Fantasy Film Fest 2015 Teil 10

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STUNG

Stung

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Deutschland/USA 2015, Regie: Benni Diez

Irgendwo in Neuengland gibt der alte Geldadel in Form von Mrs. Perch und ihrem buckligen Sohn eine Gartenparty. Das Catering übernehmen Julie und ihr einziger Angestellter Paul – Julie hat das nicht gerade erfolgreiche Unternehmen von ihrem Paps geerbt und ist natürlich bestrebt, bei einflussreicher Kundschaft – auch der Bürgermeister hat sich angesagt – guten Eindruck zu hinterlassen. Paul ist der erste, der das Problem bemerkt: die Wespen sind heute ganz besonderes agressiv und auch ziemlich groß für den Geschmack eines anständigen Phobikers. Gelb-schwarz gestreifte Fluginsekten sind allerdings begreiflicherweise für Julie kein Grund, den Gig platzen zu lassen. Platzen tun dafür bald schon die Partygäste, denn wer unglückseligerweise von einer der fliegenden Nervensägen gestochen wird, wird in Windeseile unfreiwillige Mama eines mannsgroßen Wespenmonsters mit nicht gerade besseren Partymanieren. Die fröhliche Feier wird zum Gemetzel – die wenigen Überlebenden, darunter Julie, Paul, Mrs. Perch und Sohn sowie der Bürgermeister, verschanzen sich in der Perch-Villa und finden heraus, dass Perch Juniors Gartenbau-Experimente mit illegalem Pflanzendünger für die Mutation der Wespen verantwortlich sind…

Dann also ein Film, an dem ganz offiziell das FFF schuld ist – vor ein paar Jahren veranstaltete die Produktionsfirma RatPack auf dem Festival einen „Ideenwettbewerb“, dessen Sieger seinen Einfall in Form eines Low-Budget-Films in die Tat umgesetzt sehen sollte. Man kann natürlich jetzt lang und breit diskutieren, inwieweit das, was sich im Absatz weiter oben abspielt, ernsthaft als „Idee“ durchgeht, wenn auf dem Syfy-Channel solcherlei Kram im Wochentakt Premeiere feiert, aber ich nehme ja praktisch jede Ausrede für eine deutsche Genrefilmproduktion, auch wenn sich „deutsch“ letztlich auf Drehort und Regisseur beschränkt, im Cast gibt’s keine einzige deutsche Nase…

Selbst der Drehbuchautor Adam Aresty (unbeschriebenes Blatt) kommt aus den Staaten (und ein wenig schofel find ich schon, dass der Ideenwettbewerb-Sieger nicht mal mit einem im Nachspann verstecktem Mini-Credit gewürdigt wird). Regisseur Diez legt nach einigen Kurzfilmen seinen ersten Abendfüller vor (seine größte Ruhmestat sind die visuellen Effekte für den völlig an mir vorbeigegangenen deutschen Mysterythriller „Du hast es versprochen“).

„Stung“ bemüht sich nicht, irgendetwas anderes zu sein als ein launiges B-Movie, das mit coolen Creature FX und blutigen Splattereien punkten will. Ob man das allein schon gut finden soll, weil’s aus Deutschland kommt und immerhin die Meßlatte, den gewöhnlichen Asylum-Creature-Feature, einigermaßen mit Luft unterm Hintern überspringt, ist eine Geschmacksfrage. Liefe sowas, wie erwähnt, auf dem Syfy-Channel, wäre ich keineswegs enttäuscht, das Format für „Kino“ hat „Stung“ nicht, weil er – und da müssen wir einfach mal wieder ehrlich sein und die Deutschland-Fähnchen bedröppelt wieder zusammenrollen – außerhalb seiner FX nichts zu bieten hat. „Stung“ verschießt alles, was er an „Plot“ hat, quasi in den ersten dreißig-vierzig Minuten, hat bis zu diesem Zeitpunkt auch schon alles an cannon fodder abgemurkst, was rumlief, und muss dann mit seiner verbleibenden Handvoll Charaktere die zweite Filmhälfte mit nicht sonderlich spannendem Hide-and-Seek-Spiel überbrücken, bis es zu einem auch nicht sonderlich spannenden (oder logischen) Showdown kommt. Ich habe selten einen Film gesehen, der ab Mitte des zweiten Akts dramaturgisch so… *nichts* mehr auf der Pfanne hat. Wo ein einigermaßen geschickter Drehbuchautor die Eskalationsschraube sanft angezogen hätte (erst mal greifen Wespen an, dann werden sie größer, dann kommen die Monsterwespen aus den Leichen), rasen Aresty und Diez in zwei Minuten durch die „Evolution“ ihrer Monster (selbst die Xenomorphen aus „Alien“ ließen sich das erheblich mehr Zeit… wie das alles biologisch funktionieren soll, ist mir schleierhaft) und haben dann eben für den Rest des Films nichts mehr übrig, was die Situation weiter befeuert (oder nichtd daraus machen, wenn sie etwas haben, wie den kuriosen Gedanken, dass Parch jr, weil die Wespe ihn in seinen Buckel gestochen hat, anstatt Brutkasten einer Monsterwespe zu werden, zu einer Art „Hybriden“ wird).

Dass die brandenburgische Pampa (und ein heruntergekommenes Schloss ebenda) kein überzeugendes Double für ländliche amerikanische Gebiete abgeben kann, ist relativ klar, aber wenigstens bastelt „Stung“ sich nicht wie weiland „Virus Undead“ ein amerikanisches Deutschland… Die Effekte sind, wie gesagt, top notch für die Sorte Film, und halten jeden Vergleich mit US-Ware locker aus (und, auch das sei noch mal erwähnt, den typischen Asylum/Corman-Kram schlägt „Stung“ sowohl an Qualität der FX als auch Blutigkeit mühelos).

Mit Matt O’Leary („Stirb langsam 4.0“, „Frailty“) und Jessica Cook („Awkward – Mein sogenanntes Leben”) hat Diez ein sehr sympathisches Protagonisten-Pärchen zur Verfügung, Clifton Collins („Star Trek“, „Crank 2“) haut mich als buckliges Muttersöhnchen nicht gerade vom Hocker, und Lance Henriksen spielt zwar einen erheblich größeren Part als ich vermutet hatte, ist dafür aber auch deutlich gelangweilter und versprüht bei jeder Line den Charme der „ich erzähl den Scheiß hier nur, weil er im Drehbuch steht“-Paycheck-Mentalität.

Fazit: Simpler blutiger Monsterheuler, der sich keine Illusionen darüber macht, was er ist, aber auch mit sehr wenigen Einfällen und einer dramaturgisch völlig verkorksten zweiten Hälfte zurechtkommen muss. Ansehbar, aber auch keine große neue Hoffnung für den deutschen Genrefilm (Killer-Artwork, though).

Toter Hund: Ich glaube, Mrs. Parch‘ Pudel muss dran glauben…

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BITE

Bite

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Kanada 2015, Regie: Chad Archibald

Casey bringt von ihrer Junggesellinnenabschiedsparty auf der DomRep ein Souvenir mit. Ausnahmsweise mal keine sexuell übertragbare Krankheit, aber dafür einen vermeintlich harmlosen Insektenbiss, der nicht abheilen will, sondern sich vielmehr eitrig entzündet. Kurz vor einer Hochzeit, von der sich Casey überhaupt nicht sicher ist, ob sie eine gute Idee ist (schließlich wird sie von ihrer zukünftigen Schwiegermutter, die auch ihre Vermieterin ist, amtlich als „nicht gut genug für meinen Jungen“ gehasst…), hat Casey wenig Nerv, sich um den Bugbite zu kümmern, aber irgendwelche Salben draufschmieren hat, wie sich schnell herausstellt, keinen Erfolg. Dieweil Casey mit ihren Freundinnen die Sinnhaftigkeit des potentiellen Ehelebens diskutiert, und darunter leidet, dass sich ihr künftiger Gemahl nicht von Frau Mama lösen kann (er darf nicht mal bei ihr übernachten), beginnt sie sich zu verändern und schließlich völlig zurückzuziehen, um in Ruhe zu einem grässlichen Insektenmonster zu mutieren und ihre Wohnung zu einem Stock zu verwandeln, in dem sie ihre Eier ablegen und ihre Opfer töten kann…

Wo wir gerade bei Insekten waren… Chad Archibald, gemeinhin bekannter als Produzent (in der Funktion betreute er u.a. „Sweet Karma“ und „Antisocial“), erinnert sich an David Cronenberg und „Die Fliege“ und bringt uns Mutations-Body-Horror der schleimigen Art. Das allein sollte eigentlich schon ausreichen, um eine Entscheidung pro oder contra „ansehen“ zu treffen. Aber Ihr erwartet ja mindestens wieder eine A4-Seite Gebrabbel meinerseits, also darf ich Euch nicht enttäuschen.

Archibald erschreckt uns zunächst mal damit, den Mädelsausflug nach Fickificki-Island im Found-Footage-Stil zu bringen, geht dann aber, sobald die Handlung wieder zurück in die Zivilisation findet, zu konventionellem Spielfilmformat über. Danke dafür. Dummerweise wird der Film davon nicht entscheidend besser, weil wir’s hier mal wieder mit einem besonders doofen Exemplar von „idiot movie“ zu tun haben, vulgo einem Film, dessen „Handlung“ nur funktioniert, weil sich ausnahmslos alle Charaktere wie die letzten gehirnamputierten Volldrömlinge verhalten. Würde auch nur eine Figur zu einem beliebigen Zeitpunkt der Story zwei Gehirnzellen in Verbundschaltung legen, würde der ganze Kram in sich zusammenfallen wie ein besonders labiles Kartenhaus. Um nur den größten Hammer exemplarisch mal herauszustellen – nicht eine, nicht zwei, sondern VIER Figuren betreten Caseys Wohnung, die inzwischen aussieht wie eine Mischung aus Innenleben eines Xenomorphen-Magens und Wespenstock, wo der grüne Schleim stalagmitenweise von der Decke tropft und rufen nicht Polizei, Feuerwehr oder nuklear bewaffnete Streitkräfte, sondern spazieren in aller Seelenruhe rein, weil man ja exzentrischen Inneneinrichtungsgeschmack irgendwie tolerieren muss, oder?

Aber „Bite“ ist augenscheinlich ein Film für die Klientel, die nicht wirklich Wert darauf legt, ob glaubwürdige Charaktere nachvollziehbare Dinge tun, sondern für die, denen es reicht, wenn Flüssigkeiten, Schleim und ekliger Stoff aller Art aus allen Körperöffnungen (und zusätzlich geschaffenen solchen) trieft. Ich bin aus dem Alter raus, an dem mir pures Anekeln als filmisches Mittel reicht (ich denke, eine solche Phase macht man mal durch und sei’s als Mutprobe), weswegen ich mir z.B. auch „Excess Flesh“ dankend gespart habe – im Gegensatz zu Cronenbergs Klassiker lässt „Bite“ nicht durchschimmern, dass über das Anwidern des Publikums hinaus ein Punkt gemacht wird (ich glaube nicht mal, dass Archibald keinen Punkt machen *will*. Da steckt wohl schon eine Beziehungsmetapher drin) und dass es ein Regisseur bzw. sein Effektemacher schafft, dass sich mir selbst auf nüchternen Magen selbiger umdreht (technisch ist an den FX nichts auszusetzen), ist auch nichts mehr, was ich als „positiven Punkt“ in die Waagschale werfen könnte.

Zumal auch die schauspielerischen Leistungen nicht umwerfend sind – Elma Begovic in ihrer ersten Filmrolle erregt weder Mitleid noch wird sie richtig hassenswert, Annette Wozniak, Denise Yuen und Tianna Nori als ihre Freundinnen können auch nichts bewirken, Jordan Gray bleibt farblos und auch Lawrence Denkers, die als böses Schwiegermonster aufgebaut wird, hat letztlich auch nicht wirklich gehaltvolle Szenen zu spielen.

Daher: wer nicht jeden schleimigen Ekel-Mutations-Horror sehen muss, kann sich „Bite“ getrost schenken. Da ist mir dann selbst „Die Fliege 2“ noch lieber. Ist man aber Fan von Schleim in allen Facetten und Varianten, kann man sich zumindest an den FX delektieren. Als Film taugt „Bite“ aber auch dann nicht viel…

Toter Hund: Nein.

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THERAPIE FÜR EINEN VAMPIR

Therapie für einen Vampir

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Österreich/Schweiz 2014, Regie: David Rühm

Graf Geza hat genug – irgendwann wird das schönste Vampirdasein langweilig, macht einen die nächtliche Jagd auf weibliche Hälse nicht mehr an, und wenn man dann noch seit Jahrhunderten mit der selben genervten Frau, Gräfin Elsa, verheiratet ist, kann man der ganzen Chose schon mal überdrüssig werden. Zum Glück befinden wir uns im Wien des Jahre 1932 und ein lebensmüder Graf kann sich bei Sigmund Freud auf die Couch legen. Der Seelendoktor wundert sich zwar über seinen seltsamen neuen Patienten, aber ein Patient ist ein Patient und ein Schilling ein Schilling. Und Geza findet beim Doktor tatsächlich auch einen Grund, sich wieder seines Untotendaseins zu freuen – das Portrait von Lucy, der Freundin von Freuds Illustrator Viktor. Und auch Viktor könnte ein Problem des Grafen lösen… Der Grund für die Frau-Gräflichen-Stimmungsschwankungen liegt nämlich darin begründet, dass Elsa nicht weiß, ob sie noch schön ist – Spiegel und Fotografien fallen bei Vampiren bekanntermaßen aus, der Meinung anderer Personen (insbesondere ihres Ehemanns) hält Elsa nicht für vertrauenswürdig, und bislang ist noch jeder Maler aus unerfindlichen Gründen daran gescheitert, Elsas Gesicht zu portraitieren. Vielleicht kann Viktor das ja… Während Graf Geza sich an Lucy heranpirscht, erweist sich Viktor ebenfalls als rein physisch nicht in der Lage, Elsa zu malen. Jetzt wird die Gräfin sauer und droht unbefangen, Lucy zu töten, ohne zu wissen, dass Geza ja hinter ihr her ist…

Kommt die Ehrenrettung des deutschsprachigen Genrefilms dann tatsächlich aus Felix Austria? Nun, zumindest setzt man eine gewisse Qualität voraus, wenn einem stolze Namen wie Tobias Moretti, Lars Rudolph oder Blechtrommler David Bennent entgegengeschleudert werden. Das ist nicht gerade der letzte GZSZ-Ausschuss – und Regisseur David Rühm ist auch ein Routinier, der in seiner österreichischen Heimat schon seit über 20 Jahren vor sich hin werkelt. Aber auch einer, der im Rahmen eines Q&A auch gleich versicherte, dass er „Therapie für einen Vampir“ nicht als Genrefilm sähe. Clever, sich gleich mal von einem ausgekuckten Stigma zu distanzieren…

Na gut, wollen wir mal nicht so sein und Herrn Rühm verzeihen. Kann der Film denn was? Ja, das kann er. Zwar vergisst er relativ schnell sein titelgebendes Gimmick zugunsten einer liebeleienden Fünfecksgeschichte (neben Graf und Gräfin einerseits und Lucy und Viktor andererseits mischt sich nämlich des Grafen persönlicher Igor, Radul – eine Rolle, für die David Bennent, „Blechtrommel" hin oder her, einfach geboren wurde! -, in den Reigen ein), aber das ist schon hoch unterhaltsam und dank der großartigen darstellerischen Qualität auch ein schauspielerischer Genuss. Moretti, der sich längst davon emanzipiert hat, der menschliche Begleiter von „Kommissar Rex“ gewesen zu sein (vgl. auch den edlen Alpenwestern „Das finstere Tal“), braucht keine großen Gesten, um seinen Grafen Geza zu einem der denkwürdigeren Filmblutsauger zu machen und wo Moretti seinen Charme und sein Charisma einsetzt, hält Jeannette Hain („Honig im Kopf“, „Winterkartoffelknödel“) als Gräfin Elsa mit Lust an der Boshaftigkeit dagegen. Cornelia Ivancan und Dominic Oley mögen nicht die ganz großen Namen ihrer Kollegen tragen, halten sich aber ebenfalls wacker, und wer für Nebenrollen Leute vom Kaliber Karl Fischer („Gloomy Sunday“, „Donna Leon“), Lars Rudolph („Lola rennt“, Der Krieger und die Kaiserin“, „Luther“), Erika Mangold („Nordwand“, „3096 Tage“) oder eben David Bennent zur Verfügung hat, braucht sich keine Sorgen zu machen, dass da auch nur irgendetwas anbrennen könnte.

Was Rühm und seiner „Therapie“ fehlt, ist der letzte kinematische Kick, der die Geschichte vom schicken TV-Movie zum Großen Kino ™ macht. Bei allem wunderschön getroffenen Zeitkolorit, beim Detailreichtum in Kostümen und Ausstattung, beim Wiener Schmäh, der immer wider durchscheint, könnte der Film manchmal einfach etwas mehr Scope, etwas mehr Willen zum großen Bild, zum set piece, aufbringen. Die technische Expertise ist vorhanden – was an Spezialeffekten aufgeboten wird, ist aller Ehren wert (klare Ansage: „Therapie“ ist sicherlich kein *Horrorfilm*), man wünschte sich eben an einigen Stellen den Mut, der Film würde etwas mehr aus sich herausgehen, eine Actionszene hier, eine dramatische Konfrontation da einzubauen. Was nicht heißt, dass „Therapie“ in seiner vorliegenden Form nicht funktioniert – er ist, wie gesagt, formidabel gespielt, hat eine gute Trefferquote beim Humor und weiß auch in seinen Charaktermomenten durchaus zu überzeugen – man, d.h. wenigstens ich, hat aber das Gefühl, da hätte noch *mehr* kommen können, das könnte alles noch besser, noch spannender, noch witziger, noch dramatischer sein.

Dennoch – „Therapie für einen Vampir“ ist ein hochanständiger Versuch und wirklich einer der besseren deutschsprachigen Genrestoffe der letzten Jahre. Wer dem deutschsprachigen Genrekintopp also was Gutes tun will, setzt sich die DVD schon mal auf die Einkaufsliste! Moretti- und Bennent-Fans müssen eh zuschlagen.

Toter Hund: Don’t think so.

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© 2015 Dr. Acula