Fantasy Film Fest 2015 Teil 3

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BOUND TO VENGEANCE

Bound to Vengeance

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USA 2015, Regie: José Manuel Craviato

Nach langen Monaten der Gefangenschaft hat Eve (Tina Ivlev) es geschafft – mit einem soliden gegen die Schläfe ihres Peinigers (Richard Tyson) geschmetterten Ziegelstein hat sie ihren Entführer erst mal ausgeknockt und sich befreien können. Allerdings findet sich Eve mitten in einer Hütte mitten in der Prärie wieder und braucht des Bösmanns Autoschlüssel. Auf der Suche stolpert Eve in ein umfängliches Video- und Fotoarchiv anderer Entführungsopfer – und einige davon sind ausgesprochen aktuell. An Ort und Stelle beschließt Eve, ihre Leidensgenossinnen zu retten, allerdings ist klar: nur ihr angeschlagener Entführer weiß, wo die Mädchen gefangen sind. Also lässt sie sich auf einen Deal ein – er führt sie zu den anderen Verstecken, dafür bringt sie ihn dann ins Krankenhaus. Doch Entführer Phil hat keineswegs vor, sich an die vereinbarten Spielregeln zu halten und versucht immer wieder, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen. Dabei hilft’s, dass die ersten zwei Befreiungsaktionen alles andere als erfolgreich verlaufen, doch Eve lässt sich trotz auch von Phil eingetrichteter Schuldgefühle nicht von ihrem Plan abbringen. Im dritten Versteck hat sie dann erstmals Erfolg und findet mit Lea (Bianca Malinowski) eine Verbündete. Phil gibt sich allerdings noch lange nicht geschlagen, und in der Tat wird die Nacht von L.A. für Eve noch einige unschöne Überraschungen bereithalten…

Ein Film, der beginnt, wo seine Genrekollegen normalerweise aufhören, mit der Flucht des „final girl“ – wie auch der noch zu würdigende „Ava’s Possessions“ ist „Bound to Vengeance“ ein Film, der sich mit der „und was dann?“-Frage beschäftigt – auf völlig andere Weise, natürlich. „Bound to Vengeance“, der erste amerikanische Film des mexikanischen Regisseurs José Manuel Craviato, ist einer dieser reduzierten, minimalistischen Thriller, die ich sehr liebe (die Anglophilen haben den schönen Ausdruck „stripped down“ für solche Fälle). An Script und Film ist kein Gramm Fett, keine Seunde ist überflüssig, keine Zeit wird mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten verschwendet, alles steht im Dienste der effektiv und schnörkellos erzählten Geschichte (sogar die Homevideo-Einsprengsel, die den einzigen Blick in Eves Leben vor der Entführung erlauben, erweisen sich noch als wichtig). Griffig könnte man den Film als eine Art „Reverse Shuttle“ bezeichnen (interessanterweise ist der neue internationale Verleihtitel des Streifens tatsächlich „Reversal“. Damit kommt man auch des Wortvogels und meiner Kritik entgegen, dass „Bound to Vengeance“ ein nicht sonderlich guter Titel ist), aber ganz so einfach ist es letztlich nicht. Phil findet immer wieder Mittel und Wege, Eve zu verunsichern, sie zu überlisten, und so die Machtverhältnisse wieder umzukehren, und mit der Einführung von Lea ändert sich die Dynamik gleich nochmal – damit sei auch gesagt, dass das Script auch wirklich genügend Ideen hat, um jede der Befreiungsaktionen anders zu gestalten (und wenn sich jemand tatsächlich die Frage stellen sollte, warum Eve nicht einfach zu den Cops geht… was würde passieren? Phil würde die Aussage verweigern, seinen Anwalt beauftragen und gemütlich in seiner Zelle sitzen, während die gefangenen Mädchen verrecken. I think that’s a pretty good motivation for Eve…).

Tina Ivlev („The Devil’s in the Details“, “Tödliche Freundschaft”) ist nicht nur ein steiler Feger (ähm), sondern auch in der Lage, die Rolle emotional zu tragen – gute Vorstellung. Routinier Richard Tyson („Hardball“, Battlefield Earth, „Kingpin“, „Verrückt nach Mary“) als ihr fieser Gegenspieler vermag ebenfalls zu überzeugen.

Daher: ein harter, düsterer und ausgesprochen effektiver Reißer – in die knappen 80 Minuten packt Craviato das Maximum an Härten, Schocks und Wendungen ein. Eine der positiven Überraschungen des Festivals!

Toter Hund: Nope.

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POSSESSED

Possessed

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Spanien 2014, Regie: Sam (Samuel Orti Marti)

Trini (Arabel Alonso) ist die größte Flamenco-Tänzerin der Welt, Gregorio der beste Matador Spaniens – kein Wunder, dass sich die Klatschblätter überschlagen, als die beiden heiraten und wenig später Nachwuchs erwarten (bedient ist nur Trinis Agent Manolo, der solche Entwicklungen grundsätzlich erst als letzter erfährt). Alles scheint wunderbar, bis Gregorio bei einem, ähm, häuslichen Unfall ums Leben kommt. Trini verfällt in Depressionen, zieht sich von der Bühne zurück und häuft einen beachtlichen Schuldenberg an – Manolos Versuche, sie zu einem Comeback zu überreden, sind sinnlos. Zumal sie auch mit Söhnchen Damian ihre liebe Not hat – der ist nämlich ein ziemlich bösartiger Geselle und leidet zudem unter mysteriösen Ohnmachtsanfällen, gerne mit einem begleitenden Gewaltausbruch verbunden.

Währenddessen ist das Leben auch für den Priester und Kampfarchäologen Padre Lenin (Josema Yuste) nicht leicht – weil er im Wartezimmer des Bischofs (Santiago Segura) herumsitzt, um auf neue Aufträge zu warten, verpasst er den Tod seiner Mutter, für die er, waren sie und der Vater doch überzeugte Kommunisten, sowieso schon mißraten ist. Lenin will sich wieder um seine vernachlässigte Gemeinde kümmern, doch der Bischof duldet keine Widerworte. Frustriert kündigt Lenin sowohl seinen Job als auch seinen Glauben und landet schnell, besoffen und von Zuhältern angepisst, in der Gosse.

Indessen sind Trini und ihre Schwiegermutter zu dem Ergebnis gekommen, dass nur noch ein Exorzismus Damian helfen kann. Die Prophezeihung eines Fernsehwahrsagers führt sie zu Lenin, doch der ist weder in der Verfassung noch willens, das Kruzifix wieder anzulegen. Der Bischof hingegen exorziert gern – sofern die Kasse stimmt. Trini opfert ihre letzten Besitztümer, doch natürlich ist der Bischof kein Gegner für den Dämon, der Damian mittlerweile voll unter seiner Fuchtel hat. Es wird wohl doch an Lenin liegen, seinen Glauben wiederzufinden…

Bei Claymation denkt der gemeine Filmfreund ja in erster Linie an „Wallace & Gromit“ und generell Aardman Animations, aber auch in anderen Teilen der Welt wird fleißig mit Knetgummi gespielt und das Ergebnis in animierter Form auf die Festivals geschickt. „Possessed“ aus Spanien, der erste Langfilm des Animators Sam, ist zugleich liebevolle Hommage als auch gnadenlose Parodie auf das Exorzisten-Genre.

Ausgehend von einem „Exorzist“/“Omen“-Mash-up zieht Sam respektlos alles durch den Kakao, was ihm gerade durchs Gehirn flitzt – von sentimentalen Telenovela-Plots, halsabschneiderischen TV-Astrologen, Klatschpostillen und Krawalltalkshows über Spaniens eigenwillige Fixierung auf anderswo verlachte bis verachtete Zeitvertreibe wie Flamencotanz und Stieretotstechen bis hin zu Kurien-Skandalen (es dürfte in Espana heute noch ziemlich gewagt sein, so offen die katholische Kirche zu verarschen) und Popkultur-Referenzen, bis der Arzt kommt, sei’s „Der Herr der Ringe“, „Indiana Jones“, „Hellraiser“ oder „Tanz der Teufel“. Sicher ist bei Sam nichts, und die Gags zielen oft und gern auch deutlich unter die Gürtellinie (die Krönung der Geschmacklosigkeiten ist sicher, wenn ein verärgerter Zuhälter Lenin ins Gesicht pinkelt und der, stockbesoffen, „mehr warmes Bier“ fordert. Yuck).

Erstaunlicherweise zündet der überwiegende Teil der Jokes – Sam hat ein gutes Händchen dafür, wann er welche Art von Witz auspacken muss. Ob Schmunzler, gequälter Ekelgrinser oder Schenkelklopfer, geboten wird die ganze Bandbreite, inklusive böser Mediensatire. Die liebevolle Claymation und das nicht zu cartooneske Charakterdesign tun ihr übriges dafür, dass die 80 Minuten des derben Spaßes wie im Flug vergehen (einzig, dass Spanisch, obwohl ich die Sprache wirklich gerne höre, nicht die ideale Sprache für fetzige one-liner ist, wird durch die Untertitelung deutlich).

Wer sich „Wallace & Gromit“ im „South Park“-Stil vorstellen kann, mithin die Bereitschaft mitbringt, sämtliche Ansprüche an guten Geschmack vorübergehend k.o. zu schlagen, findet hier eine echte Spaßgranate!

Toter Hund: Jawoll!

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THE INVITATION

The Invitation

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USA 2015, Regie: Karyn Kusama

Es soll eine längst überfällige Wiedersehensfeier werden – nach zwei Jahren rufen David (Michiel Huisman) und Eden (Tammy Blanchard) ihren gesammelten Freundeskreis wieder zusammen. Edens Ex, Will (Logan Marshall-Green), mittlerweile mit Kira (Emayatzy Corinealdi) liiert, hält die Party nicht gerade für eine gute Idee. Dennoch – bis auf den notorischen Zuspätkommer Choi sind alle da, allerdings auch zwei unvertraute Gesichter, Sadie (Lindsay Burdge) und Pruitt (John Carroll Lynch), zwei neue Freunde von David und Eden, die diese bei ihrem therapeutischen Aufenthalt in Mexiko kennengelernt haben. Das kommt Will spanisch vor, und die vorgeblich relaxte, aber durchweg angespannte Stimmung wird nicht besser, als David ein Rekrutierungsvideo des Gurus Dr. Joseph (Toby Huss) vorführt, das als traurigen Höhepunkt den Krebstod einer jungen Frau zeigt, was von Joseph als freudiges Ereignis dargestellt wird. Dieweil spätestens das der Punkt wäre, an dem jeder vernünftige Mensch „fuck it, I’m outta here“ sagen würde, ist die Laune der Partygäste (soweit sie nicht Sadie und Pruitt, die auch zu Josephs Jüngern gehören, heißen) im Keller. Will ist sich zunehmend sicher, dass etwas nicht stimmt – ist Eden nicht unangebracht fröhlich und demonstrativ happy, obwohl der Grund, dass die Clique einst auseinanderbrach, der Unfalltod von Edens und Wills (!) Sohn war, ein emotionales Trauma, das Will bis heute nicht überwunden hat und auch nicht wirklich überwinden will? Dass Sadie versucht, ihm in die Hose zu steigen, stimmt Will auch nicht langmütiger – und als eine „Truth-or-Dare“-Psychospielvariation, in deren Verlauf Pruitt kundgibt, seinerzeit im Suff seine Frau getötet zu haben, dank Dr. Joseph aber mittlerweile mit sich selbst im Reinen zu sein, einen düsteren Turn nimmt und Will auf seinem Smartphone eine Voicemail von Choi vorfindet, wonach der schon lange vor allen anderen Gästen hier gewesen sein müsste, nimmt seine Paranoia amtliche Ausmaße an…

Regisseurin Karyn Kusama („Aeon Flux“, „Jennifer’s Body“) kommt uns mit einem dialoglastigen Ensemble-Thriller, den ich quasi als qualitatives Gegenstück zum letztjährigen FFF-Beitrag „Coherence“ sehen möchte. Während letzterer, wenn auch mit phantastischer(er) Prämisse bewies, dass 90 Minuten, in denen ein halbes Dutzend Menschen hauptsächlich quasselt, mörderisch spannend sein kann, zeigt Kusama, dass man in dem Genre auch glauben kann, cleverer zu sein als man wirklich ist.

Die zentrale Frage, was die eigentliche Motivation der seltsamen Wiedersehensparty ist, und ob hier wirklich finstere Ränkespiele im Busch sind oder einfach nur Wills unbewältigtes Trauer-Trauma aus harmlosen Zufällen eine paranoide Wahnvorstellung entwickelt, ist leider nie so ambivalent, wie Kusama sich das vielleicht vorstellt. Allerspätestens mit der Videovorführung (und die kommt schon im ersten Akt) sollten sich halbwegs intelligente Zuschauer zusammengereimt haben, was die Auflösung sein wird (SUPERDUPEREXTREMSPOILER: think Jonestown) und die mehr oder weniger verzweifelten Versuche, die Möglichkeit offen zu lassen, dass entweder alles nur Wills Paranoia geschuldet ist, wirken verkrampft und wenig schlüssig. Dazu kommt, dass sich die Charaktere (im Gegensatz zum referierten „Coherence“) größtenteils dusslig verhalten (das geht in beide Richtungen: dass niemand die Party nach dem Video oder spätestens nach dem Psychospiel für beendet erklärt, ist genauso deppert wie dass man sich mächtig wundert, dass David und Eden Pruitt und Sadie eingeladen haben, niemand aber Einspruch erhebt, dass Will Kira, die auch nicht zur ursprünglichen Clique gehört, mitgebracht hat).

Gen Ende, wenn der Film dann endlich aufgibt, nur darüber zu reden, was los sein könnte und tatsächlich mal Hand anlegt, kommt tatsächlich Spannung auf, aber das ist dann auch schon zu spät. Formal ist das alles, trotz einmal mehr eher niedrigem Budget, anständig, und die Darsteller mühen sich redlich (allen voran Charakterkopf John Carroll Lynch, bekannt aus „Gothika“, „Zodiac“ oder „American Horror Story: Freak Show“), richtig mitreißend wird’s allerdings dann doch nicht (auch nicht durch den Schluss-„Twist“).

Ergo: geschwätziger, über weite Strecken nicht wirklich von nachvollziehbaren Charakteren bevölkerter Thriller, der wohl glaubt, nebenher noch eine profunde Aussage über Leben, Tod, Trauer und Verlustbewältigung machen zu können, doch letztendlich an seinem eigenen Anspruch scheitert.

Toter Hund: nein, aber ein toter Kojote.

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STRANGERLAND

Strangerland

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Australien/Irland 2015, Regie: Kim Farrant

Die Familie Parker versucht sich an ihr neues Leben in einem 1500-Seelen-Kaff, tief im australischen Outback, 300 Meilen entfernt von der nächsten Stadt, zu gewöhnen. Vater Matthew (Joseph Fiennes) ist Apotheker im örtlichen Drugstore, Mama Catherine (Nicole Kidman) kümmert sich als Hausfrau um die Kinder, die fünfzehnjährige Lily (Maddison Brown) und den vielleicht zehnjährigen Tommy (Nicholas Hamilton). Eines Nachts verschwinden Lily und Tommy spurlos…

Detective David Rae (Hugo Weaving) findet schnell heraus, dass Lily eine „runaway“-Vorgeschichte hat – und der ganze Grund des Parkerschen Umzugs in die Pampa eine sexuelle Affäre, die Lily mit ihrem Lehrer Neil MacPherson (Martin Dingle Wall) pflegte, ist. Die Suchaktion bleibt ergebnislos und Catherine verzweifelt zusehends, erst recht, als sie Lilys Tagebuch findet und feststellt, dass Lily in der kurzen Zeit im Ort schon lustig dabei war, sich durch die männliche Bevölkerung zu poppen, u.a. war sie schon mit dem seit einem Unfall geistig behinderten Aborigene Burtie (Meyne Wyatt) und dem örtlichen Skaterpunk Slug (Morgan Junor-Larwood) zugange. Zusätzliche Schärfe gewinnt diese Erkenntnis, weil Burtie der Bruder von David Raes Liebhaberin Coreen (Lisa Flanagen) ist. Keinem Verdächtigen lässt sich aber ernsthaft ans Knie pinkeln und als Catherine Matthew vorwirft, die ganze Sache ziemlich gelassen hinzunehmen (er geht ganz normal zur Arbeit), fällt ihm erst mal auch nicht mehr ein, als Neil, eh schon im Besitz einer einstweiligen Verfügung gegen Matthew, einen Besuch abzustatten und Burtie zu verprügeln. Während Catherine sich zunehmen zu David Rae hingezogen fühlt, Gerüchte über familiären Missbrauch im Hause Parker die Runde machen und die Überlebenschancen im Outback für die Vermissten immer kleiner werden, hat Matthew eine Erleuchtung – er fährt in die Wüste und findet tatsächlich Tommy, doch der hat nicht nur den Sonnenbrand des Jahrtausends, sondern auch einen milden katatonischen Schock und kann nichts greifbares beitragen…

Das FFF-Publikum, mit dem ich den Saal teilte, war sich weitgehend einig – das waren zwei Stunden verschwendete Lebenszeit. Was wiederum nur bedeutet, dass „Strangerland“ ein Film ist, der nicht unbedingt vor einem beinharten Genre-Publikum vorgeführt werden sollte. „Strangerland“, inszeniert von Kim Farrant, die sich bisher mit Dokumentationen und Kurzfilmen befasst hat, ist streng genommen kein Thriller, sondern ein reinrassiges Drama. Das mysteriöse Verschwinden von Lily und Tommy ist nur der Aufhänger, dessen Auflösung Farrant nicht primär interessiert. Vielmehr geht’s „Strangerland“ um die Frage, wie Familie und Umfeld mit dem plötzlichen (und vielleicht endgültigen) Verlust umgehen – Matthew, der versucht, soweit wie möglich „business as usual“ walten zu lassen und Catherine, die mit jeder neuen Erkenntnis darüber, dass ihre Tochter vielleicht einfach doch nur eine Schlampe ist, tiefer in Verzweiflung versinkt, aber niemanden hat, dem sie sich anvertrauen kann. Matthew blockt das Thema ab, weswegen sie sich an David hält. Dazu kommt die Position der Parkers als Neuankömmlinge/Outsider in einer weitgehend verschworenen Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden kennt. Farrant nimmt sich Zeit, das Konstrukt unterschiedlicher Charakterbeziehungen aufzudröseln – Adrenalinjunkies sollten „Strangerland“ fernbleiben, denn „passieren“ in Form kinematischer Action tut in diesem Film nicht viel. Es ist ein Film über Emotionen, Schuld, und, last, but not least, das australische Outback als eigenem Charakter (praktisch wörtlich drückt sich eine Nebenfigur im Film so aus).

Fotografiert ist das toll (P.J. Dillon steht sonst bei hochwertigen TV-Produktionen wie „Ripper Street“ oder „Penny Dreadful“ hinter der Kamera), aber selbst Fans des spröden Dramas könnte es unterwegs zwischendurch mal etwas ZU betulich, zu vorsichtig werden. Ein wenig mehr Tempo dürfte „Strangerland“ schon haben. Dafür aber gibt Nicole Kidman in der Hauptrolle alles (inklusive full frontal nudity, sofern sie dafür kein body double benutzt hat). Joseph Fiennes kommt mir einmal mehr so vor, als spielte er auf Sparflamme (das macht seine emotionalen Ausbrüche zwar etwas wirkungsvoller, aber er gibt Matthew distanzierter und uninteressierter, als es nötig wäre), Hugo Weaving überzeugt in einer, äh, „Tommy-Lee-Jones“-Rolle.

Australisches Kino ist, wie man weiß, öfter mal sperrig und spröde – darauf muss man können, will man „Strangerland“ etwas abgewinnen. Ähnlich wie Weirs großer Klassiker „Picknick am Valentinstag“ nutzt er sein Mystery nur als Katalysator, ohne letztlich entscheidend an seiner Aufklärung interessiert zu sein. Nichts für Leute, die alles auserklärt haben wollen und mit Sicherheit kein Spannungskino, aber dank vor allem Nicole Kidmans Leistung durchaus für die Freunde des ruhigeren Dramas eine Überlegung wert.

Toter Hund: Nicht mal’n Dingo (Kein Schrei in der Dunkelheit).

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TURBO KID

Turbo Kid

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Neuseeland/Kanada 2015, Regie: Francois Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell

Die Zukunft des Jahres 1997 – der Krieg zwischen Menschen und Maschinen hat die Welt in einen vom nuklearen Winter heimgesuchten apokalyptischen Alptraum verwandelt, in dem die wenigen Überlebenden alle Hände zu tun haben, Überlebende zu bleiben (ich finde es übrigens zuckersüß, dass die opening narration „nuclear winter“ George-W.-Bush-approved „nukular winter“ ausspricht). Einer dieser Überlebenden ist Kid (Mauro Chambers), ein 15-jähriger Junge, der sich’s in einem Bunker eingerichtet hat und tagsüber mit seinem BMX-Rad nach verwertbarem Schrott sucht. Coole Sachen wie Spielzeug o.ä. wandern in seine Privatsammlung, der Rest wird in der nächsten Siedlung gegen Wasser getauscht. Sein größter Schatz sind allerdings einige Turbo-Rider-Comichefte und in seinen Träumen schlüpft er in die Rolle des Superhelden mit seinem Energiestrahlen verschießenden Turbo-Handschuh.

Eines schönen Tages stolpert er über ein hübsches Mädchen (Laurence Leboeuf). Das aufdringliche, hyperaktive, plappernde, zappelnde und um’s Verrecken nicht loszuwerdende Girl erklärt: „Mein Name ist Apple.“ „Natürlich ist er das,“ seufzt Kid. Es hilft nichts – von nun an hat Kid Apple am Hals. Kaum hat sich Kid endlich an Apple und ihre sprunghafte Persönlichkeit gewöhnt, wird ihm das Mädel auch schon unter der Nase weg entführt. Apple landet im „Pool“, der privaten Kampfarena des örtlichen fiesen Großmoguls und Wasser-Monopolisators Zeus (Michael Ironside). Im Pool wartet auch schon Abenteurer Frederic (Aaron Jeffery), der eigentlich seinen von Zeus ermordeten Bruder rächen wollte, auf sein mehr oder weniger vorherbestimmtes Ende. Denn Zeus‘ Arenaregeln sind flexibel genug, dass niemand überlebt, von dem Zeus es nicht wünscht, und wer nicht überlebt, landet in Zeus‘ „Juicer“ und wird in Trinkwasser umgewandelt. Auf dem Weg zur Rettung seiner neuen Freundin entdeckt Kid einen Bunker – und in dem sitzt niemand anderes als sein Held Turbo Rider – zwar tot und skelettiert, aber mit funktionsfähigem Superhelden-Suit und Turbo-Glove. Das passt doch wie angegossen!

Die improvisierte Rettung ist zwar reichlich konfus, aber erfolgreich – allerdings wird Apple niedergeschossen und entpuppt sich zu Kids dezenter Überraschung als Roboter – ein „einfaches Freundschaftsmodell“, was einiges erklärt. Zwar funktioniert Apple noch, aber ihre Energie geht zur Neige. Ersatzteile gibt’s nur am dank seiner toxischen Gase gefährlichen Roboterfriedhof. Kid und Apple machen sich auf, doch Zeus ist persönlich über die gelungene Flucht seiner Gefangenen angepisst und schickt seinen Häscher Skeltron (Edwin Wright) und seine Henchmen in killender Mission hinter den Entkommenen her…

Als ich vor gut einem halben Jahr zum ersten Mal einen „Turbo Kid“-Trailer sah, war ich verliebt genug, um mich zu bemühen, den für’s „B-Film Basterds“ zu bekommen. Die Verleiher entschieden sich dann aber doch für eine, hüstel, etwas größere Bühne.

Wer’s tatsächlich noch nicht mitbekommen hat, der simple Kniff von „Turbo Kid“ ist „Mad Max“ (bzw. genauer gesagt „Road Warrior“) auf BMX-Rädern, und das dann gestaltet als 80er-Jahre-Teeniefilm. Zugegeben ist „Turbo Kid“ damit pretty much ein one-trick-pony, aber dieses Pony ist einfach gut drauf! Es ist einfach wirklich drollig, wenn muskel- und waffenbepackte Burschen in ausgeflippten Rüstungen auf niedlichen Kinderbikes sitzen und sich beim Radeln durch den Steinbruch, der budgetschonend die location of choice bildet, die Waden abstrampeln. Dabei bedient der Streifen trotzdem alle Genretropes des postapokalyptischen Actionfilms (Wasser als zentrale Motivation aller Charaktere, mit Frederick ein Antiheld-Co-Protagonist, und ein megalomanischer Schurke, der von niemand anderem als einem der größten Schurkendarsteller der Actionfilmgeschichte, Michael Ironside, zwar etwas in die Breite gegangen, aber mit genausoviel Fun wie früher, gemimt wird). Der Kniff ist, dass abgesehen vielleicht mal von der Figur der Apple (hihi) nichts darauf hindeutet, dass „Turbo Kid“ sich nicht ernst nähme (was er natürlich in Wahrheit nicht tut. Das ist schon sehr Meta, aus spielerischer Ironie einen unironischen Actionfilm zu drehen), nicht alle dramatischen Beats mitnähme, die sich anböten (Zeus ist natürlich auch der brutale Killer von Kids Eltern, und das Kid wortwörtlich ein „(young) man with no name“ ist, ist ja auch ein Trope für sich).

Die drei Regisseure halten das Tempo naturgemäß hoch, auch wenn’s immer wieder kurze Atempausen gibt, in denen wir dabei zusehen, wie Kid und Apple sich näher kommen (auch trotz des kleinen Handicaps, dass einer Mensch, einer Maschine ist). Die Production Values sind wenig impressiv – wie gesagt, Steinbruch und dazu leerstehende, abgetakelte Fabrikhalle, fertig ist der apokalyptische Backdrop. Was „Turbo Kid“ an Kohle hatte, ging in die Kostüme und die Effekte. Denn eins wollen wir mal sagen – auch wenn „Turbo Kid“, siehe oben, auch ein Teeniefilm ist, es ist auch ein Hardcore-Splatterfilm. Bis dato (ungefähr zur Festivalhalbzeit) ist dieser Film der Höhepunkt in Sachen Körperspaltungen, Kopfexplosionen, Gedärmausweidungen und sonstigem Unerfreulichtum (CGI und praktische Effekte geben sich dabei gegenseitig die Klinke in die Hand).

Coole Mucke (ein wunderschön generischer Actionfilm-Rock-Theme von Stan Bush) und auf 80er getrimmte Elektropop von der Combo „Le Matos“ (die ganz offensichtlich Daft Punk echt knorke finden) wird ebenfalls geboten.

Darstellerisch zieht Michael Ironside, as mentioned above, alle Register seines Könnens, aber auch die leads, Munro Chambers („Godsend“, „Degrassi“), und die zuckersüße Laurence Leboeuf („Being Erica“), leisten achtbare Arbeit. Der Neuseeländer Aaron Jeffery („Waterrats“, „X-Man Origins: Wolverine“, „McLeods Töchter“) hat als Frederick, der „Cowboy“, der Zeus persönlich auf den Sack geht, auch seinen Fun.

„Turbo Kid“ ist sicherlich kein perfekter Film, dafür ist es am Ende halt doch nur ein (wenn auch guter und tragfähiger) Witz und optisch macht die Chose auch nicht sonderlich viel her, aber die Spielfreude der Darsteller, die ganze absurde Prämisse und der beinharte Splatter machen den Streifen trotzdem zu einem perfekten Partyfilm für den blutgierigen 80er-Jahre-Freund!

Toter Hund: Glaub nicht.

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(c) 2015 Dr. Acula