Dahmer
Aus Badmovies.de
USA 2002, 97 min, KJ
Regie: David Jacobson
Darsteller: Jeremy Renner (Jeffrey Dahmer), Bruce Davison (Lionel
Dahmer), Artel Kayàru (Rodney), Matt Newton (Lance Bell), Dion
Basco (Khamtay), Kate Williamson (Grandma), Christina Payano
(Letitia), Tom'ya Bowden (Shawna)
Jeffrey Dahmer ist ein Durchschnittstyp, arbeitet in einer
Schokoladenfabrik und fällt niemandem wirklich auf. Keiner ahnt,
dass Dahmer ein Serienkiller ist. Mit kleinen Nettigkeiten lockt er
seine jungen, männlichen Opfer in seine Wohnung, schaltet sie mit
K.O.-Tropfen aus und tötet sie, um sie als Sexspielzeuge zu
benutzen und/oder zu zerstückeln und zu verspeisen. Der Film
schildert in paralleler Erzählweise einerseits, wie Dahmer, schon
als Teenager aufgrund elterlicher Vernachlässigung Alkoholiker,
seine homoerotischen Neigungen und Mordtendenzen entdeckt und
erstmals umsetzt, andererseits (in recht freier Nacherzählung)
einen Abend mit seinem potentiellen Opfer Rodney, einem jungen
schwarzen Schwulen, der letztendlich zu Dahmers Festnahme
führt.
Der Film: "Dahmer" stammt aus der gleichen Produktionsschmiede wie
der vor einigen Wochen besprochene "Gacy" und beschäftigt sich also
ebenfalls mit einem berühmt-berüchtigten Serienkiller der Neuzeit.
Jeffrey Dahmer, dem die Morde an insgesamt siebzehn jungen Männern
zur Last gelegt wurden, zu weit über 900 Jahren Knast verurteilt
und im Gefängnis von einem Mithäftling getötet wurde, geniesst in
Fachkreisen besonders aufgrund seiner kannibalischen Neigungen
besondere Aufmerksamkeit.
Im Gegensatz zu "Gacy", der sich hauptsächlich auf die Umstände
konzentriert, die zur Enttarnung des dortigen Killers führten, geht
"Dahmer" einen völlig anderen Weg und präsentiert die Story als
reines Psychogramm des gestörten Killers, verschwendet an die
Aufklärung der Verbrechen keinen Zentimeter Filmmaterial (hm, war
das ein Spoiler? Wenn ja, habt Ihr Pech gehabt. Andererseits ist's
eh ein real-life-Fall, weiß eh jeder, wie's ausgeht). Das macht den
Film schon mal von Haus aus wesentlich interessanter als "Gacy",
der an seinem Anspruch, quasi sowohl eine herkömmliche
Thrillerhandlung zu erzählen als auch die Psychose des Killers zu
erkunden, scheiterte. "Dahmer" setzt als Rahmenhandlung die
Begegnung des Killers mit seinem potentiellen Opfer Rodney, in
deren Verlauf immer wieder in Dahmers Jugend zurückgeblendet wird,
um zu erklären, wie seine Geistesstörung entstand und sich
entwickelte (von der Entdeckung seiner Homosexualität bis hin zu
seinem ersten Mord und der Vertuschung der Tat), dieweil in der
"relativen Gegenwart" in quasi kammerspielartiger Atmosphäre Dahmer
nach einem anfänglichen bunten Abend mit Rodney Einblicke in sein
Seelenleben und seine Lebens- bzw. Todesphilosophie offenbart.
Schon daraus allein wird deutlich, das spekulative Gewaltexzesse
die Sache des Films nicht sind, auch wenn die ems-DVD von einer
KJ-Freigabe geziert wird (die trotzdem m.E. berechtigt ist) -
Regisseur und Autor David Jacobsen sind nicht an Splatter- und
Gore-Einlagen interessiert (erst in den letzten zwanzig Minuten
gibt's ein paar blutige und ansatzweise splattrige Szenen zu
sehen), als vielmehr an der Frage, was Dahmer "ticken" liess.
Letztendlich hat auch "Dahmer" keine endgültigen Antworten (wen
wundert's) und blendet einige Facetten des realen Dahmers (so z.B.
dass er als Kind sexuell mißbraucht wurde) aus, lässt aber, gerade
durch die parallele Erzählstruktur, einige eindrucksvolle Momente
zu (z.B., wenn Dahmer, sich gerade über seine sexuelle Orientierung
klar geworden, völlig unsicher erstmals eine Schwulenbar besucht).
Die parallele Struktur des Films erweist sich auch tempo-mäßig als
Glücksgriff, denn die Story selbst weist doch einige Längen auf
(vor allem in der ersten Hälfte des Films), die durch die
Überleitungen in den jeweils anderen Erzählstrang allerdings
relativ geschickt kompensiert werden. Dennoch ist "Dahmer", sicher
auch nach dem Willen seiner Macher, kein reinrassiger
Spannungsfilm, nicht wirklich ein Thriller, sondern eher als
Psychodrama einzustufen. Auch wenn einige Stellen etwas langsam
sind, ist der Film bei weitem nicht so zähflüssig wie der
(wesentlich kürzer) "Gacy".
Stilistisch weiß Jacobsen durchaus zu überzeugen - während der Part
in der "Gegenwart" sehr düster in dunklen Rottönen gehalten ist,
werden die Rückblenden in hellen Farben gezeigt. Eine
Montage-Sequenz in der Schwulenbar, die überragend geschnitten und
fotografiert ist, ist fast schon atemberaubend, wird aber in ihrer
Intensität vom Restfilm nicht mehr getoppt. Insgesamt macht der
Streifen aus seinen sicherlich begrenzten finanziellen Mitteln
nahezu das Optimum - obwohl der Streifen natürlich Schauspielerkino
ersten Ranges ist, kann die visuelle Umsetzung durchaus gefallen,
zumal auch die musikalische Untermalung gelungen ist - neben
diversen Alternative-Stücken und einem zurückhaltenden, nuancierten
Score featured der Soundtrack auch einige (kommerzielle)
Techno-Stücke.
Wie bereits anklang, ist der Streifen nicht hart im Sinne von
expliziten blutigen Gewaltakten, weist aber, gerade durch die noch
zu würdigende darstellerische Leistung von Jeremy Renner in der
Titelrolle, eine recht verstörende, kranke Atmosphäre auf, die auch
im Zusammenspiel mit der Tatsache, dass der Film Dahmer quasi
"entkommen" lässt, die fehlende Jugendfreigabe gerechtfertigt
erscheinen lässt. Interessanterweise blendet "Dahmer" die wohl
berüchtigste Facette an den Bluttaten seines "Helden", nämlich den
Kannibalismus, völlig aus. Ich weiß nicht, ob Jacobsen dieser
Aspekt vernachlässigenswert erschien oder man eher Schwierigkeiten
bei der kommerziellen Auswertung befürchtete (ich denke fast mal,
letzteres).
"Dahmer" ist die große Ein-Mann-Show von Jeremy Renner
("S.W.A.T."), dessen einprägsame, glaubhafte und trotz aller
Abgründe, die sich in der Psyche seiner Rollengestalt auftun,
sympathisch-nachvollziehbare Darstellung den Film trägt. Renner hat
den "nice boy next door", der vermeintlich kein Wässerchen trüben
kann, genauso souverän drauf wie den plötzlich gewalttätig
explodierenden Psychopathen (wobei Dahmer kein Slasher-Killer ist,
dem bei einem blutigen Mord vor Begeisterung der Draht aus der
Mütze springt, sondern seine Taten berechnend-kaltblütig begeht).
Eine sehr intensive, packende Vorstellung, die größtes Lob
verdient.
Für weitere schauspielerische Glanzleistungen bleibt, schon allein
aufgrund der Tatsache, dass kaum eine Sekunde vergeht, in der
Renner nicht zu sehen ist, kaum Platz - Bruce Davison (Senator
Kelly aus den "X-Men"-Filmen) liefert eine gute Leistung als
Jeffrey Dahmers Vater ab, auch wenn scriptbedingt die Rolle, die
jener in Dahmers mörderischer Entwicklung spielte, nicht ganz klar
wird. Artel Kayàru ("Save the Last Dance") als Rodney ist in den
kammerspielartigen Szenen ein würdiger Gegenpart zu Renner.
Bildqualität: ems legt den Film in anamorphem Widescreen (1.78:1)
vor. Der Transfer ist verschmutzungsfrei und von der
Farbdarstellung her überzeugend, vielleicht etwas auf der
grobkörnigeren Seite und in den Punkten Detail- und Kantenschärfe
leicht verbesserungsfähig. In einigen dunklen Szenen wäre etwas
mehr Kontrast wünschenswert. Die Kompression verrichtet ihren
Dienst klaglos und unauffällig, allerdings bemerke ich einmal mehr,
dass die Scheibe auf meinem Billig-Player Marke United einige
Hänger zu verzeichnen hatte (immerhin wenigstens keinen
Totalfreeze).
Tonqualität: Drei Tonspuren stehen zur Auswahl, die deutsche
Synchronfassung in 5.1-Mix und 2.0-Surround, englischer O-Ton in
2.0. Die deutsche Fassung zeichnet sich durch eine gute
Synchronisation mit guten und passend besetzten Sprechern aus,
allerdings sind die Dialoge in der DF erheblich zu laut gemischt
und übertönen dese öfteren Score und Nebengeräusche. Auch die Bässe
der deutschen Spuren scheinen mir etwas sehr extrem aufgedreht,
brachten jedenfalls, im Gegensatz zur O-Ton-Spur, meine
Fensterscheiben bei mittelmäßiger Lautstärke an der Dolby-Anlage
zum Klirren. Die englische Fassung ist wesentlich nuancierter
abgemischt, ohne dass die Verständlichkeit der Dialoge leidet.
Leider liefert ems keine deutschen Untertitel mit.
Extras: Neben dem deutschen Trailer und einer eher knappen
Biographie des Real-Life-Dahmers (7 Texttafeln) und der üblichen
Trailershow gibt's nur eine völlig unbrauchbare Fotogalerie, die in
einem mikroskopisch kleinen Bildausschnitt ein paar ausgewählte
Filmstandbilder zelebriert.
Fazit: "Dahmer" ist im Vergleich zu "Gacy", der sich schon deswegen
als Vergleichsobjekt anbietet, weil er eben von der selben
Produktionsfirma ins Leben gerufen wurde, der wesentlich bessere
Film. Obwohl verständlicherweise nicht wirklich endgültige
Antworten geboten werden können, erlaubt "Dahmer" einen wesentlich
tiefgründigeren Blick in die seelischen Abgründe eines
Serienkillers, auch wenn nicht alles, was der echte Dahmer erlebte
und tat, seine Widerspiegelung im Film findet (Stichwort
Kannibalismus). Aber allein schon aufgrund der brillanten
Darstellung von Jeremy Renner kann man dem Film jedem ernsthaft an
einer Auseinandersetzung mit dem Thema "echte Serienmörder"
Interessierten guten Gewissens empfehlen. Es ist kein Splatter,
kein Horror, ja noch nicht mal richtig ein Thriller, aber eine sehr
intensive Charakterstudie eines psychisch derangierten Menschen -
kein easy viewing für nebenbei oder für 'ne Horrorparty, jedoch
erfolgreich in dem, was der Film sein will - ein verstörendes
Psychogramm eines Killers. Die DVD von ems ist akzeptabel, aber
weder in Bild noch Ton perfekt.
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