Devot
Aus Badmovies.de
Regie: Igor Zaritzky
Darsteller: Annett Renneberg (Anja), Simon Böer (Henry)
Eigentlich wollte Anja gerade von der Brücke hüpfen und ihrem
traurigen Dasein ein Ende machen, doch da funkt ihr das Schicksal
(oder der Zufall?) in Person von Henry dazwischen. Der ist gerade
in spontaner Stichlaune und hält Anja versehentlich für eine
Vertreterin des ältesten Gewerbes der Welt. Anja steigt auf das
Angebot ein und lässt sich in Henrys geräumige
Industriehallen-Wohnung chauffieren, wo er schon bald herausfindet,
dass es mit ihrer Nuttigkeit nicht weit her ist. Als Anja versucht,
Henry zu beklauen, greift er zur Selbsthilfe, fesselt sie an einen
Stuhl, droht mit Einschaltung der Polizei und lädt zum fröhlichen
Seelen-Striptease ein. Der Deal: a la "1000 und 1 Nacht" soll Anja
ihm eine Geschichte erzählen, dann lässt er sie frei. Anja tischt
die tragische Geschichte von Lily auf, dem von seiner Mutter
verlassenen halbtauben Mädel, das Opfer einer Massenvergewaltigung
wird und mit der es wohl das zu erwartende üble Ende nehmen wird...
Henry ist willig, seinen Teil der Abmachung zu halten, doch
plötzlich plagt Anja ein dringendes Verlangen nach rauem Sex - was
sich Henry natürlich nicht zweimal sagen lässt. Doch als Henry nach
dem Liebsakt Anja mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne
findet, nimmt die Sache einen recht unerwarteten und unerfreulichen
Verlauf und nichts ist mehr so, wie es scheint. Was ist Wahrheit,
was nur Trug?
Der Film: Man muss nicht unbedingt in hoffnungsfrohe Erwartung
ausbrechen, wenn ein deutscher Psychothriller vom Coverblurb in
eine Reihe mit "Panic Room" und "9 1/2 Wochen" gestellt wird (was
sowieso nicht unbedingt eine Verbindung ist, die hundertprozentig
Sinn ergibt) - gut, den "Panic Room"-Vergleich hat's von der
Cinema, und dass in Europas größter Filmredaktion nicht speziell
die Leute sitzen, die was von Film verstehen, ist ein so offenes
Geheimnis, dass es vermutlich selbst die dortigen Redakteure
wissen. Dazu kommt noch ein etwas unglücklich gewählter Titel - bei
"Devot" denkt manch einer ja zunächst mal an S & M und ähnliche
Scherze und vielleicht an eine deutsche Variante von "Secretary";
obwohl die Story natürlich ein paar minimale Bondage-Elemente und,
ehm, robusteren Sex beinhaltet, hat der Film nicht wirklich mehr
mit SM zu tun als die gute alte "Machtfrage" (und das ist keine
nichts SM-exklusive Thematik). Nun gut, wir sind natürlich
vorurteilsfrei wie immer...
... und stellen fest, holla, das Ding ist verblüffend gut. Es ist
nicht perfekt, aber es ist interessant. Die vom Verleiher
angeführten Vergleiche mit den Fincher- und Lyne-Werken sollte man
allerdings getrost noch vor Ansicht des Films in die Tonne kloppen,
das würde eine falsche Erwartungshaltung zur Folge haben. Wenn man
schon Vergleiche ziehen will, dann drängt sich mir eher der Name
David Lynch auf, was die sich nur langsam erschließende Struktur
des Films und vor allem sein Finale (das, wie der Film selbst
ausführt, "nichts interpretiert und nichts erklärt", das soll der
werte Zuschauer dann doch bitte selbst erledigen, aber das ist ja
auch nicht immer schlecht) anbetrifft, einiges wird sicher auch Joe
Berlingers unterschätztem "Blair Witch 2" geschuldet (nicht nur das
Setting, sondern auch Spielereien mit der Thematik "Was ist
Realität und was nicht").
Nun liegt angesichts der Grundkonstellation der Verdacht nach, dass
es sich bei "Devot" um ein reines Psycho-Kammerspiel handelt und
der Film gibt sich zunächst auch redlich Mühe, den Zuschauer auf
diese Fährte zu lotsen, um etwa zur Halbzeit mit diesem System zu
brechen und sowohl Thrillerelementen, leichten Horroreinflüssen und
Lynch'esquer morbider Surrealität Tür und Tor zu öffnen, in der
sich Sein und Schein mischen und verschieben, sich die Story einige
Male dreht und wendet (wobei aber die Glaubwürdigkeit gelegentlich
arg strapaziert wird [Spoiler-Alarm] Henry findet Anja
geselbstmördert in der Badewanne liegen und was macht er? Er hebt
hinter'm Haus ein Grab aus, um die Leiche zu verscharren... äh, ja,
sure[/Spoiler-Alarm]) und den Zuschauer bis zur letzten Sekunde
(und einschließlich derselben) im Unklaren lässt, was jetzt genau
die Wahrheit ist - ein interpretationsfähiges und -bedürftiges
Script, das für den Konsumenten, der alles und jedes vorgekaut
serviert bekommen möchte, unverdaulich sein dürfte (für die nicht
ganz so erfahrenen Gemüter gibt's zwar auch einige leichter
aufzudeckende Twists und falsche Fährten, aber spätestens im Finale
wird so mancher das Handtuch werfen). Nicht immer sind die
Handlungsweisen der Hauptakteure logisch (zumindest nicht auf den
ersten Blick), aber daraus sollte man in diesem Fall dem Film
keinen Strick drehen, weil die Undurchschaubarkeit, die
Nichtnachvollziehbarkeit der Charaktere ja irgendwo der Punkt an
der Geschichte ist (oder zumindest von mir dafür gehalten wird).
Selbstredend ist der Film, angesichts nur zwei handelnder Personen,
sehr dialoglastig. Prinzipiell schadet es dem Streifen nicht, da er
durch seine düstere Atmosphäre, geschaffen durch ein
ausgezeichnetes Szenenbild und entsprechend "dunkle" Ausleuchtung
punktet und die Story an sich spannend und geheimnisvoll genug ist,
nur sind die Dialoge, da schlägt dann doch das alte deutsche
Autorenfilmerproblem durch, stellenweise furchtbar gestelzt und
jenseits jeder Normalität - so REDEN Leute einfach nicht, schon gar
nicht in Extremsituationen wie der hier geschilderten. Es tut dem
Filmvergnügen nicht wirklich schmerzhaften Abbruch, aber es
veranlasst schon hin und wieder zum dezenten Augenrollen.
Filmisch kann Writer/Director Igor Zaritzky (mit dem TV-Film "Game
Over" zumindest mir nicht aufgefallen) nicht immer überzeugen.
Obwohl ihm die latent bedrohlich-geheimnisvolle Atmosphäre, wie
erwähnt, ganz gut von der Hand geht und er ganz gut damit
zurechtkommt, kleine stilistische Gimmicks wie kurze,
farbgefilterte Flashback- (oder "alternative Realität"-, je nach
Gusto) Sequenzen einzubauen, ist die Kameraführung manchmal etwas
zu statisch. Zu oft arbeitet der Film, vor allem in den längeren
Dialogpassagen, mit dem arg konventionellem
Schuss-Gegenschuss-Prinzip, wo man sich etwas mehr visuelle Dynamik
durch die ein oder andere Kamerafahrt hätte wünschen können.
Exploitationfreunde sitzen bei einer semi-expliziten und
ausführlichen Sexszene sowie einigen kurzen blutigeren
Einstellungen in der ersten Reihe (die FSK 16 geht voll in Ordnung,
mehr wäre übertrieben, weniger aber auch). Pluspunkte verdient sich
der Streifen noch durch den dezenten, aber effektiven Einsatz der
Musik.
Zwei-Personen-Stücke stehen und fallen mit der Qualität ihrer
Darsteller und obwohl ich nicht wirklich viel erwartet hatte, wurde
ich doch positiv überrascht. Annett Renneberg, die Fernsehgucker
aus der ARD-Reihe der Donna-Leon-Brunetti-Krimis und Kinofreunde
aus dem letztjährigen Überraschungserfolg "Erbsen auf halb 6"
kennen könnten, gibt sich nicht nur freizügig (auch wenn ich ihr
bescheinige, dass sie mit der roten Perücke besser aussieht als mit
den kurzen blonden... aber das mag persönliche Präferenz meiner
Wenigkeit sein), sondern auch darstellerisch durchaus überzeugend.
Klar, die, wie oben gesagt, verbesserungswürdigen Dialoge rauben
etwas von der Glaubhaftigkeit des Charakters, aber sie agiert mit
vollem Einsatz. Newcomer Simon Böer, der bislang nur einige
Gastauftritte in Krimiserien wie "Wolffs Revier" zu verzeichnen
hat, gefällt mir schauspielerisch aber noch besser - was aber auch
daran liegen mag, dass sein Charakter auf den ersten Blick der
geradlinigere ist (und die etwas besseren Dialoge hat). Auf jeden
Fall ist das auch bei Böer eine darstellerlische Leistung, auf der
man aufbauen kann.
Bildqualität: mcOne lässt im allgemeinen wenig anbrennen und auch
hier gibt sich das Label keine Blöße. Der Film wird in anamorphem
1.78:1-Widescreen vorgelegt, das sich wirklich sehen lassen kann.
Der Bildtransfer überzeugt sowohl von den Schärfewerten, bietet
trotz der überwiegend dunklen Farbgebung gelungenen Kontrast und
liegt ins ehr guter Kompression vor. Störungs- und
verschmutzungsfrei ist der Print sowieso. Kann man nicht wirklich
was dran aussetzen.
Tonqualität: Wahlweise kann man sich vom deutschen Dolby 5.1- oder
2.0-Ton beschallen lassen, wobei der Streifen natürlich alles
andere als ein Surround-Effekt-Gewitter vom Stapel lässt, da kommt
man auch mit dem ordinären Stereoton vom Fernseher gut zurecht und
muss nicht unbedingt die Dolby-Anlage anschmeissen. Die Tonspuren
sind absolut rauschfrei, perfekt verständlich und gelungen
abgemischt.
Extras: Auf den ersten Blick gar nicht mal so wenig, aber doch
recht wenig brauchbares - das dreizehnminütige "Making-of" besteht
aus unkommentierten, mit Musik unterlegten Szenen vom Dreh, dann
gibt's zwei Trailer, ein "Musikvideo" (zwei Minuten, eigentlich nur
Filmszenen, die mit dem Song aus dem Abspann unterlegt sind), eine
geringfügig längere Variante der Sexszene, einen knapp
vierzigsekündigen Kurzfilm "Lucky Day" (der ist offenbar einer
spontanen Sektlaune am Dreh von "Devot" zu verdanken und ist eher,
äh, doof), drei deleted scenes, wobei zwei nur sekundenkurze
throwaway-Szenen sind, und die erste, wenn ich sie richtig
einordne, etwas vom Mystery wegnimmt (und daher gut ist, dass sie
geflogen ist), sowie ein gut fünfminütiges Castingvideo (in
gruseliger Bild- und Tonqualität). Die übliche Trailershow rundet
das Extraprogramm ab. Klingt vom Umfang her gar nicht so schlecht,
aber wirklich verwertbar sind eigentlich nur die deleted scenes und
die längere Sexszene... was leider völlig fehlt, sind Interviews
oder sonstige Statements der Macher und Beteiligten, und die hätten
mich hier mal wirklich interessiert.
Im übrigen schießt mcOne mit dem Backcover der DVD noch einen
richtigen Bock, denn die abgedruckten Stabangaben sind nicht etwa
die von "Devot", sondern die des vor einiger Zeit erschienenen
"Motown"... da wär doch ein Covernachdruck angebracht, oder?
Fazit: "Devot" ist ein interessantes Experiment - Igor Zaritzky
versucht, ein Psycho-Kammerspiel-Drama mit einem
Realitätsvexierspiel Marke Lynch oder "Blair Witch 2" zu verknüpfen
und garniert das mit einer nicht zu unterschätzenden Prise Sex. Das
Resultat ist nicht vollends gelungen, was vor allem an den
unnatürlichen Dialogen und der manchmal zu langweiligen
Kameraarbeit liegt, doch die guten schauspielerischen Leistungen
und die Unvorhersehbarkeit der Story trösten über die Mängel
hinweg. Nichts für Freunde des geradlinigen, temporeichen und
schnörkellosen Thrills, aber wer sich von den mehrfach (von mir
jetzt, nicht denen vom Cover) zitierten Vergleichen arrangieren
kann und keine grundsätzliche Abneigung gegen alles Deutschgefilmte
hat, sollte mal reinschauen - für Spannungskino MIT Anspruch aus
Deutschland ist "Devot" aller Ehren wert. Der Streifen hat durchaus
seine Reize und damit mein ich jetzt nicht unbedingt die nackten
Tatsachen - spannend, verwirrend, verstörend - es darf
interpretiert werden... (aber wer den Klappentext geschrieben hat,
würde mich auch mal interessieren. Was bitte sind "knochentiefe
Schocks"?) Die DVD von mcOne ist bild- und tontechnisch gelungen
und weist durchaus eine Menge Extras auf, aber etwas mehr
Informationswert hätte dem Bonusmaterial nicht geschadet.
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