Bully
Aus Badmovies.de
USA 2001, 107 min, FSK 16
Regie: Larry Clark
Darsteller: Brad Renfro (Marty), Nick Stahl (Bobby), Rachel Miner
(Lisa), Bijou Phillips (Ali), Michael Pitt (Donny), Kelli Garner
(Heather)
Fort Lauderdale, Florida, in einem der berühmt-berüchtigten Suburbs
der weißen Mittelklasse, hinter deren Heile-Welt-Fassaden sich
Abgründe auftun. Z.B. für den End-Teenager Marty, der seit
gemeinsamen Kindertagen von seinem besten und einzigen Freund Bobby
nach Strich, Faden und allen Regeln der Kunst schikaniert wird. Ob
er ihn in einem Schwulen-Club zum Strippen auf die Bühne schickt,
ihn beleidigt oder einfach nur seine Aggressionen an seinem Kumpel
schlagenderweise abbaut, Marty kriegt sein Fett ab. Könnte
theoretisch bis ins Rentenalter so weitergehen und enden wie bei
Jack Lemmon und Walter Matthau, doch da funkt Amor dazwischen. Lisa
verliebt sich unsterblich in Marty und lässt sich davon auch nicht
abbringen, als Bobby sie - von Marty unwidersprochen -
vergewaltigt. Wenig später vergeht sich Bobby auch noch an Lisas
bester Freundin Ali. Als Lisa entdeckt, dass sie schwanger ist und
Marty darauf nicht mit gebotenem Enthusiasmus reagiert, fasst Lisa
sich ein Herz und einen Plan - der Störfaktor in der Beziehung
heißt Bobby, also muss er weg und da er sich nicht freiwillig in
Luft auflösen wird, wird man da wohl gewaltsam nachhelfen müssen.
Lisa rekrutiert Ali, deren dauerbekifften Freund Donny und die
durchgeknallte Heather. Da unsere Teens leider keinen Schatten
davon haben, wie man jemanden erfolgreich dauerhaft unter die Erde
bekommt, versichern sie sich professioneller Hilfe eines
Auftragskillers aus dem Gang-Millieu...
Der Film: Wen Skandalfilmer Larry Clark zuschlägt, pflegt nur
selten noch Gras zu wachsen. Das mediale Gedöns rund um seinen
Debütfilm "Kids" Mitte der 90er und zuletzt "Ken Park" (der in
Australien mit entsprechendem Medienbegleitgewitter umgehend
verboten wurde) dürfte allen eher Art-House-orientierten
Filmfreunden noch bestens geläufig sein. "Bully", der genau
zwischen diesen beiden verruchten Werken entstand und auf einer
wahren Begebenheit basiert, ist zweifellos die bislang
mainstreamtauglichste Arbeit des hauptamtlichen (und in diesem Job
dem Vernehmen nach legendären) Fotografen, dessen realistische
Fotobände Leute wie Coppola oder Scorcese inspirierten.
Auch wenn Larry Clark sich mit "Bully" vergleichsweise
zurückhaltend gibt, bleibt dennoch noch breiten Raum für das, was
ich, hiermit oute ich mich als vorurteilsbelastet, meiner
bescheidenen Ansicht nach seine Hauptmotivation als Filmemacher ist
- junge Menschen (sozusagen Jugendliche, hehe) ausführlich bei
kopulierenden Tätigkeiten abzubilden. Wenngleich Clark in "Bully"
keine real gefilmten Masturbationen zeigt oder alle Nase lang einen
seiner Darsteller einen Schniedel vor die Kamera halten lässt
(meiner Meinung nach sind diese Szenen von Clark wohl kalkuliert -
zeig einen Penis in einem Nicht-Pornofilm, der Skandal ist
vorprogrammiert, die seriöse Filmkritik und selbsternannte Zensoren
laufen Amok, und du hast als Regisseur völlig kostenlose
Gratis-Publicity, die dich auf die Titelseiten der einschlägigen
Gazetten bringt. Ich, da spreche ich allerdings nur für mich
selbst, halte das nicht für ein Zeichen künstlerischen Mutes,
sondern um Skandalgeilheit um des Skandals Willens), besteht ein
Großteil vor allem der ersten Filmhälfte aus Teenagern beiderlei
Geschlechts vor, während oder nach dem Geschlechtsverkehr (oder
einfach so. Offensichtlich telefonieren amerikanische Teenager gern
nackend). Naheliegend, dass die durchaus kraftvolle Geschichte da
zu kurz kommt - Martys "Martyrium" unter der tyrannischen Fuchtel
des herrschsüchtigen Bobby wirkt größtenteils nicht wirklich
dramatischer als das, was Kids selbst auf hiesigen Pausenhöfen
erleben dürften (naja, vielleicht mal abgesehen vom Strippen in
Schwulenbars), vielmehr stellt sich dem neutralen Beobachter
(sprich mir) die Sache eher so dar, als ob erst durch das
Eindringen von Lisa in die harte, aber irgendwo auch herzliche
"Männerfreundschaft" die Lage eskaliert (okay, das kann durchaus
gewollt und im richtigen Leben so gewesen sein).
Ein Problem ist, dass Clark sichtlich nicht wirklich an den
psychologischen Seiten der Story interessiert ist - wieso Marty die
miese Behandlung jahrelang stillschweigend erduldet (und nicht mal
Einspruch erhebt, als Bobby seine Freundin vergewaltigt), bleibt
ebenso undeutlich wie die Frage, warum Bobby eigentlich derart
verhaltensgestört ist (es wird angerissen, dass Bobby aus einem
"vorbildlichen", ordentlichen, ein wenig spießigen Elternhaus
kommt, erfolgreicher Schüler ist und von seinem Vater schon auf die
Manager-Karriere vorbereitet wird, während sich Martys Background
mit "vernachlässigter und unverstandener Loser" erschöpft). In
gewisser Weise ist das natürlich der Punkt, den Clark machen will -
Eltern finden in "Bully" größtenteils nicht statt, sie sind nur
nebensächliche Teilnehmer am Leben ihrer Kinder, die sich nicht
wirklich dafür interessieren, was ihre Sprößlinge so treiben - nach
Clarks Ansicht erschöpft sich das Freizeitvergnügen der Kids auf
Sex, Drogen und (zumindest, was einen Charakter angeht)
Videospiele. Clark bleibt dabei aber zu sehr an der Oberfläche,
geilt sich an den offenherzigen Bildern auf und vergißt dabei, die
Motivationen der Figuren zu hinterfragen - dies gilt auch für die
Frage, warum den Kids Mord als einzig gangbarer Ausweg erscheint.
Als Psychostudie ist "Bully" daher ungeeignet und funktioniert
dadurch am ehesten als "Doku-Thriller" - wenn die Kids erst mal den
Mordplan gefaßt haben und an seine Umsetzung gehen, gewinnt der
Film zumindest an plakativer Spannung (auch weil Clark nun nicht
mehr alle drei Minuten Gelegenheit hat, seine Darsteller
auszuziehen und in Sexorgien zu jagen). Seinen stärksten Moment hat
der Film zweifellos bei der Schilderung des Mordes selbst, als den
Teens schlagartig klar ist, dass "einen Menschen umbringen" nicht
wirklich so 'ne cool-lässige Sache ist, wie sie sich vorher
eingeredet haben.
Mangelnde handwerkliche Kenntnisse kann man Clark nicht vorwerfen -
der Film hat einen sehr slicken Look (vielleicht stellenwiese zu
slick for its own good), der mit der vulgären Sprache und den Sex,-
Drogen- und Gewaltdarstellungen gar nicht mal so unpassend
kontrastiert (hm, ist "kontrastieren" ein Wort? Fragt mal den
Kollegen Duden, ich bin zu faul zum Nachkucken). Ein wenig mehr
Tempo ODER, wahlweise, Tiefgang hätte dem Streifen aber nicht
geschadet - mit seiner vorliegenden Lauflänge von 107 Minuten ist
"Bully" als erhellendes Drama zu substanzlos und als schnörkelloser
real-life-Thriller zu ausufernd. Der Hip-Hop-lastige Soundtrack
fügt sich harmonisch ins Gesamtbild ein.
Nicht zu unterschätzen sind die darstellerischen Leistungen eines
blendend aufgelegten Ensembles hoffnungsfroher Jungschauspieler.
Als pathetischer Loser Marty brilliert Brad Renfro (der Welt
bekannt als Steppke aus der kassenknüllenden Grisham-Verfilmung
"Der Klient" an der Seite von Susan Sarandon) und Nick Stahl, der
spätere John Connor aus "Terminator 3" und an künstlerisch
gehaltvollere Filmware nicht zuletzt durch den famosen "In the
Bedroom" gewöhnt, gibt einen recht überzeugenden, wenngleich etwas
zu "weichen" Bobby ab. Rachel Miner legt in ihrer ersten großen
Filmrolle als Lisa eine par-force-Vorstellung ab und Bijou Phillips
("Almost Famous") leistet in der Schlüsselrolle der Ali ebenfalls
beachtliches. Bemerkenswert auch Leo Fitzpatrick
(Larry-Clark-Entdeckung für "Kids") als harter "Hitman", der die
Kids bei der Mordtat anleitet.
Bildqualität: Meine beiden DVD-Player offenbarten erstaunliche
Unterschiede im Umgang mit diesem Sunfilm-Release. Während mein
United-Player den Film zwar in perfekter Bildqualität auf die
Mattscheibe bannte, aber pünktlich zum Layerwechsel seinen Dienst
quittierte und erst drei Kapitel später wieder anspringen wollte,
hatte mein alter Scott-Player keine Abspielprobleme, zeigte sich
dafür aber in Punkto Bildquali als nicht konkurrenzfähig. Macht mir
als Reviewer das Leben natürlich schwer, denn wem soll ich nun
glauben? Just the facts also - Sunfilm offenbart den Film in
anamorphem 1.85:1-Widescreen mit lebendigen, frischen Farben, guten
Kontrastwerten und einer brauchbaren, wenn auch nicht spektakulären
Detail- und Kantenschärfe. Mit der Kompression kommen meine Player
unterschiedlich gut zurecht - der billige United bearbeitete sie
klaglos, beim Scott löste sich das Bild doch schon bei relativ
niedrigen Zoomfaktoren in seine pixeligen Bestandteile auf.
Nachzieheffekte machen sich allerdings auch hier nicht bemerkbar,
störungs- und verschmutzungsfrei ist der Print sowieso.
Tonqualität: Deuscher und englischer Ton liegen jeweils in in zwei
verschiedenen Varianten vor, die deutsche Synchro (die allerdings
die Dialoge doch deutlich abschwächt) kann man in Dolby Digital 5.1
oder Dolby Surround geniessen, die englische Originalfassung muss
neben dem Dolby 5.1-Mix mit einer schlichten Stereo-Variante
vorlieb nehmen. Insgesamt sind die deutschen Tonspuren deutlich
lauter und trotzdem differenzierter, die O-Ton-Fassungen kommen ein
wenig breiiger. Großartige Surround-Effekte sollte man natürlich
nicht erwarten.
Extras: Die Scheibe ist erfreulich gut ausgestattet - neben
Bio-/Filmographien für die wichtigsten Beteiligten, dem
Original-Trailer und einem gut siebzehn Minuten langen
unkommentierten Behind-the-Scenes erfreuen ausführliche
Videointerviews mit allen wesentlichen Darstellern und Larry Clark
das Herz des Cineasten (insgesamt deutlich über 45 Minuten). Zwar
kommen die Interviews nicht ohne die übliche gegenseitige
Lobhudelei aus, offenbaren aber doch einige unterschiedliche
Ansätze und Interpretationen der diversen Darsteller und vor allem
Brad Renfros Geständnis, mit Larry Clarks, ähem, offenherzigen
(sprich: kopulations- und nacktheitsfreudigen) Stil nicht wirklich
glücklich zu sein (was insofern überrascht, als Renfro auch als
Co-Produzent tätig war), verschafft ihm bei mir Anerkenntnispunkte.
Die übliche Trailershow rundet die Bonus-Features ab.
Fazit: Vermutlich bin ich einfach nicht das richtige Publikum für
Larry Clarks wüste Teenage-Problemfilme, jedenfalls kann ich schon
mit dem vergleichsweise zugänglichen "Bully" nicht wirklich viel
anfangen. Mein Hauptkritikpunkt ist der oben angesprochene, dass
Clark zugunsten seines skandalumwitterten persönlichen Stils die
eigentliche psychologische Dramatik der realen Geschichte verfehlt
und der Streifen letztlich nicht dafür im Gedächtnis bleiben wird,
dass er sich fundiert und mitfühlend mit den Abgründen des
Teenager-Seelenlebens in gesichtslosen Vorstädten auseinandersetzt,
sondern, seien wir mal genauso oberflächlich wie Clark selbst, als
Film mit haufenweise nackten Teens beiderlei Geschlechts, die's
miteinander treiben. Ein Film, ohne dessen Kenntnis ich mindestens
ebenso gut hätte weiterleben können, wem "Kids" gefallen hat
(sofern man von "gefallen" in diesem Zusammenhang reden kann), wird
wahrscheinlich auch "Bully" gut finden. Ich belasse es bei einer
neutralen Wertung, cuz it's just not my cup of tea. Technisch
gesehen scheint die DVD von Sunfilm leichte Macken zu haben (siehe
oben unter Bildqualität).
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