texas
Chainsaw Massacre", „Desperate Housewives" - tja, ein Hansdampf in
allen Gassen) ist nicht so memorabel wie der Schifrin-Soundtrack
des Originals, aber für sich gesehen durchaus stimmungsvoll.
Aufgewertet wird der Film durch einige recht witzige Dialoge bzw.
one-liner (vor allem von George), die für gepflegtes Schmunzeln
sorgen können.
Recht plausibel ist die Schauspielerei. Ryan Reynolds („Blade:
Trinity") gelingt es, Georges Abgleiten in den Wahnsinn recht
nuanciert und glaubhaft darzustellen – fast sogar ZU glaubhaft,
denn man neigt als Zuschauer in der Tat dazu, mit George zu
sympathisieren, wenn er seine nervigen Blagen (die zwar nicht
wesentlich nerviger sind als andere nervige Blagen in Horrorfilmen,
aber hey, nervig ist nervig) abzumurksen versucht. Optisch erinnert
er durchaus an James Brolin im Original. Melissa George
(„Mulholland Drive", „Alias") ist hübsch anzusehen und erfüllt ihre
Aufgabe routiniert, aber auch nicht sonderlich denkwürdig. Zu den
Kinderdarstellern sag ich vorsichtshalber nichts, was nicht auch
George Lutz im Film sagt („wipe that stupid look off your face").
Rachel Nichols („Dumm und Dümmerer") absolviert einen amüsanten
Kurzauftritt als Babysitterin Lisa und Phillip Baker Hall
(„Magnolia", „Der Anschlag", „Dogville") hinterlässt als Gottesmann
Callaway keinen speziell tiefschürfenden Eindruck.
Summa summarum – NÖTIG war das Remake so sehr wie die meisten
seiner Zunft – wirklich innovatives oder originelles hat „The
Amityville Horror" nicht zu bieten (wie auch, wenn man, dem
Remake-Wahn sein dank, in ein relativ starres Konzept gezwängt
ist). Für sich alleine gesehen bietet der Film aber durchaus
ansehnliche Gruselunterhaltung auf handwerklich gutem Niveau, mit
einem gut aufgelegten Hauptdarsteller und einigen effektiven
Scares. Man muss sich also nicht unbedingt grämen, Geld in eine
Kinokarte ausgegeben zu haben (da gibt's ganz andere Kandidaten),
aber revolutionär Neues oder Aufregendes darf der geneigte
Konsument nicht erwarten, es ist alter Wein in neuen Schläuchen. Am
besten bedient sein dürfte die Klientel, die den Originalfilm nicht
kennt.
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