Fantasy Film Fest 2015 Teil 2

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PARASYTE PART 1

Parasyte Part 1 Japan 2014, Regie: Takashi Yamazaki

Mysteriöse fremde Parasiten befallen menschliche Wirte, übernehmen ihr Gehirn und verwandeln ihre Opfer in Monster, die, wenn sie, was sie oft tun, Menschen fressen wollen, ihre Köpfe in grässliche Tentakelmonstermäuler verwandeln und ihre Mahlzeit auf, äh, eher rustikale Weise genießen. Auch der Teenager Izumi (Shota Sometani) soll ein Wirt werden, doch sein Parasit scheitert beim ohr-alen Zugang zum Brägen an den Smartphone-Kopfhörern und muss damit Vorlieb nehmen, in des Teens rechten Unterarm Platz zu nehmen. Selbiger führt samt dazugehöriger Hand ein Eigenleben – Izumi muss sich wohl oder übel mit Migi, wie sich der Parasit nennt, arrangieren. Migi kann und will seine Artgenossen aufspüren, da der Parasit durchaus noch den Invasionsplänen seiner Spezies zugeneigt ist. Der erste allerdings will Izumi fressen und Migi zum Übertritt in seinen Körper bewegen. Zu seiner eigenen Überraschung verteidigt Migi seinen Wirt und tötet den Artgenossen. Das weckt das Interesse des „Netzwerks“, einer Gruppe von Parasiten-Invasoren, angeführt von Izumis neuer Chemielehrerin Tamiya (Eri Fukatsu), die auf allerhand experimentielle Weise versucht, eine Möglichkeit zur Koexistenz von Mensch und Alienparasit herbeizuführen. Miki und Izumi wollen damit nichts zu tun haben – schon allein, weil Tamiyas Verbündeter „A“ (Tadanobu Asano) den aus seiner Sicht mißratenen Mensch-Parasiten-Hybriden unbedingt umbringen will. In einem brutalen Kampf gelingt es Izumi scheinbar, „A“ zu töten, doch der ist ziemlich unkaputtbar und giert nun ganz besonders nach Rache. Sein Ansatzpunkt: Izumis Mutter…

Es wird ob der Inhaltsangabe niemanden überraschen, dass es sich bei „Parasyte“ um die Realfilmadaption eines populären Manga, der, so sagt man mir, auch schon eine 26-teilige Anime-Serie hervorgebracht hat, handelt. Regisseur Yamazaki, der der Menschheit bereits den achtbaren „Returner“ und den von mir noch ungesehenen „Space Battleship Yamato“ (auch das die Realversion eines Anime) vor die Füße geworfen hat, kommt uns mit einer äußerst kruden Mischung aus SF-Invasionsstory, Teeniekomödie, und Hardcore-Splatter-Tentakel-Horror daher. Sollte normalerweise nicht funktionieren, funktioniert normalerweise auch nicht (zumindest wenn’s Nicht-Japaner versuchen), funktioniert aber hier pretty damn good. Yamazaki weiß nämlich, wie er’s machen muß – „Parasyte“ beginnt als Splattercomedy, fährt aber im Verlauf der hundertneunminütigen Achterbahnfahrt den Humor sukzessive zurück, um zum Ende hin zu einer blutigen Tragödie zu werden – wobei „Ende“ relativ zu sehen ist, denn wie das „Part 1“ im Titel schon andeutet, geht die ganze Chose nächstes Jahr weiter, und wenn man dem Teaser glauben darf, der nach dem Abspann kommt (also sitzenbleiben, Mädels!) wird der wohl deutlich actionlastiger und humorärmer als Part 1.

Bis dahin haben wir also die „halbe“ Geschichte – die Zweiteilung macht schon einen gewissen Sinn, weil mit dem Ende von Part 1 Izumis „persönliche“ Rachegeschichte befriedigend abgeschlossen wird, aber das „große“ Problem, nämlich dass die Alienparasiten offenbar vorhaben, die Weltbevölkerung auf ein Hundertstel zu reduzieren, noch im Raum steht („New World Order!!“ Kreisch!). Das reicht allerdings locker für trockenen Humor, hauptsächlich durch Migis aus seiner Sicht harmlos-sachlichen Kommentare (und seiner Eigenschaft, in Momenten, in denen Izumi Migis Fähigkeiten durchaus brauchen könnte, unpässlich zu werden), heftigen (und gut computergetricksten) Splatter und solide inszenierte Actioneinlagen.

Sicherlich nichts für Jedermann, da die wüste Mischung von heftigem Horror, staubtrockenen Gags und großer Tragik (gern alles innerhalb von dreißig Sekunden in einer Szene) schon eine gewisse Vertrautheit mit der anything-goes-Attitüde von Animes voraussetzt, aber für das geeignete Publikum ein großer Spaß!

Toter Hund: Nicht, dass ich mich erinnern könnte.

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HYENA

GB 2014, Regie: Gerald Johnson

Michael (Peter Ferdinando) ist Londons bester Drogenbulle. Gut, er kokst sich auch nach Kräften die Nase weg und ist wie seine gesamte Einheit eine korrupte Sau, aber bislang haben er und seine Kumpel (Neil Maskell, Gordon Brown, Tony Pitts) die Sache – und die Szene – im Griff. Das ändert sich, als die bisher regierende türkische Gang, mit der Michael freundschaftlich-geschäftlich eng verbunden ist, von einer neu ins Revier eindringenden albanischen Bande angegriffen wird. Die Albaner sind brutal, rücksichts- und skrupellos. Kein Grund für Michael, sich bei den Vorstehern der Balkanbande, den Brüdern Nikolla (Orli Shuka) und Rezar (Gjevat Kelmendi), vorzustellen – schnell sind die Türken fallen gelassen und Michael arbeitet daran, sich bei den Albanern, zunächst mal kostenfrei, unentbehrlich zu machen. Mehrere Dinge vereinfachen die Sache nicht gerade: Michael hat einen internen Ermittler (Richard Dormer) am Hals, dem es nur zu gut gefallen würde, Michael an seinen Eiern aufzuhängen und wird außerdem seinem Ex-Partner David (Stephen Graham) als Gehülfe in der Ermittlung gegen die Albaner zugeteilt. Und dann gibt es noch Ariana (Elisa Lasowski), eine ehemalige Zwangsnutte der Albaner, die mittlerweile, ebenso gezwungenermaßen, den Bürokrempel der Gangster besorgt und die Michael unfreiwillig in große Schwierigkeiten gebracht hat. Als Ariana von den Albanern an irgendwelche Zuhälter verkauft wird und sie Michael um Hilfe bittet, entschließt sich Michael, sie zu retten. Als dann auch noch der Deal mit den Balkanbrüdern scheitert, weil David Michael hintergeht, ist die Katastrophe unausweislich…

Auch der britische Crime-Film ist ein mittlerweile fester Programmpunkt im FFF-Kalender. Üblicherweise düster, brutal und dreckig befasst sich das junge britische Thrillerkino mit den finsteren Ecken Londons, abseits der Sehenswürdigkeiten und sonstigen Touri-Hotspots, es ist da zuhause, wo der „Abschaum“ der Gesellschaft lebt, ethnische Gangsterbanden ihre Geschäfte treiben und die Cops kräftig an diesen mitverdienen. Gerald Johnsons Film scheint da zunächst keine große Ausnahme zu machen und spult in seiner ersten Hälfte routiniert, aber weitgehend überraschungsfrei die üblichen, mittlerweile ja leider schon irgendwie zum Klischee verkommenen Genre-Tropes ab, durchaus spannend, durchaus mit der gewohnten und gewünschten räudigen Härte, aber eben auch schon mehr als nur dreimal gesehen. Wie üblich unterscheidet Gesetzesbrecher und –hüter nur die Tatsache, dass letztere eine Dienstmarke tragen, und, wie’s diese Filme ebenso üblicherweise gekonnt hinkriegen, trotzdem funktionieren die korrupten Cops als Protagonisten. Auch hier: Michael ist kein „böser“ Mensch, er war mal ein wirklich guter Cop (und könnte es immer noch sein), aber irgendwann hat er mitbekommn, dass es einfacher ist, sich mit den Ganoven ins Boot zu setzen. Die Albaner entsetzen ihn zunächst wegen ihrer bislang nicht dagewesenen Brutalität (Michaels türkischer Kontaktmann wird mit einem Beil zerhackt), aber Michael will auch deswegen mit ihnen ins Geschäft kommen, weil er zu hoffen glaubt, sie zumindest ansatzweise kontrollieren zu können. Irgendwann kommt dann aber auch Michael an seinen „breaking point“ und das ist, als Ariana um Hilfe bittet – Michael ist nicht in sie verliebt (er hat eine feste Freundin), aber er will endlich einmal wieder etwas „richtig“ machen, nicht zuletzt, weil er indirekt daran Schuld ist, dass die Albaner sie als unzuverlässig weiter verkauft haben. Es ist also in gewisser Weise eine redemption-Story, und die enden ja gerne mal in Tränen.

Johnson ist radikal – ich will nicht spoilern, aber auf jeden Fall sagen, dass das Ende des Films, äh, sagen wir mal „kontrovers“ aufgenommen wurde (will sagen: ich glaube, 90 Prozent des Publikums waren gelinde verärgert). Es ist ein mutiges Ende, eines, das die meisten Zuschauer vor den Kopf stoßen wird, aber gerade in „Hyena“ wunderbar *funktioniert*, denn letztlich interessiert den Film, wie ungefähr zur Halbzeit klar wird, seine Thriller-Crime-Handlung herzlich wenig; es geht hier um die Figur Michaels und ihren „arc“, und da ist das Ende in seiner Radikalität geradezu folgerichtig (witzigerweise dachte ich mir kurz vor dem Finale, es wäre interessant, wenn der Film genau so, wie er tatsächlich endet, enden würde. I’m a friggin‘ genius).

Auf der Plusseite verbuchen wir neben einer guten Performance von Peter Ferdinando hauptsächlich die beiden albanischen Brüder, gespielt von Orli Shuka und Gjevat Kelmandi, die mit unglaublichem Spaß bei der Sache sind und – obwohl sie brutale Mistschweine darstellen – auch für die wenigen Lacher in einer düsteren Welt sorgen. Musikalisch sorgen die Alternative-Art-Rocker von The The für den Score, dazu gibt’s ein paar starke elektronische Nummern.

„Hyena“ ist ein Film, bei dem man – ist man nicht sowieso ein Fan des britischen urban crime films – ein bisschen Arbeit leisten muss (nicht nur wegen der mal wieder heftigen cockney-Akzente, an die man sich auch erst mal gewöhnen muss), bis man zum „good stuff“, der wirklich guten zweiten Hälfte, kommt. Die aber ist wirklich sehenswert.

Toter Hund: ich glaub nicht

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THE CONNECTION

Frankreich/Belgien 2014, Regie: Cedric Jimenez

Marseille Mitte der 70er – von hier aus wird Heroin tonnenweise an die amerikanische Ostküste verschifft. Chef des Drogenimperiums ist Gaetan „Tany“ Zamba (Gilles Lellouche), der aber clever genug ist, sich nicht nachweisen zu lassen und nach außen hin den seriösen Geschäftsmann spielt. Als der junge idealistische Untersuchungsrichter Pierre Michel (Jean Dujardin) zum Dezernat organisierte Kriminalität versetzt wird, scheinen die goldenen Zeiten für Zamba zu enden, denn Michel, der die Auswirkungen der Drogenkriminalität an früherer Wirkungsstätte, dem Jugenddezernat, erlebt hat und selbst eine Spielsucht zu überwinden hatte, will der „French Connection“ ein für allemal den Garaus machen. Doch mehr als Nadelstiche zu setzen, will Michel nicht gelingen – genug, um ihn bei der Bevölkerung, Polizei und Kollegen populär zu machen, aber viel zu wenig, um Zambas Imperium ernsthaft zu schwächen. Zamba wird für Michel zu einer Obsession – einer Obsession, die seine Ehe gefährdet, da Jacqueline (Celine Sallette) vermutet, Pierres Einsatz wäre eine Art Wiederaufkommen seiner Spielsucht… Was immer auch Michel plant, Zamba ist ihm einen Schritt voraus, schafft es sogar, den Richter dazu zu manipulieren, seine eigenen Probleme zu lösen, so z.B. den lästigen Rivalen Crazy Horse (Benoit Magimel) loszuwerden. Über die Jahre hin arbeitet sich Michel an Zamba auf, bis ihm ein Polizist schließlich anvertraut, dass Zamba – natürlich – auch Vertraute in Polizei und Apparat hat. Michel wendet sich an den früheren Bürgermeister der Stadt, Gaston Deferre (Feodor Atkin), den ein politischer Machtwechsel ins Ministeramt gespült hat, und holt sich von ihm die Genehmigung, eine geheime Elitetruppe aufzubauen…

Wonach man beim FFF auch die Uhr stellen kann, ist, dass mindestens ein amtlicher Thriller aus der frankobelgischen Kinoküche auf der Speisekarte steht, und in den allermeisten Fällen kann man da als Kinogänger blind, ohne weitere Vorkenntnisse, reingehen und wird nicht enttäuscht. Wenn man zudem weiß, dass Jean Dujardin, fraglos einer der besten Schauspieler unserer Generation und wie kaum einer in der Lage, komische und dramatische Rollen zu wechseln wie andere Leute ihre T-Shirts, verbietet sich eigentlich alles andere außer umgehender Kinobesuch sowieso.

Wie sowohl der französische Originaltitel „La French“ und der englische Verleihtitel unweigerlich verraten, bezieht sich der Streifen massiv a) auf eine wahre Geschichte und b) auf die 70er-Cop-Klassiker „French Connection 1+2“, in denen Gene Hackman wacker versuchte, den Heroinexport in die USA zu stoppen. Jimenez beleuchtet nun die französische Seite der Medaille und beschreibt in einer Art Mix aus „Allein gegen die Mafia“ und „The Wire“ den einsamen Kampf des Idealisten gegen eine Organisation, die sich, wie auch der Film ausdrückt, „wie ein Oktopus“ längst erwürgend um Stadt, Politik und Geellschaft gewickelt hat. Dabei stellt Jimenez letztlich auf das Duell der beiden Aushängeschilder der Fraktionen ab – Michel und Zamba sind sich ähnlicher, als sie selbst zugeben würden (wie auch der Wortvogel anmerkt, unterstreicht Jimenez das durch das Casting von Schauspielern, die wie Brüder wirken), zwei Seiten einer Medaille, beides Familienmenschen, beide einem Kodex unterworfen (bei Michel ist es das Gesetzbuch, und bei Zamba die ungeschriebenen Gangster-Regeln) aber beide auch bereit, ihren jeweiligen Zielen alles unterzuordnen. Dabei ist es interessant, dass es letztlich Michel ist, der seine Prinzipien aufgibt und die Regeln zu biegen und zu brechen, um sein großes Ziel zu erreichen, während Zamba, in der Gewissheit, dass Michel ihm nie ernsthaft Schaden zufügen können wird, nie auch nur die Idee erlaubt, Michel oder seine Familie direkt ins Visier zu nehmen, sondern den Richter gewähren lässt.

Alles an „The Connection“ ist beeindruckend – Jimenez‘ Fähigkeit, einen soliden Zweieinviertelstünder, der nicht gerade ein Actionfeuerwerk ist, keine Sekunde langweilig werden zu lassen, die unglaubliche Detailfreude, mit der das Zeitkolorit der Periode 1975 bis 1981 eingefangen wird, beginnend bei der enormen Fülle perfekt gepflegter zeitgenössischer Karossen bis hin zum gediegen zusammengestellten Soundtrack, die Konsequenz des Drehbuchs, dass trotz des langen geschilderten Zeitraums nie in reine Episodenhaftigkeit fällt, sondern sich stets schlüssig weiterentwickelt, der beeindruckende supporting cast, und doch muss sich letztlich alles hinter dem grandiosen Spiel zweier exzellenter Hauptdarsteller anstellen. Jean Dujardin („OSS 117“, „The Artist“) und Gilles Lellouche („Point Blank – Aus kurzer Distanz”, „Kein Sterbenswort“) liefern Schauspielerkino der Sonderklasse ab, ein Duell, wie man es seit dem Aufeinandertreffen von Pacino und DeNiro in „Heat“ kaum mehr gesehen hat – und wie auch dort reichen den Stars zwei kurze gemeinsame Szenen (besonders die erste ist auch großartig inszeniert), um die Rivalität der Figuren auf den Punkt zu bringen (und auch klarzumachen, dass es am Ende nur Verlierer geben wird. Bzw. nur die gewinnen, die es auf keinen Fall verdient haben). Während ich eine solche Leistung von Dujardin praktisch vorausgesetzt habe, überrascht mich besonders Lellouche, der es wirklich schafft, auch seinen Zamba nachvollziehbar, glaubwürdig und in gewisser Weise sympathisch zu zeichnen.

Kurz gesagt: fantastischer Cop-und-Gangster-Kintopp der alten Schule, der nicht nur das Zeitgefühl der 70er perfekt nachstellt, sondern vor allem als perfekter Showcase für zwei große Akteure funktioniert. Wäre das Genre an und für sich heute bedeutsamer – so wichtig, wie es in den 70ern war – wir würden hier von einem classic in the making sprechen. Hoffen wir, dass „The Connection“ auch 2015 noch sein Publikum findet.

Toter Hund: Nö.

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NINA FOREVER

Nina Forever GB 2015, Regie: Ben Blaine, Chris Blaine

Die junge Holly (Abigail Hardingham) fühlt sich zu ihrem Supermarkt-Kollegen Rob (Cian Barry) hingezogen, der nach dem Unfalltod seiner Freundin einen Selbstmordversuch hingelegt hat und seitdem mehr oder weniger, mehr weniger, erfolgreich versucht, sein Leben wieder halbwegs in den Griff zu bekommen. Tatsächlich reagiert Rob auf Hollys Annäherungsversuche positiv und ehe man sich’s versieht, liegt man zusammen in Robs Bett und vögelt sich die Gehirne raus. Als durchaus störend kann dabei empfunden werden, wenn sich aus der Matraze und unter erheblicher Blutabsonderung die tote Ex Nina (Fiona O’Shaugnessy) schält und kund tut, dass Rob mit Fug und Recht immer noch IHR Liebhaber ist. Nachdem Holly ihren Schock einigermaßen verdaut hat, beschließt sie, sich von einer untoten Vorgängerin nicht den Freund wegnehmen zu lassen und zieht bei Rob ein. Das erhöht auf die Dauer den Verbrauch an Bettlaken, denn jedesmal, wenn Rob und Holly intim werden, mischt sich Nina ein und alle Versuche, die Zombiene irgendwie loszuwerden (sei’s durch Versicherung, dass Rob sie nie vergessen wird, durch’s Stechenlassen eines „Nina Forever“-Tattoos, wie Rob es trägt, auch durch Holly, oder schieres Mitmachenlassen), führen nicht zum gewünschten Erfolg. Schließlich wirft Holly entnervt das Handtuch – aber nur damit, dass sie sich von Rob getrennt hat, lässt sich Nina noch lange nicht vertreiben…

Mal eine andere Variante des untoter-Freund/Liebhaber-Sub-Subgenres. Die Blaine-Brüder, die hier ihren ersten abendfüllenden Spielfilm vorstellen, postulieren hier das ultimative shitty-breakup-Szenario. Dass einer der Partner nicht loslassen kann, ist ja ein häufiges Problem beendeter Beziehungen, und der arme Rob hat’s hier halt besonders schwer erwischt, weil Nina ihren Tod für eine absolut nicht ausreichendende Rechtfertigung hält, dass er mit einer anderen anbandeln kann: „You never broke up with me.“ – „You died! I breakup with you now!“ – „You can’t. I’m dead.“ Catch-22, if there was one. Leider haben die Blaines außer ihrer pfiffigen Prämisse nicht sonderlich viel auf der Pfanne, um den Zuschauer über 90 Minuten bei Laune zu halten. Ist es am Anfang noch auf bizarre Weise witzig, wenn sich Nina stets ungefragt mit ihrem unfalllädierten Kadaver in die Liebesspielereien einmischt, fällt bald auf, dass sich daraus nicht wirklich etwas *entwickelt*. Viel zu nonchalant nehmen Rob und Holly das Auftauchen des Freundinzombies (ja, man erschrickt, aber, fuck, ich glaube, ich würde ein bisschen, eh, aufgebrachter reagieren, passierte mir ähnliches), nie kommen Rob und Holly auf naheliegende Ideen (auswärts vögeln, vielleicht mal das beschissene Bett verbrennen; Ausnahme: Holly verfällt auf den Gedanken, für absolute „closure“ sei es nötig, auf Ninas Grab zu ficken), der Subplot um Ninas Eltern, die Rob regelmäßig besucht, ist schwerhändig und läuft auf eine sehr sehr sehr vorhersehbare Pointe voraus.

Als Pluspunkt verbuchen wir die Willigkeit von Abigail Hardingham, bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus den Gewändern zu fahren (Fiona O’Shaugnessy ist zwar fast durchgehend nackig, bedeckt aber etwaige anstößige Stellen mit ihrer langen Haarpracht), aber insgesamt ist mir der Film als Metapher zu durchschaubar, als Horrorfilm zu scare-less und als schwarze Komödie etwas zu einfallslos. Technisch ist das trotz des geringen (und durch Crowdfunding gestemmten) Budgets durchaus anständig, doch so richtig mitreißen kann „Nina Forever“ nicht.

Toter Hund: Nein. Langsam scheint dem Running Gag der Sprit auszugehen…

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TALE OF TALES

Tale of Tales

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Italien/Frankreich/GB 2015, Regie: Matteo Garrone

Drei parallel erzählte, aber inhaltlich nur sehr rudimentär verknüpfte Episoden:

Eine gebärunfähige Königin (Salma Hayek) lässt sich in ihrer Not auf schwarze Magie ein, um endlich Nachwuchs zu bekommen. Ihr Gemahl (John C. Reilly) erlegt ein Meeresungeheuer, dessen Herz, von einer Jungfrau (Laura Pizzirani) zubereitet, die Queen essen muss, um eine eintätige Instant-Schwangerschaft zu erzielen. Zwar geht der König bei der Ungeheuerjagd drauf, aber das Rezept funktioniert – mit der unerwarteten Nebenwirkung, dass auch die Köchin schwanger wird. Sechzehn Jahre später sind Königssohn Elias (Christopher Lees) und Jonah (Jonah Lees) nicht nur optisch einander so ähnlich, dass selbst die Königin sie nicht auseinander halten kann, sondern auch beste Freunde. Was der Königin ein Dorn im kalten Auge ist – schließlich hat ein Prinz nicht mit gemeinem Pöbel zu fraternisieren. Als Jonah realisiert, dass die Lage königinnnenseits brenzlig wird, flieht er – hinterlässt seinem Freund allerdings eine Wasserquelle: sollte sich das Wasser jemals trüben, wird Jonah in Schwierigkeiten sein und es an Elias liegen, ihn zu retten. Kurze Zeit später tritt dieser Fall ein…

Ein notgeiler König (Vincent Cassel) verknallt sich in die Stimme der Wäscherin Dora (Hayley Carmichael), ohne zu ahnen, dass es sich bei der und ihrer Schwester Imma (Shirley Henderson) um alte, hässliche Vetteln handelt. Das Liebeswerben des Königs ist aber nunmal schwierig abzuschlagen – Dora gelingt es mit einer List, den King etwas hinzuhalten, aber irgendwann will nun mal auch das gutmütigste royale Staatsoberhaupt das Objekt der Begierde seines kleinen Königs *sehen* und *flachlegen*. Dora bedingt sich aus, dass der Akt in totaler Finsternis vollzogen wird. Damit kann der Kini für den Moment leben, doch nach dem Fick ist er freilich neugierig genug, um eine Kerze anzuzünden. Nachdem ihm vermutlich vor Entsetzen der Schwanz abgefallen ist, lässt er Dora aus dem Fenster werfen (und nicht grad aus dem Erdgeschoss). Dora wird aber von einer Zigeunerin gerettet – und ein Wunder geschieht, aus der alten Schrumpel wird auf zauberhafte Weise eine wunderschöne junge Frau (Stacy Martin). Kein Wunder, dass der König, als er auf der Jagd über das himmlische wesen stolpert, schon wieder einen royalen Ständer kriegt…

Ein dritter König (Toby Jones) befasst sich hauptsächlich mit der Heranzucht eines riesigen Flohs (!), anstatt sich um seine Teenage-Tochter Violet (Bebe Cave) zu kümmern, die ihrer Meinung nach langsam im heiratsfähigen Alter angekommen und in die Welt hinausziehen möchte. Nachdem der Floh sein Leben aushaucht, kann König Toby sich um solche Dinge kümmern. Vor die Hand seiner Prinzessin hat er allerdings eine Aufgabe gestellt – wer erraten kann, worum es sich bei der aufgespannten Flohhaut handelt, kann Violet haben; ein vermeintlich todsicherer Plan, um Violet im Schloss behalten zu können. Da hat der King aber die Rechnung ohne einen riesigen, hässlichen Oger (Guillaume Delauney) gemacht, der das Gegerbte zielsicher identifiziert. Nun ist ein König ein König und ein Wort ein Wort – der Oger darf mit Violet in seine gemütliche Wohnhöhle abziehen. Begreiflicherweise ist Violet mit diesem Arrangement nicht ganz glücklich…

Die Sammlung neapolitanischer Volkslegenden und –märchen „Il Pentamerone“, im 17. Jahrhundert zusammengetragen vom Poeten Giambattista Basile, gilt als erste wirkliche Sammlung des Märchenschatzes einer spezifischen Region und beinhaltet u.a. die ältesten überlieferten Versionen von „Rapunzel“ und „Aschenputtel“. Die Gebrüder Grimm lobten die Sammlung über den grünen Klee und weckten so das neuzeitliche Interesse an der zwischenzeitlich vergessenen Kollektion. Matteo Garrone („Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“, „Reality“, „Körper der Liebe“) hat sich nun für seine aufwendige europäische Ko-Produktion aus der gut 50 Stücke umfassenden Sammlung drei herausgesucht und für die Leinwand adaptiert.

Wie es sich für anständige, urwüchsige Märchen gehört, die nicht disneyfiziert wurden, sind Garrones Geschichten rau, schrecken vor Sex und Gewalt nicht zurück und pfeifen auf eine Moral-von-der-Geschicht. Am Ende des Tages hat von den verschiedenen Protagonisten kaum einer was gelernt, und wenn, dann nichts, was man gemeinhim seinem Sechsjährigen vorliest, damit der anständig bleibt.

In Salma Hayeks Geschichte geht es um die Selbstsüchtigkeit einer Mutter, die glaubt, weil sie ein Opfer gebracht hat, quasi auf Lebenszeit ein Anrecht darauf zu haben, über Schicksal und Umgang ihres Sohnes zu bestimmen und so droht, ihn zu verlieren. In der einzigen halbwegs moralisierenden Auflösung des Films muss die Königin ein weiteres, noch schwereres Opfer bringen, um ihren Sohn zurückzugewinnen. Bei Vincent Cassel, dessen Story quasi die humorige Auflockerung bringt, spielen Moral und Anstand sowieso keine Rolle. Hier geht’s um Sex und nix anderes. Sein König will alles ficken, was nicht bei drei auf’m Baum ist, lehnt Dora ob ihrer Hässlichkeit selbstverständlich ab und sorgt indirekt gerade dafür, dass sie sich in die junge Schönheit verwandelt, der er verfällt – und die Dora direkt den Weg auf den Thron der Königin ebnet. Aber wird geht Imma, die immer noch alt und runzlig ist, damit um? Violets Geschichte dauert ein Weilchen, bis klar ist, wohin die Reise geht, da wir uns zunächst mal mit des Königs rätselhafter Flohzuchtleidenschaft befassen. Aber auch danach hat die Story keine wirkliche moralische Wertung – ja, was der König macht, ist grausam und falsch, aber andererseits steht er zu seinem Wort, man darf es nicht einfach brechen, nur weil einem die Visage der Gegenseite nicht passt, also heben sich hier die moralischen Werte sozusagen auf. Violet darf das ausbaden, aber wer erwartet, dass die Geschichte sich in „Beauty and the Beast“-Territorium entwickelt und Violet den grobschlächtigen Oger schätzen und lieben lernt, der ist schief gewickelt. Sowas gibt’s im neapolitanischen Märchen nicht, da ist ein solches Dilemma nur blutig zu lösen.

Die Storys sind, wie ihr seht, nett, aber nicht sonderlich gehaltvoll – besonders bei der Hayak-Geschichte wartet man relativ verzweifelt auf eine Pointe, einen Twist, der aber einfach nicht kommen will; die Cassel-Geschichte ist umgekehrt bis auf ihre Pointe quasi nur ein gespielter Herrenwitz und dieweil die dritte Story die vergleichsweise „interessanteste“ ist, braucht sie zu lange, um zu Potte zu kommen. Zwar umgeht Garrone Probleme im Pacing und Timing der einzelnen Episoden dadurch, dass er im Zweifesfall dann einfach wieder zu einer anderen Geschichte umschaltet, dennoch entwickelt „Tale of Tales“ (der übrigens als „Das Märchen der Märchen“ auch einen regulären Kinostart bekommen wird) nie wirklich einen „kinematischen“ Drive. Es ist, und das auch eher auf altmodische Weise, TV-Erzählweise und würde vielleicht besser zu einer Miniserie passen.

Leider ist der Film auch nicht halb so bildgewaltig, wie der Trailer suggeriert – es ist alles sehr konventionell, ohne besonderes Auge für Bildkompositionen gefilmt, was aber nicht soo stark ins Gewicht fällt, da die Locations sensationell sind und für sich allein fesseln. Die Effekte (wie auch FFF-Sprecher Max sagte, ist es ausnahmsweise mal ein richtiger Fantasyfilm auf dem Fantasy Film Fest, es gibt Drachen und Seemonster) sind auf der Höhe und die Darsteller lassen nichts anbrennen. Salma Hayek gibt sich im Vergleich zu „Everly“ mal wieder zugeknöpft und würdevoll – aber sie kann eben die elegante Königin ebenso spielen wie die Vampirschlampe in „From Dusk Till Dawn“. John C. Reilly verschwendet sich eher unnötigerweise in einem Fünf-Minuten-Kurzauftritt, Vincent Cassel (der mir auch ein wenig mit der englischen Sprache zu kämpfen scheint), geht ab und zu etwas zu heftig in den overacting-Modus, aber seine Story ist auch die „most campy“, also mag das in Ordnung gehen. Und Stacy Martin ist ein Hinkucker vor dem Herrn… rawwrrr. Toby Jones macht als milde durchgeknallter König einen guten Job und auch Bebe Cave liefert eine anständige Leistung ab. Alpträume bereiten werden mir aber Christopher und Jonas Lees, die „children of the damned“… shudder.

Was „Tale of Tales“ fehlt, sind die großen dramaturgischen Höhepunkte – von allen drei Geschichten liefert nur die um Violet (zumindest in der Schlussphase) ein bisschen blutiges Remmidemmi, ansonsten ist das alles vergleichsweise bedächtig, „very european“ erzählt, ist dafür dann aber auch wieder nicht artsy genug. Es ist ein Film, dem mir irgendwie die rechte Zielgruppe zu fehlen scheint. „Märchen für Erwachsene“ ist zwar ehrenwert, aber ich denke, da wollen wir dann doch noch etwas mehr an Action, an Spannung, Thrill und, ja, verdammt, auch Romantik (denn wir wissen, ne Sexszene allein macht noch keine Romantik). Ich sehe den Film insgesamt nicht ganz soo kritisch wie der Wortvogel, kann aber insoweit seinem Resümmee „interessanter, als er gut ist“ zustimmen. Es ist weder dieser fulminante Bilderreigen, wie der Trailer verspricht, noch so „erwachsen“ wie er sein möchte, setzt sich zwischen die Stühle. Wem das nicht zu unbequem ist, kann sicher einige schöne Szenen, schöne Bauten, schöne Kostüme bewundern. Es ist halt mit ein bisschen Arbeit verbunden…

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