Before Sunset
Aus Badmovies.de
USA 2004, 77 min, FSK o.A.
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Ethan Hawke (Jesse), Julie Delpy (Celine)
Vor neun Jahren trafen sich der Amerikaner Jesse und die Französin
Celine zufällig im Zug und verbrachten einen gemeinsamen
romantischen Tag in Wien, beendet mit dem Versprechen, sich in
sechs Monaten wiederzutreffen... wahr wohl nix. Jesse hat die
Episode in einem autobiographischen Roman verarbeitet, der er jetzt
in Europa promotet. Und wer steht da plötzlich und unerwartet in
dem Pariser Buchladen, in dem sein letzter Promo-Auftirtt
stattfindet? Niemand anderes als Celine. Nur einen kurzen
Nachmittag hat das verhinderte Liebespaar Zeit, die vergangenen
Jahre zu rekapitulieren und sich über die mehr oder weniger
verpfuschten Lebenswege klar zu werden...
Der Film: "Before Sunrise" war 1994 nicht gerade ein sensationeller
kassensprengender Erfolg, aber ich behaupte einfach mal, dass die
meisten Menschen, die diesen Film gesehen haben, sich in dieses
kleine, stille Meisterwerk verliebten. Euer Lieblings-Doc, nicht
nur Trash-Guru, sondern tief in den Abgründen seiner schwarzen
Seele auch sentimentaler alter Trottel und hoffnungsloser
Romantiker, gehörte jedenfalls dazu. Es ärgerte mich daher maßlos,
dass ich ich das Sequel "Before Sunset" im Kino verpasste, aber für
solche Fälle gibt's ja die praktische Erfindung DVD.
Es ist ein sehr reizvolles Konzept, dieselben Charaktere, gealtert
und (mehr oder weniger) gereift nach Jahren wieder- und ihnen dabei
zuzusehen, wie sie erstens das offene Ende des ersten Teils
aufdröseln und versuchen, den damals gewebten Faden wieder
aufzugreifen. Richard Linklater, mittlerweile durch "School of
Rock" in den Olymp der erfolgreichen Mainstream-Regisseure
vorgedrungen und seine Stars Ethan Hawke und Julie Delpy arbeiteten
das Script gemeinsam aus - es gereicht dem Film sicher nicht zum
Nachteil, dass nicht nur Linklater, sondern auch Hawke und Delpy
ihre Charaktere aus "Before Sunrise" liebgewonnen und offenbar nie
wirklich ad acta gelegt haben. "Before Sunset" erweist sich als
sehr natürlich, ungekünstelt - man hat wirklich das Gefühl, dem
zufälligen Wiedersehen zweier alter Bekannter, die sich seit Jahren
nicht mehr gesehen haben, beizuwohnen. Abgesehen von einigen
vielleicht nicht wirklich notwendigen, aber erstens gut gemeinten
und zweitens flüssig integrierten aktuell-politischen Anspielungen
wirken die meisten Dialoge positiv improvisiert.
"Before Sunset" ist, da müssen wir was klar stellen, keine
Liebesschmonzette (das würde eher auf "Before Sunrise" zutreffen) -
mehr noch als der Vorgänger ist "Sunset" dialoglastig (hüstel, das
dürfte die Untertreibung des Jahrhunderts sein), und es geht
weniger um Romantik und Liebe per se als um die Frage, was "wir"
aus unseren Leben machen, welche Erwartungshaltungen wir pflegen,
wie wir uns in selbstauferlegte Konventionen ergeben, um
eingebildeten Idealvorstellungen nachzukommen. Celine und Jesse
schütten sich gegenseitig ihre Herzen aus, wie es ihnen in den
vergangenen Jahren ergangen ist, wie sie mit ihrer gemeinsamen
Wiener Nacht umgegangen sind, wie sie ihr Leben beeinflußt hat. Das
ist mal zynisch, mal trocken-witzig, mal anrührend, aber trotz der
wahnsinnigen Menge an Dia- und Monologen, mit der wir beschallt
werden, nie langweilig. Von der Grundstimmung her ist "Sunset"
insgesamt deutlich weniger "heiter" als "Sunrise", (Spoilerwarnung)
endet dafür aber vielleicht sogar noch hoffnungsfroher als
"Sunrise".
Vom filmisch-handwerklichen braucht der geneigte Konsument
natürlich keine technischen Kabinettstückchen zu erwarten -
Linklater widersteht zum Glück der Versuchung, aus dem Film eine
Art virtuelle Sightseeing-Tour durch Paris zu machen (das einzige
Pariser Monument, das ausgiebig ins Bild gesetzt und auch im Dialog
thematisiert wird, ist Notre Dame), sondern pinnt die Kamera
beinahe schon mit Sekundenkleber auf seine Hauptdarsteller -
Kameratechnikfetischisten können sich über einige perfekte, lange
Steadicam-Einstellungen freuen, das ist aber so ziemlich das
einzige Gimmick, das Linklater einsetzt, und das ist auch gut
so.
Die sparsame Filmmusik (größtenteils Akkordeonmusik, außerdem
steuert die ja mittlerweile auch als Sängerin bekannte Delpy drei
Stücke bei, wobei sie eins auch on-screen mit der Akustischen zum
besten gibt) unterstützt die melancholische Stimmung des Streifens
unaufdringlich-effektiv.
Selbstverständlich ist ein Film wie "Before Sunset"
Schauspielerkino, wenn's denn jemals welches gab. Und da freut man
sich natürlich darüber, dass Hawke und Delpy dem Projekt mit dem
angemessenen Enthusiasmus gegenüberstehen. Beide strahlen
hundertprozentige Natürlichkeit aus, wobei Hawke meist der
"passivere" Part bleibt (Delpy gewinnt sicherlich, wenn man
aufrechnen würde, eindeutig nach Dialogzeilen), wobei er fein
nuanciert, aber Delpy (auch neun Jahre später immer noch
bezaubernd) begeistert mich noch mehr (eine ganz grandiose Leistung
ruft sie in der "Autoszene" ab). Ganz große Performance! Weitere
Rollen von Belang gibt's nicht, der Film ist, bottom line, ein
Zwei-Personen-Stück (aber immerhin sind in Mini-Rollen Delpys
Eltern zu sichten).
Bildqualität: Warner präsentiert den Film in (wäre auch schlimm,
wenn nicht) perfektem 1.85:1-Widescreen (natürlich anamorph), was
auch (filmisch gesehen) das perfekte Ratio für den Film ist (Scope
wäre Verschwendung). Keinerlei Drop-outs, Defekte, Verschmutzungen,
satte Farben, Detail- und Kantenschärfe sind gut, aber leicht
verbesserungsfähig, und eine gepflegte Kompression (bei 77 Minuten
Laufzeit für den Film wäre alles andere aber auch eine herbe
Enttäuschung). Gut gelungen.
Tonqualität: Der geneigte Konsument hat die Wahl zwischen deutscher
Synchro und englischem O-Ton, beides in Dolby Digital 5.1.
Natürlich konzentrierte der Doc sich auf den O-Ton und hat hier
auch keinerlei Grund zur Klage. Absolute Rauschfreiheit, perfekte
Sprachqualität, ausgezeichneter Mix von Dialogen, Score und den
Nebengeräuschen. Untertitel werden in reichlicher Auswahl
mitgeliefert (u.a. deutsch und englisch sowohl "normal" als auch
für Hörgeschädigte).
Extras: Da hätte ich mir ein wenig mehr gewünscht ('nen
Audiokommentar, z.B.), neben dem Kinotrailer findet sich noch eine
knapp zehnminütige Making-of-Featurette mit Interviews mit
Linklater, Delpy und Hawke, zwar programmgemäß etwas auf der
euphorischen Seite, aber dennoch von gutem Informationswert.
Fazit: "Before Sunset" ist, wie "Before Sunrise" auch, einfach ein
wunderschöner Film. Es mag ihm an der gewissen romantischen
Leichtigkeit des Vorgängers fehlen, aber das ist nur natürlich,
wenn man die Lebenswege der Charaktere ins Kalkül zieht - man ist
älter, gereifter, hat gewisser Lebenserfahrung gesammelt, man hat
sich verändert. Es ist eine konsequente und glaubhafte Entwicklung,
die die Charaktere genommen haben und die Darsteller (ich
wiederhole mich: es hat in diesem Fall nur Vorteile, dass die
Darsteller so direkt in die Entstehung des Drehbuchs involviert
sind) werden dieser Entwicklung gerecht. Wenn Euch "Before Sunrise"
gefallen haben sollte, müsst Ihr auch "Before Sunset" lieben. Es
ist eine der ehrlichsten und sinnvollsten Fortsetzungen der
jüngeren Filmgeschichte (was mich allerdings wundert, ist die
FSK-Freigabe - es wird schon reichlich und mit direkten Worten über
Sex geredet...)
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