Bram Stokers Dracula
Aus Badmovies.de
USA 1971, 95 min, FSK 16
Regie: Dan Curtis
Darsteller: Jack Palance (Dracula), Nigel Davenport (Van Helsing),
Simon Ward (Arthur), Pamela Brown (Mrs. Westenra), Fiona Lewis
(Lucy Westenra), Murray Brown (Jonathan Harker)
Der englische Immobilienmakler Jonathan Harker trifft in
Transsylvanien ein, um dem dort ansässigen Graf Dracula ein paar
Objekte in England anzudienen. Der Graf verhält sich sehr
sonderbar, schließt seinen Gast in seinem Zimmer ein und entwickelt
ein ungeahntes Interesse für die beste Freundin von Harkers Ehefrau
Mina, Lucy Westenra. Schnell findet Harker heraus, dass sein
Gastgeber ein Vampir ist, der die Verlegung seiner Operationsbasis
plant, nur hat Harker nicht mehr wirklich viel von seiner
Entdeckung... und schon wenige Wochen später bemerkt Lucys
Verlobter Arthur merkwürdige Veränderungen an seiner Braut. Der
hinzugezogene Medizinmann Dr. van Helsing weiß Bescheid - Lucy ist
vampirisiert, weil Dracula sie für die Reinkarnation seiner längst
dahingegangenen Geliebten Maria hält. Als Lucy nach ihrem "Tod"
Arthur an die Gurgel will, greift van Helsing zum Pfahl und
verschafft ihr die ewige Seelenruh, was den Grafen mächtig anpisst.
Rachedurstig vergreift er sich an Mina Harker...
Der Film: Dan Curtis gehört zu den amerikanischen TV-Legenden, was
Regie und Produktion angeht. In kongenialer Kollaboration mit einem
der weltbesten Drehbuchautoren, Richard Matheson, schuf er nicht
nur die unvergeßliche "Zuni Doll"-Episode aus der "Trilogy of
Terror", sondern mit "The Night Stalker" den vermutlich besten
TV-Horrorfilm aller Zeiten. Der fruchtbaren und für den
anspruchsvollen Gruselgourmet zumeist erfreulichen Zusammenarbeit
entstammt auch diese, ebenfalls fürs amerikanische Fernsehen 1973
entstandene Adaption des mit dem Frankensteins-Monster-Motiv
klassischten aller Horror-Archetypen.
Zunächst einmal stellt sich wie bei allen Dracula-Verfilmungen die
Frage nach der Werktreue. Es ist zugegeben wieder ein paar Tage
her, seit ich Bram Stokers Roman gelesen habe, dennoch meine ich zu
erkennen, dass Curtis und Matheson versuchen, ein gewises gesundes
Mittel zwischen sklavischer Werktreue (was bei der Vorlage sowieso
recht schwer ist, alldieweil Stoker seine Geschichte in der ja
mittlerweile vollkommen vergessenen Form des Briefromans verfaßte,
was adaptierenden Drehbuchautoren die Sache aufgrund der
verschiedenen Erzählperspektiven und der gestelzten Sprache nicht
erleichtert) und künstlerischer Freiheit zu erreichen. Die
erinnerungswürdigen Momente der literarischen Vorlage sind
jedenfalls enthalten, allen voran Harkers Begegnung mit den drei
Vampir-Bräuten und Lucys Pfählung. Andere Passagen werden radikal
auf ihre Essenz reduziert - die dramatische Überfahrt des Vampirs
nach England mit dem "verdammten" Schiff "Demeter" wird auf genau
eine Einstellung des gestrandeten Schiffs gekürzt (aber, boy, WAS
für eine Einstellung das ist, das dürfte eine der wirkungsvollsten
Grusel-Szenen überhaupt sein), an die Reinkarnations-Sache kann ich
mich im Roman auch nicht erinnern, den Schlußpart (nachdem Lucy
gepfählt wird) verändern Curtis und Matheson sogar völlig -
anstelle, wie in der Vorlage, die Geschichte in England ausklingen
zu lassen, schicken Regisseur und Autor ihre Helden auf eine
dramatische Hetzjagd nach Transsylvanien, wo der Showdown in
Draculas eigenem Schloß stattfindet; Puristen mag das abschrecken,
aber es gibt Curtis unter den vorhandenen Bedingungen (ein
besonders üppiges Budget wird die Produktion nicht zum Verbraten
gehabt haben) bessere filmische Möglichkeiten. Andere Änderungen
sind eher kosmetischer Natur: so erklärt das Script Dracula zum
leibhaftigen Vlad Tepes (der historischen Vorbildfigur der
Romangestalt) und die vom Roman ins Spiel gebrachte Fähigkeit des
Vampirs, gewisse Teile der Tierwelt zu kontrollieren (ich erinnere
mich vom Buch her an Ratten im Finale) beschränkt sich hier auf
Hunde (und anderthalb diesbezügliche Szenen), von aus zahllosen
anderen Verfilmungen bekannten Gimmicks wie der Verwandlung in eine
Fledermaus ist gar nicht erst die Rede.
An dieser Stelle sei mir ein Vorgriff zur Schauspielerbewertung
gestattet, aber es drängt sich eben an dieser Stelle auf, ein paar
Worte zur Besetzung der Titelrolle. Auch in seinen besten Zeiten
(und man kann sich schon drüber streiten, ob man in seinen "besten
Zeiten" ist, wenn man auch für Jess Franco dreht) ist Jack Palance
sicher nicht der erste Name, der sich aufdrängt, wenn man vor
seinem geistigen Auge nach geeigneten Dracula-Darstellern fahndet -
er ist ein völlig anderer Typ "Vampir" als seine Vorläufer, der
große Theatraliker Bela Lugosi oder der Gentleman-Vampir
Christopher Lee aus den Hammer-Filmen. Palance' (und sicher auch
Curtis' ) Interpretation ist eigenwillig, aber reizvoll. Seinem
Dracula fehlt die charmente, leutselige Seite, er ist nicht der,
der mit seinen Gästen eine stilvolle Abendunterhaltung führt, hier
ist der Graf von Beginn an schroff, kalt, "böse", auf der anderen
Seite offenbart er (bei seiner Begegnung mit Lucy, die er ja für
die Reinkarnation seiner Geliebten hält) ungeahnte Leidenschaft.
Mehr noch als in vielen anderen Verfilmungen verkörpert Palance'
Dracula die tragische Seite des Charakters (unterstützt durch
einige Rückblenden an Marias Sterbebett und einen ungeheuren
emotionalen Ausbruch, als der Graf die durchbohrte Lucy in ihrer
Gruft entdeckt). Die durch diese Interpretation aufgestellte These,
der tapfere Kriegsheld Vlad Tepes sei erst durch den Verlust eines
ihm geliebten menschlichen Wesens "böse" geworden (auch wenn das
die Frage unbeantwortet lässt, wie Tepes zum Vampir Dracula
geworden ist... schließlich hätte er Maria ja, wenn er seinerzeit
schon Blutsauger gewesen wäre, Maria einfach durch Vampirisierung
unsterblich machen können), ist sicher gewagt, aber, wie gesagt,
nicht ohne Reiz und zeugt von Mühen der Macher, der auch 1971 schon
zum Allgemeingut gehörenden Dracula-Legende neue Facetten
abzugewinnen.
Filmisch laboriert "Graf Dracula" zwangsläufig an den
Limitierungen, die das Medium TV (und ganz besonders "TV in den
70ern") auferlegt, hält sich dabei aber ziemlich wacker. Curtis
nutzt sehr schön die jugoslawischen (das war's damals ja noch) und
englischen Locations und inszeniert den Streifen über weite
Strecken als Mischung als detailfreudig ausgestattetes Kostümdrama
mit gothischen Schauerelementen und wird dabei von für
TV-Verhältnisse opulenter Kameraführung gestützt - manche
Einstellungen sind schlichtweg atemberaubend. Was den Horrorgehalt
angeht, so hält sich Curtis lange zurück; entscheidende Szenen wie
die Vampirisierung Lucys finden im Off statt und die potentiell
gehaltvollen Horrorszenen werden unblutig präsentiert, so dass es
um so überraschender und wirkungsvoller ist, wenn Curtis im Finale
zwei-drei (für die Verhältnisse eines Fernsehfilms von Anno Tobak)
deftige Effekte auffährt, auf die der Zuschauer nach dem bis dahin
eher unter dem Genre "gefühlvoller Romantic-Grusel"
einzusortierende Film nicht gefaßt ist. Das Tempo des Films ist
angemessen ruhig, ohne zu langweilen, anstatt sinnlos aufs Gaspedal
zu treten, schwelgt Curtis lieber in den schön gothischen Settings
und der viktorianischen Atmosphäre. Ein Kompliment ist Curtis auch
dafür auszusprechen, dass der Streifen nicht, wie so viele andere
TV-Movies, explizit auf die programmierten Werbeunterbrechungen hin
inszeniert ist, sondern flüssig abläuft. Als gelungen kann man auch
die musikalische Untermalung bezeichnen.
Zu den Schauspielern - Jack Palance hab ich ja schon angesprochen.
Der spätere Oscar-Preisträger ("City Slickers"), der auch den ein
oder anderen Trash-Auftritt ("Das Geheimnis der fliegenden Teufel")
auf dem Kerbholz hat, spielt den Dracula vergleichsweise
"realistisch", ein komplett anderer Approach als die Lugosis und
Lees dieser Welt - Dracula ist, wie gesagt, schroff, ein wenig
jähzornig und obschon mit einer persönlichen Tragödie ausgestattet,
nicht sympathisch zu nennen (klar, dass die sexuelle Komponente des
Vampirismus bei dieser Auslegung des Charakters ziemlich unter den
Tisch fällt). Eine etwas andere Herangehensweise als bei den
meisten Dracula-Verfilmungen, aber von Palance recht souverän
gelöst (trotz der eher spärlichen Screentime, die der
Titelcharakter, das aber im treuen Gefolge der literarischen
Vorlage, hat). Nigel Davenports Van Helsing ist einer der kleineren
Schwachpunkte des Films - sein Charakter leidet ein wenig an der
Verknappung der Vorlage. Wieso Van Helsing über den Vampirmythos
Bescheid weiß und warum Arthur ihm trotz der wilden Story, die er
bezüglich der blutsaugenden Brut auftischt, weitgehend ohne
Nachfragen vertraut (er ist in dieser Fassung nicht mehr als ein
der Familie Westenra flüchtig bekannter Arzt), bleibt unklar. Simon
Ward als Arthur, de facto der Held der Geschichte, ist mir ein
wenig zu farblos, zu uncharismatisch (was aber auch irgendwo den
Geist der Romanvorlage trifft) und wird von einer lieblosen
deutschen Synchronisation, die ihn eher unsympathisch rüberkommen
lässt, beeinträchtigt. Fiona Lewis hat als Lucy nicht viel mehr zu
tun, als mit entrücktem Blick schlafzuwandeln und bleich im Bett zu
liegen, was sie klaglos bewerkstelligt. Murray Brown gefällt mir
sehr gut als Jonathan Harker (eine Szene bzw. sein
Gesichtsausdruck, als Dracula ihm zu Filmbeginn verklickert, dass
er längerfristig auf seine Dienste zurückgreifen will, ist schlicht
priceless; übrigens ist zum Script noch anzumerken, dass es eine
der wenigen Versionen des Themas ist, in der Harker nach dem
Auftakt in Transsylvanien nicht völlig aus der Handlung
verschwindet). Eine von Draculas drei Vampirbräuten wird von Sarah
Douglas ("Superman II", "Chained Heat: Horror of Hell Mountain")
verkörpert.
Bildqualität: Es ist ein Kreuz - das amerikanische Publikum bekommt
von Curtis' bekannteren Filmen wie "The Night Stalker" oder
"Trilogy of Terror" zwar mau ausgestattete, aber technisch auf den
bestmöglichen Stand gebrachte Anchor-Bay-DVDs, wir auf dieser Seite
des Teichs bekommen "Graf Dracula" als Grabbeltisch-DVD von Magic
Video/Power Station (und an Magic Video und ihre billigen
Pappschuber-Videos erinnern wir uns ja auch noch). Wer immer diese
Scheibe gemastered hat, soll sich bitte zwecks Abholung einiger
saftigen Backpfeifen bei mir melden - ich liebe ja schon bei vielen
CTI-Discs den Schachzug, den Hauptfilm auf drei getrennte Titel zu
verteilen, aber Magic schießt hier den Vogel ab und splittet den
Film in fünf (!) Titel (wohlgemerkt, Titel, nicht Kapitel. Ich kann
das schon unterscheiden), und das teilweise mitten in Wörtern! Mein
Player sah sich auch weitestgehend außerstande, vernünftige Lauf-
und Restzeitangaben anzuzeigen (da kommen dann schon mal Meldungen
auf dem Display wie "Laufzeit: 9:00:31, Restzeit: 0:00:00"). Die
Bildqualität ist angemessen schlampig - das Bild ist recht
verrauscht und weist darüber hinaus gerade im ersten Drittel mit
einigen wirklich groben Mastering-Schnitzern auf (was da als Master
gedient hat, darüber möchte ich nicht mal spekulieren). Immerhin
sind die Farben noch recht gut erhalten und auch der Kontrast geht
in Ordnung, aber die Schärfewerte und die Kompression geben nicht
zu Begeisterungsstürmen Anlaß. Vermutlich darf man halt bei
Wühltisch-Publikationen keine Ansprüche stellen...
Tonqualität: Hier gilt analoges zum Bild. Man hielt's für nötig,
dem einzig vorliegenden deutschen Sprachtrack einen 5.1-Split zu
verpassen (was bekanntlich so überflüssig wie ein Kropf ist und nur
dazu verleitet, die Dolby-Anlage aus- oder auf Stereo
umzuschalten). Das starke Grundrauschen ist kaum zu überhören, die
Sprachqualität leidet zum Glück nicht zu sehr, d.h. die Dialoge
sind gut verständlich, aber natürlich nicht auf den Level, den man
auch von einer Billig-DVD erwarten kann. Zudem ärgern ein paar
nervig-störende Schleifgeräusche, die hörbar nicht beabsichtigten
Soundtrack darstellen.
Extras: Zwei Trailer, die wir schon seit Jahren von Best kennen:
"Das Tier" und "The Fog".
Fazit: Es ist bestimmt nicht leicht, eine Geschichte, die viele
Menschen im Schlaf kennen und selbst die, die nicht ganz firm sind,
zumindest die Grundzüge nacherzählen können, neu und interessant zu
adaptieren, insbesondere unter den Bedingungen und Beschränkungen
des Mediums Fernsehen in den 70er Jahren. Insofern ist Dan Curtis
und seinem, das muss einmal mehr erwähnt werden, kongenialen
Stammautor Richard Matheson hoch anzurechnen, dass "Graf Dracula"
nicht nur die x-te belanglose Verfilmung von Stoker-Motiven
darstellt, sondern mit geschickter Hand versucht, gleichsam die
Essenz der literarischen Vorlage aufzugreifen als auch neue Aspekte
in den Mythos einzubringen. Ein intelligentes Script,
stimmungsvolle Bilder und eine angemessen hochwertige Inszenierung
fügen sich so zu einem auch für ein Publikum, das mehr als nur eine
Dracula-Adaption gesehen hat, sehenswerten Film zusammen. Etwas
lebhaftere darstellerische Leistungen und/oder eine motiviertere
Synchronisation hätten den Streifen noch aufwerten können, aber
auch so ist "Graf Dracula" der Beweis, dass das Team
Curtis/Matheson in Sachen TV-Horror aus den 70ern konkurrenzlos ist
- ein angenehm "altmodischer" Grusler, der eine viel bessere
DVD-Umsetzung verdient hätte.
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