Atanarjuat
Aus Badmovies.de
Kanada 2000, 168 min, FSK 12
Regie: Zacharias Kunuk
Darsteller: Natar Ungalaaq (Atanarjuat), Sylvia Ivalu (Atuat),
Peter-Henry Arnatsiaq (Oki), Lucy Tulugarjuk (Puja), Madeline Ivalu
(Panikpak), Pauloosie Qulitalik (Qulitalik), Eugene Ipkarnak
(Sauri), Pakak Innuksuk (Amaqjuaq), Neeve Irngaut (Uluriaq),
Abraham Ulayuruluk (Tungajuaq)
Das Böse manifestiert sich in der Inuit-Siedlung Igloolik - dem
machthungrigen Sauri gelingt es mit Hilfe eines fremden Schamanen,
den Stammesführer abzumurksen und seine Stellung einzunehmen.
Ausbaden muss es die Sippe seines Rivalen Tulimaq, die zu sozialen
Außenseitern stigmatisiert wird. Nur Sauris Mutter Panikpak
unterstützt Tulimaq und dessen beiden Söhne, auf die sie große
Hoffnungen zur Wiederherstellung des Friedens setzt. Jahre später
sind Tulimaqs Sprößlinge Amaqjuaq und Atanarjuat echte Männer
geworden, die ständig im Clinch mit Sauris Sohn Oki liegen. Den
stört ganz besonders, dass Atanarjuat ein Auge auf die ihm
versprochene Atuat geworfen hat. Oki fordert Atanarjuat zum
rituellen Kampf - böse und gute Geister werden von den jeweiligen
Fraktionen zu Hilfe gerufen, wobei die Guten sich für den Moment
als überlegen erweisen. Atanarjuat gewinnt und die Siegprämie ist
Atuat. Atanarjuat, Amaqjuaq und deren jeweilige Frauen trennen sich
von Sauris Sippe - so könnte alles Friede Freude Eierkuchen sein,
aber Oki ist nachtragend. Als Atuat aufgrund akuter Schwangerschaft
Atanarjuat nicht zur Karibujagd begleiten kann, drängt Oki dem
alten Kontrahenten seine Schwester Puja als Jagdhelferin auf, wohl
wissen, dass Atanarjuat nicht abgeneigt ist, auch bei ihr zu
landen. Tatsächlich gelingt es Puja ohne weiteres, Atanarjuat zu
becircen und zu seiner offiziellen Zweitfrau zu werden. Wie nicht
anders zu erwarten, stiftet Puja schnell Unfrieden in ihrer neuen
Familie und verführt, was ein ganz böses Tabu ist, Amaqjuaq.
Atanarjuat verstößt Puja und ist auf seinen Bruder herzlich böse.
Oki schmiedet einen teuflischen Plan - Puja kehrt zu Atanarjuats
Sippe zurück, bittet um Verzeihung und wird wieder aufgenommen,
doch ist dies für sie natürlich nur ein Vorwand, um Atanarjuat an
Oki zu verraten. Oki und zwei seiner Kumpel greifen an, können
jedoch nur Amaqjuaq töten. Atanarjuat flieht nackt und barfuss
über's Eis und wird von Panikpaks Bruder Quilitalik, einem
mächtigen Schamanen gefunden und gesundgepflegt. Während Atuat
unter Okis Fuchtel nichts zu lachen hat und Oki, weil Sauri ihn das
Mädel nicht heiraten lässt, seinen Vater kurzerhand umbringt,
bereitet Quilitalik Atanarjuat spiritistisch auf sein großes
Comeback vor...
Der Film: Hrrfz, mich juckt's in den Fingern, ich muss den
Oblaten-Joke gleich zu Beginn bringen - es ist verdammt hart, fast
drei Stunden lang Dialogen zuzuhören, die den geneigten Konsumenten
zu der Schlußfolgerung bringen, dass Hape Kerkeling mit seinem
"Wiegenlied der grönländischen Eskimofrau" gar nicht so
unauthentisch war...
"Atanarjuat" ist, filmhistorisch betrachtet, durchaus ein wichtiger
Film, handelt es sich doch um den ersten abendfüllenden Spielfilm,
der von einer (bis auf wenige Ausnahmen) reinen Inuit-Crew mit
einem reinen Inuit-Cast auf Inukit, der Sprache der arktischen
Ureinwohner, gedreht wurde. Das ist prinzipiell löblich und wird
von mir moralisch durchaus unterstützt, die Frage bleibt jedoch, ob
man sich den Streifen als Nicht-Inuit unbedingt ansehen muss. Wie
so oft beantworte ich dies mir selbst mit einem entschiedenen
"Jein".
Das Drehbuch zu "Atanarjuat" basiert auf einer alten Inuit-Legende,
die in einem mühseligen Prozess aus einer Vielzahl verschiedener
mündlich überlieferter Varianten (die Inuit kennen keine
Schriftsprache) zu der hier vorliegenden "Endfassung" destilliert
wurde. Erfreulicherweise wird die Überlieferung im Bonusmaterial in
groben Zügen dargelegt, so dass einiges, was in der Filmfassung
einem Nicht-Inuit möglicherweise verschlossen bleibt, zumindest
einigermaßen geklärt wird. Die Filmversion verzichtet nämlich, was
einerseits schade, andererseits aber wohl auch dem beschränkten
Budget und der mangelnden Expertise der technischen Crew geschuldet
ist, auf bildhafte Umsetzung der in der Original-Legende in
vielfältiger Form ins Geschehen eingreifenden guten und bösen
Geister - die übernatürlichen Ereignisse der Story bleiben in der
Filmfassung zwar als Plotpunkte vorhanden, als Zuschauer muss man
die sich aber schon selbst zusammenreimen (man kann dem Film zwar
notfalls durchaus folgen, wenn man die Eingriffe der Geisterwelt
nicht als solche erkennt, wird aber ab und zu ein "what the f...?"
in seinen Bart murmeln).
Die Geschichte selbst ist ein durchaus kraftvolles Drama um
Verantwortung, Verrat, Schuld und Verzeihen - die Legende, die
natürlich dem alltäglichen Überlebenskampf in der Arktis
entspringt, soll versinnbildlichen, dass in einer lebensfeindlichen
Umgebung, wie sie Eis und Tundra nun mal darstellen, der
Zusammenhalt einer Gemeinschaft das Nonplusultra, der um beinahe
jeden Preis her- bzw. wiederzustellende Idealzustand ist, dem der
Einzelne sich auch bei etwaig abweichenden persönlichen Wünschen
unterordnen muss, wobei interessanterweise beide Hauptfiguren,
sowohl der "Held" Atanarjuat als auch sein Widerpart Oki als
Egoisten gezeichnet werden. Bei Oki liegt die Sache einfach - er
(wenn gleich unter dem Fluch des bösen Schamanen handelnd) hat den
Machthunger seines (allerdings deutlich gemäßigteren) Vaters geerbt
und stellt seine persönlichen Macht- und Besitzansprüche über das
Wohl seiner Gefährten. Atanarjuat auf der anderen Seite wird uns
als unbekümmert in den Tag lebender Sorgloser vorgestellt, der kaum
einen Gedanken auf den Zusammenhalt der Gemeinschaft verschwendet
(was man ihm insofern nicht verübeln kann, als seine Familie von
eben dieser Gemeinschaft miserabel behandelt wurde), dessen
sexueller Egoismus gleich zweimal für Ungemach sorgt. Dadurch, dass
er die schon vergebene Atuat begehrt, macht er Oki zu seinem
erklärten Feind und spaltet damit effektiv den Clan, als er später
darüber hinaus noch Puja ehelicht, zerstört er damit seine eigene
Familie und ist letztlich zumindest teilverantwortlich für den Tod
seines Bruders. (SPOILER) Erst, als Atanarjuat unter Quilitaliks
spiritueller Fuchtel erkennt, dass er die Verantwortung für sein
Tun und Handeln übernehmen muss, kann er den Kreislauf der Gewalt
durchbrechen, das Böse vertreiben und der Gemeinschaft den
ersehnten Frieden wiederbringen (SPOILERENDE).
Wie gesagt, das ist allemal ein plausibles Thema für einen Film und
wäre es rein grundsätzlich auch hier. "Wäre". Wenn der Film, pardon
my french, nicht einfach elendiglich lang wäre. Von den fast drei
Stunden ist *mindestens* eine deutlich zuviel, um einen Zuschauer,
dem's nun nicht primär darum geht, Randgruppen des World Cinema zu
fördern, sondern hauptsächlich einen interessanten Film sehen will,
zu packen. Zacharias Kunuk, dem Regisseur des Streifens, geht's
nämlich nicht nur ums Geschichtenerzählen an sich, vielmehr und
vermutlich primär um eine authentische Darstellung der
Inuit-Lebensweise, bevor der weiße Mann diese Kultur, wie so viele
Naturvölker-Kulturen, beinahe ausrottete. Kunuk ist zum Schaden des
Films dahingehend ein Pedant - es mag aus anthropologischer,
kulturgeschichtlicher und soziologischer Sicht durchaus
faszinierend sein, dass Kunuk viel Energie darauf verwandte, sowohl
Sitten und Gebräuche als auch Requisiten und Kulissen
hundertzehnprozentig korrekt aussehen zu lassen, aber es tut der
Geschichte nicht gut. Wenn man so will, wird man aus der Story des
Films immer wieder für langwierige dokumentarische Abschweifungen
z.B. zum korrekten Abschaben von Fleischresten aus Fellen etc.
herausgerissen (oder umgekehrt). Salopp gesagt ist das "Discovery
Channel" mit Handlung und das vorhersehbare Ende vom Lied ist halt
dann zwangsläufig, dass weder der dokumentarische noch der
erzählerische Ansatz befriedigend aufgelöst werden. Das mag Kunuk
unter Umständen sogar wurscht sein, denn, wie sich dem
Begleitmaterial entnehmen lässt, sehen er und seine Mitstreiter als
einen der herausragenden Erfolge des Films an, dass die
traditionelle Lebensweise der Inuit wieder ins Bewusstsein dieser
Volksgruppe geraten ist und die althergebrachten handwerklichen
Fähigkeiten neu entdeckt werden. Sicherlich auch ein sehr positiver
Begleiteffekt, der aber für den Filmgenuss relativ wenig bringt.
Filmisch ist das ganze relativ bieder gehalten - Kunuk ist ein
Autodidakt, der von sich behauptet, das einzige
"Filmemachertraining", das er erhalten habe, sei, dass man ihm
gezeigt habe, wie man die Batterie an der Kamera auswechselt. Ich
will nicht despektierlich klingen, aber über weite Strecken sieht
man das auch... Kunuk verlässt sich darauf, dass sein
halbdokumentarischer Ansatz im Zusammenspiel mit der fraglos
eindrucksvollen (wenn auch eher leeren) Naturkulisse der
Territories genügen. Von den filmischen Mitteln regieren lange,
statische Einstellungen und inflationäre close-ups. Wenn mal ein
Zoom eingesetzt wird, was selten genug geschieht, ist das arg
rumpelig (geschossen wurde auf Betacam, später der ganze Kram auf
35 mm kopiert), eine bewegte, dynamische Kamera gibt's nur selten.
Das ist durchaus dem Thema und der arktischen Weite und Einsamkeit
angemessen, aber visuell nicht wirklich sonderlich befriedigend,
vor allem, *draufrumreit*, wenn man dafür fast drei Stunden
Lebenszeit einsetzt.
Positiv zu erwähnen ist die Filmmusik, selbstredend auch
authentisch-traditionell, die World-Music-Fans begeistern dürfte.
Das Ensemble setzt sich aus erfahrenen Profis (die hauptsächlich
für die kleine Inuit-Fernsehproduktion arbeiten) und Laien
zusammen. Diejenigen mit Screenerfahrung ziehen sich durch die Bank
recht gut aus der Affäre. Ungalaaq in der Titelrolle hat eine
starke likeability, eine sehr sympathische und doch natürliche
Ausstrahlung und überzeugt vor allen in den Szenen mit seinem
Filmbruder Innuksuk. Arnatsiaq als sein Gegenspieler Oki ist einer
der besseren "Amateure" im Cast. Bei einigen seiner unerfahrenen
Kollegen wird aber schon deutlich, dass sie nicht wirklich für 'nen
Eimer Walfischtran spielen können... Da's aber auch verdammt schwer
ist, die schauspielerische Leistung zu beurteilen, wenn man von
Inukit nicht wirklich 'ne Ahnung hat, will ich nicht zu streng
richten.
Bildqualität: Sunfilm legt den Film in anamorphem 1.85:1-Widescreen
vor. Überraschend für einen auf Video gedrehten und nicht gar so
alten Film weist der Print doch überdurchschnittlich viele Defekte
und Artefakte auf, was mich spekulieren lässt, dass das
zugrundeliegende Master wohl schon als Festival-Kopie durch
zahlreiche Filmprojektoren geschleust wurde. Abgesehen davon ist
das Bild recht gut, mit zufriedenstellender Schärfe, guten Farben
(auch wenn das Farbspektrum naturgemäß etwas eingeschränkt ist),
gutem Kontrast und mittelmäßiger Kompression.
Tonqualität: Eine Synchronisation hat man sich gespart - der Film
kommt in Inukit mit deutschen Untertiteln (die manchmal etwas
wegzulassen scheinen) in Dolby 5.1. Selbstredend ist der Film kein
Effektgewitter, es ist ein auch, äh, bildlich gesprochen leiser
Film mit sparsamen Dialogen, dezentem Musikeinsatz und ohne
jegliche Soundeffekte. Klar und rauschfrei ist die Spur allemal.
Extras: Sunfilm spendiert dem Film immerhin ein 2-Disc-Treatment,
dafür ist's aber schon arg mager, was an Bonusmaterial mitgeliefert
wird. Auf Disc 1 findet sich ein "Fact Track", eine zusätzliche
Untertitelspur, die in Dialogpausen allerlei mehr oder weniger
wissenswertes über die Produktion beisteuert, seien es dringend
notwendige Informationen über die Beziehungen der Charaktere
untereinander, über die Schauspieler, die Crew, die
Produktionsbedingungen usw. Gut gemeint, lenkt aber auf die Dauer
natürlich ab. Zum Lachen brachte mich dieser Track allerdings, als
er ohne rot zu werden, den Film als "Action-Thriller" einstufte...
Auf Disc 2 gibt's angesprochene "Legende" von Atanarjuat zum
Nachlesen, ein "Produktionstagebuch" in Texttafelform mit einigen
Hintergrundinformationen, ein paar audio snippets von Ungalaaq,
Sylvia Ivalu und Kunuk sowie zwei Minuten "behind the scenes", die
man aber auch schon vollständig im Nachspann des Films bewundern
konnte. Eine kurze Fotogalerie und der Originaltrailer schließen
das Zusatzmaterial auch schon wieder ab. Das ist nicht viel für 'ne
zweite Scheibe... Kompression her oder hin, der Kram hätte
problemlos auch noch auf Disc 1 gepasst...
Fazit: Wie so oft bei Vertretern des eher exotischen "Weltkinos"
ist das Urteil zwiespältig - man möchte den Filmemachern nicht zu
nahe treten, weil sie fraglos unter extremen Bedingungen ihr Bestes
gegeben haben (oder es zumindest glauben) und auch meinen, etwas
WICHTIGES zu tun, aber auf der anderen Seite sind ihre filmischen
Ergüsse oft einfach nicht publikumskompatibel. "Atanarjuat" macht
da keine Ausnahme. Für die Inuit selbst mag der Film aus mancherlei
Gründen extrem wichtig sein - wenn er diesem Volk hilft, die eigene
verlorene Kultur wiederzufinden, ist das fraglos wunderbar, aber
als Nicht-Inuit ist mir das einfach zu dröge. Gestrafft auf 100
Minuten würde ich den Film dank seiner im Grunde durchaus zeitlosen
und emotional berührenden Story vermutlich empfehlen, aber durch
die 168 Minuten, die der Streifen nun mal dauert, musste ich mich
durchquälen (und den ein oder anderen Block habe ich, zugegeben,
auch nur im schnellen Vorlauf ertragen. Bei 2xSpeed kann man ja die
Untertitel immer noch bequem lesen). Die Baskenmützen-Fraktion,
stets bereit, etwas abzufeiern, was kein normaler Mensch bei klarem
Verstand sehen will, mag den Film meinetwegen, wie tatsächlich
geschehen, als "Meisterwerk" voller "atemloser Spannung" und
"grandioser Bilder" abfeiern, mir persönlich kann man mit dieser
unbeholfenen Mixtur aus Dokumentation und Spielfilm nicht kommen.
Entweder oder, ist meine Devise, und nach der ist "Atanarjuat"
leider durchgefallen.
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