Erfurt & Stoiber

Aus Badmovies.de
Wechseln zu: Navigation, Suche

ERFURT & STOIBER

Ich schreibe dies am 27.04.2002, also einen Tag nach dem 26.04. (Logiker), dem Tag, an dem ein Neunzehnjähriger in das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt eindrang und dort 16 Menschen und sich selbst tötete. Der schlimmste Amoklauf in der deutschen Nachkriegsgeschichte, ein fürchterliches Ereignis, ein sinnloses Morden. Ein Vorfall, dessen Ursachen aufgeklärt werden müssen, zweifellos.

An dieser Stelle möchte ich nicht versäumen, allen Angehörigen mein tiefstes und aus ganzem Herzen kommendes Mitgefühl auszusprechen. Ich weiß, daß selbst das wohlmeindendste Wort kein Trost sein kann, aber ich fühle mit den Opfern dieser unfaßbaren Tat.

Was hat das mit dieser Website zu tun? Vielleicht mehr, als der ein oder andere sich vorstellen mag.

Es war noch gestern am Nachmittag, noch nicht mal die Toten waren geborgen, da fragte schon ein neunmalkluger Fernsehmoderator (ich glaub, auf n-tv oder N24) eine Politikerin der Grünen, ob wir nicht angesichts dieses Vorfalls einen strengeren Jugendschutz bräuchten. Heute fordert Edmund Stoiber, Kanzlerkandidat der Union, ein sofortiges Verbot von Gewaltvideos und "Killerspielen."

Moment mal. Auch jetzt, knapp 36 Stunden nach den grauenhaften Ereignissen in Erfurt, deutet nichts darauf hin, daß der Täter, so verwirrt er auch gewesen sein mag, auch nur im geringsten zu seiner Tat durch Gewaltdarstellung in Film, Fernsehen oder Computerspiel beeinflußt worden wäre. Aber, es ist natürlich populär und populistisch, sich noch in der Stunde der Trauer, noch bevor überhaupt etwas über den Täter bekannt war, einen Sündenbock zu suchen, der sich nicht verteidigen kann. Der Täter war 19 Jahre alt - also volljährig im Sinne unseres Grundgesetzes, wäre er bei der Bundeswehr und vielleicht in einem Auslandseinsatz, vollständig dazu legitimiert, für unser Vaterland und die Werte unserer Demokratie zu töten und zu sterben. Der Täter war Mitglied in mehreren Schützenvereinen - alle seine Waffen waren registriert und erlaubt für diesen Zweck. (Wobei ich mir schon die Frage stelle, wozu man in einem Schützenverein eine Pump-Gun braucht. Kann mir das jemand sagen?) Fordert nun jemand das Verbot aller Schützenvereine? Nein. (Obwohl ich dafür wäre. Schießen, sei es auf Pappscheiben, Tontauben oder auch nur hohle Stäbchen am Jahrmarkt ist etwas, was ich bei aller Liebe und selbst im Hinblick auf den olympischen Medaillenspiegel nicht für einen Sport halten mag). Natürlich fordert niemand das Verbot von Schützenvereinen, obwohl wohl jeder, der mag, in einen solchen Verein eintreten kann und auf legalem Weg eine tödliche Schußwaffe und Munition dafür erhalten kann - und diese sogar mit nach Hause nehmen kann und sich unters Kopfkissen legen, wenn's gefällt. (Und da der Schützenverein in seiner dort oft angetroffenen Personalunion mit dem Trachtenverein zu den urbayerischen Traditionen gehört, kann man wohl auch kaum erwarten, daß mein spezieller Freund, Herr Stoiber, auch nur einen Gedanken in diese Richtung verschwendet hat - jeder Sportschütze ist ein potentieller Unionswähler...). Ja, ich weiß - wer auf legalem Weg keine Waffe erhält, beschafft sie sich auf illegale Weise, das ist in einem "freien Land" bekanntlich kein Problem. Aber muß man es den Leuten denn so LEICHT machen, daß man sich gar nicht den beschwerlichen Umweg über die illegale Anschafung einer Waffe machen muß, um an einen Schießprügel zu kommen?

Okay, das ist alles recht zusammenhanglos, ich weiß, und ich bin von meinem eigentlichen Thema abgekommen. Zurück also dazu. Gewaltvideos und Computerspiele sind also mal wieder, obgleich nichts darauf hindeutet, daß sie mit diesem speziellen Fall etwas zu tun haben, der Prügelknabe der Gesellschaft. Es ist sicher richtig, daß Gewaltvideos und gewaltverherrlichende Videospiele der Auslöser für Gewaltakte seiner Konsumenten sein können (ganz abgesehen davon, daß ich durchaus der Meinung bin, daß es sowohl Filme als auch Spiele gibt, die nicht in die Hände von Minderjährigen gehören - und ich meine damit genau DICH, Du vierzehnjähriger Neunmalkluger Vollidiot, der auf der Suche nach neuen Horrorvideos auf diese Seite gekommen ist - werd erwachsen!) - sie sind jedoch nicht die Ursache hierfür.

Nur leider macht sich niemand (oder fast niemand) Gedanken darum, was die Ursache für Gewalt, für Amokläufe, für Bluttaten wie die in Erfurt oder vor einiger Zeit in Bad Reichenhall waren. Nein, es ist uns wichtiger, die Auslöser zu beseitigen, das Symptom zu bekämpfen und nicht die eigentliche Krankheit. Unsere Gesellschaft hat ein Problem mit Gewalt, die aus ihr selbst kommt. Unsere ach so freiheitliche, liberale und fortschrittliche Gesellschaft kann es nicht akzeptieren, daß sie selbst, ganz ohne Einfluß von brutalen Filmen oder Videospielen, Psychosen und damit zwangsläufig auf lange Sicht Psychopathen produziert. Ich habe kein Patentrezept für die Lösung dieses Problems - ich weiß allerdings, daß niemandem gedient sein wird, wenn wieder einmal Politiker und Verbände, unterstüzt von vielen hippokritischen populistischen Mitschreiern an Stammtischen und Elternabenden (zwei sinnlosen Einrichtungen, wenn es welche gibt), lautstark Verbote fordern. Damit wird man nicht verhindern können, daß sich grauenvolle Bluttaten wie in Erfurt wiederholen (mal ganz abgesehen davon, daß die "reale" Gewalt, wie sie sich tagtäglich in den Nachrichten präsentiert, für labile Menschen vermutlich gefährlicher ist als jedwede fiktive Gewalt aus Medien wie Film oder Videospiel - schon allein die stundenlange Live-Berichterstattung aus Erfurt ist trotz aller Zurückhaltung ein Negativbeispiel, von den 9/11-Terroranschlägen und den Berichten hierüber ganz zu schweigen) - nein, die Gesellschaft und damit meine ich UNS ALLE - wir müssen uns fragen, wo die Wurzeln des Übels liegen - wo sind die Gründe dafür, daß Menschen (egal welchen Alters) ausklinken? Die Gründe, nicht die Auslöser! Wenn wir die Gründe aufdecken und diese bekämpfen, brauchen wir uns mit den Auslösern nicht weiter zu befassen. Dann können wir, die wir geistig gesund sind, halbwegs psychisch stabil, keine Waffe besitzen, die über ein Küchenmesser hinausgeht, und nach dem Ankucken von BRAINDEAD nicht mit dem Rasenmäher durch die nächste Supermarktfiliale bügeln, um dort alle Anwesenden durch den Fleischwolf zu drehen, auch weiterhin unserem Vergnügen nachgehen, Horrorfilme (und meinetwegen auch gewaltverherrlichende Videospiele, auch wenn's die wegen mir nicht braucht) ansehen zu können.

Und nur noch mal für alle Skeptiker zum Nachdenken: Die Niederlande sind nicht gerade dafür bekannt, mordgierige Psychopathen am Fließband zu produzieren. Die Niederlande sind in vieler Hinsicht die liberalste Gesellschaft, die ich kenne. Die höchste Altersfreigabe bei Videos ist "ab 16", von den Coffee Shops mal ganz zu schweigen. Gibt's dort mehr Amokläufer als hier? Bringen die sich pausenlos gegenseitig um? Ich weiß, es ist eine Milchmädchenrechnung... und ich fordere keine Übertragung holländischer Verhältnisse auf dieses unser Land, weil das ganz einfach nicht funktionieren wird, dafür kenne ich "meine" Deutschen zu gut. Aber es ist vielleicht der Beweis, daß Verbote nicht alles sind.

Der Jugendschutz in Deutschland ist rigide genug - wir brauchen keine neuen Gesetze, die uns, den Erwachsenen, den Volljährigen, den Zugang zu den Medien erschweren oder ganz verhindern, die wir uns, im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte, ansehen wollen. Was wir brauchen, ist Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft. Wir brauchen Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern, die sie nicht einfach vor den Computer oder den Videorecorder hocken, um ihre Ruhe zu haben. Wir brauchen eine Gesellschaft, die auf den Einzelnen eingeht, ihn mit seinen Problemen nicht allein läßt. Wir brauchen eine weniger egoistische Gesellschaft.

Ein großes Ziel sicherlich, aber eins, das den Aufwand sicherlich wert ist. Und ein Ziel, das ohne Verbote erreichbar ist, eins, das nur ein wenig guten Willen von uns allen erfordert. Und wenn wir das erreichen, vielleicht können wir selbst dann nicht Einzelfälle wie Erfurt verhindern, aber wir haben eine verdammt gute Chance, daß es elendliglich seltene Einzelfälle bleiben.


27.04.2002

Comments? Forum oder e-mail!