Fantasy Film Fest 2015 Teil 4

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AVA’S POSSESSIONS

Ava’s Possessions

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USA 2015, Regie: Jordan Galland

Es ist geschafft – Father Merrino (John Ventimiglia) hat den Dämon, der es sich in der attraktiven A&R-Managerin Ava (Louisa Krause) bequem gemacht hat, erfolgreich exorziert. Das heißt aber noch lange nicht, dass ihre Probleme damit abgehakt sind. Es gilt, die vom Dämon hinterlassenen Trümmer wieder in ein halbwegs normales Leben zusammenzusetzen und, nicht ganz unverständlicherweise, ist das auch für Avas Eltern (William Sadler, Deborah Rush) und ihre Schwester Jillian (Whitney Able) und ihren Verlobten Roger (Zachary Booth) keine einfache Situation. Dazu kommt, dass Ava auch noch der Knast droht, denn „dämonische Bessessenheit“ ist nun mal keine anerkannte Verteidigungsstrategie für die zahlreichen Sachschaden- und Körperverletzungsklagen, die auf sie warten. Anwalt JJ (Dan Folger) stellt Ava zwei Alternativen vor – entweder sie kann sich in eine Nervenklinik einweisen lassen oder sie tritt einer offiziell kirchlich und staatlich autorisierten Selbsthilfegruppe für Bessessenheitsopfer bei. Letzteres klingt nach dem Weg des geringsten Widerstandes und auch das dicke Handbuch, das Ava vor dem ersten Meeting durchlesen soll, aber bestenfalls mal durchblättert, schreckt sie nicht ab.

Aber mit Tony, dem Leiter der Gruppe, ist nicht zu spaßen – locker durchschleifen ist nicht drin, denn Tony weiß: der Dämon wird versuchen, wiederzukommen, und so lange sein ehemaliges Opfer nicht willensstark genug ist, den Höllenboten nicht aus eigener Kraft wieder in den Orkus zu jagen, wird niemand als „geheilt“ aus der Gruppe entlassen werden. Zudem fordert Tony Ava auf, diejenigen, die sie unter dämonischem Einfluss geschädigt hat, aufzusuchen und Wiedergutmachung zu leisten. Dank der umfangreichen Klägerliste ist das relativ einfach, bis auf zwei Fälle – in ihrer Couch hat sie eine teure Uhr mit einer Gravur für „Conrad“ gefunden, hat aber nicht den geringsten Schimmer, wer oder was dieser Kerl sein könnte – und verklagt hat er sie auch nicht. Zum Glück ist die Uhr selten und ihr Exklusivverkäufer weiß, wem sie gehört: dem Vater des Galeristen Ben (Lou Taylor Pucci), der dann auch mal ein oder zwei Stielaugen auf Ava wirft. Fall Nummer 2 ist die Nutte Noelle (Alysia Reiner), mit der Ava es wohl getrieben hat – als sie Noelle aufspürt, erfährt sie, dass es sogar ein wilder Dreier war, aber wer die dritte Person war, weiß auch Noelle nicht.

Zu allem Überfluss fand Avas Therapiegruppenkollegin Hazel (Annabelle Dexter-Jones) es ganz super, einen Dämon in sich zu haben und möchte das schleunigst wiederholen, dafür müsste Ava doch nur einen ganz einfachen Zauberspruch von Okkultladenbetreiberin Talie (Carol Kane) besorgen. Klappt auch alles ganz vorzüglich und nachdem Hazel sich ein Weilchen ausgetobt hat, kann Merrino sie auch neu exorzieren, aber durch ihr Gedabbel in der schwarzen Magie hat Ava ein Zugangstor für die Rückkehr *ihres* Dämons eröffnet. Außerdem versucht sie jemand umzubringen…

Der zweite Film aus unserer kleinen Reihe „was passiert eigentlich, nachdem der Nachspann gelaufen ist“ befasst sich also mit dem Thema „Exorzismus und wie gehe ich damit um“. Des Öfteren fragt man sich ja als Zuschauer von Genrefilmen, wie zum Geier die Protagonisten den Behörden erklären wollen, was eigentlich grad passiert ist – dass Regisseur Jordan Galland („AlterEgos“) diesen Gedanken endlich mal aufgreift, ist schon an und für sich sehr löblich.

Galland wählt dafür – im Gegensatz zum Seelenverwandten „Bound to Vengeance“, der als knallharter Thriller reüssierte – die Form der Komödie, was sich, zugegeben, bei der hiesigen subject matter auch eher anbietet als beim Revenge-Streifen. Die Idee ist dabei ebenso drollig wie eigentlich folgerichtig: vom Teufel oder einem seiner diversen Untergebenen bessessen, richtet man gemeinhin ja eine Menge körperlichen und Sachschaden an, und irgendwie muss das ja auch ebenso wieder gerichtet werden wie man die Rückkehr in den Job stemmen muß (was in Avas Fall von ihren werten Kollegen und Chefs nicht vereinfacht wird, wenn sie den von ihr gesignten Act als neue Single eine Exorzismus-Nummer aufnehmen lassen und dazu ein passendes Video drehen. Dass Ava dem Sänger da an die Gurgel geht, lässt sich irgendwie nachvollziehen). Wenn man dann auch noch voll enthusiasmisiert gerichtliche Auflagen erfüllen muss (wer geht schon gern hin, wenn der Richter meint, man solle seine Fahrt im Suff durch die Mitgliedschaft bei den Anonymen Alkoholikern sühnen). Eigentlich alles ganz nachvollziehbar – bis auf Avas Entscheidung, Hazel bei ihrer Re-Dämonisierung zu helfen, das ist ein glatter Charakterbruch, der nur kommt, weil das Script ihn halt braucht. So ganz happy bin ich auch nicht mit dem Schwenk zum Thriller hin in der zweiten Hälfte, da scheint Galland ein bisschen aus den Augen zu verlieren, was eigentlich die Prämisse seines Films ist, und verzettelt sich ein wenig in einer nicht immer logisch wirkenden Kriminalhandlung (dafür hat’s der Schlusstwist dann wieder in sich).

Was den Humor angeht, setzt das Script weniger auf Brüller denn auf subtilen Humor, der sich recht natürlich aus der Prämisse des Films heraus entwickelt. Wie reagieren die verschiedenen Charaktere, welche skurillen Entdeckungen macht Ava, die ja selbst keine Erinnerungen an ihre dämonisierte Zeit hat, über diesen Zeitraum, welche unerwarteten Probleme ergeben sich daraus? Das macht Galland ziemlich gut, und dass er hin und wieder auch mal auf echtes „Drama“ zurückgreift – speziell in der schwierigen Beziehung Avas zu ihren Eltern (immerhin hat Avas Mutter im Kampf mit dem Dämon ein Auge verloren. Da kann man schon mal die Mutterliebe sanft zurückfahren), hift darüber hinweg, dass der Film sich zwischendurch doch die ein oder andere Auszeit nimmt und den ein oder anderen Nebenplot nicht sauber auflöst.

Technisch ist das, wie es bei FFF-Beiträgen anno 2015 mittlerweile Ouzo ist, ansprechend gewerkelt. Die dezent eingesetzten FX sind annehmbar, wenn auch nicht herausragend, wobei „Ava’s Possessions“ auch auf die ganz großen Splattereien verzichtet und nur da und dort mal einen kleine blutigere Spitze setzt. Den sehr netten Score besorgt niemand geringeres als Beatles-Sohn Sean Lennon (!).

Auch die Darsteller fallen größtenteils nicht durch den Rost. Louisa Krause („Bluebird“, „King Kelly“) ist nicht nur eine weitere Anwärterin auf den hart umkämpften Titel des FFF-Babes 2015, sondern kann sowohl mit ihren komischen als auch dramatischeren Momenten einiges anfangen. Whitney Able (All the Boys Love Mandy Lane, Monsters) verkauft sich – auch dank einer relativ undankbaren Rolle – etwas unter Wert, wie auch Zachary Booth („Der Biber“, „Damages“) eher blass bleibt. Dafür können in ihren relativ kleinen, aber prägnanten Rollen Dan Fogler („Balls of Fury“) als einfallsreicher Anwalt JJ und Routinier William Sadler („The Green Mile“, „Iron Man 3“, „Stirb langsam 2“) als Avas Papa überzeugen. Groß ist die Vorstellung von Selbsthilfegruppendämonenaustreiber Tony alias Wass Stevens („The Wrestler“, „House of Cards“) und der kurze Zwei-Szenen-Cameo-Auftritt von Carol Kane („Die Geister, die ich rief“, „Daddy’s Cadillac“, „Trees Lounge“), einer Spezialistin für durchgeknallte Charaktere, ist amüsant.

„Ava’s Possessions“ ist also eine vergleichsweise ruhige, manchmal auch ein wenig ernstere Grusel-Komödie, die recht lange konsequent von ihrer Prämisse lebt, im letzten Drittel dann aber scripttechnisch etwas aus dem Leim geht. Genügend witzige Momente für eine sanfte Empfehlung gibt’s dann aber doch. Allein schon die Idee muss man würdigen…

Toter Hund: Nope.

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KUNG FU KILLER

Kung Fu Killer

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HK/China 2014, Regie: Teddy Chan

Eines Nachts wird in Hongkong ein Box-Champion brutal – und mit bloßen Händen – ermordet. Knacki Hahou (Donnie Yen), der seit drei Jahren einsitzt, weil er in einem Martial-Arts-Duell seinen Gegner getötet hat, meint, wertvolle Hinweise für die ermittelnde Polizistin Luk (Charlie Yeung) zu haben. Weil man ihm die gewünschte Audienz nicht gewährt, verprügelt er mal eben siebzehn Mitgefangene – das öffnet dann doch die Gesprächskanäle. Hahou versucht Luk davon zu überzeugen, dass ein Martial-Arts-Experte die führenden Meister verschiedener Kampfsporttechniken auf’s Korn genommen hat und gibt ihr, die von diese Theorie erst mal nicht viel hören will, eine Todesliste mit. Tatsächlich ist schon wenig später ein Name von dieser Liste zu streichen – der beste aller Kick-Spezialisten wurde getötet, natürlich durch… Kicks. Luk geht also nun auf Hahous Vorschlag ein und erwirkt seine bedingte Freilassung. Hahous These, dass sich ein wahnsinniger Kampfsportler in Reihenfolge der philosophischen Wichtigkeit durch die Meister der verschiedenen Techniken (Boxen, Kicken, Ringen, Waffenkampf, „interne Energie“) arbeitet, um den Thron der ungeingeschränkten Martial-Arts-Nummer 1 zu erringen, erweist sich als richtig, und doch kommen Luk und Hahou zu spät, um Opfer Nummer 3 zu retten. Hahou macht sich bei Luk beliebt, indem er sich unerlaubt nach China absetzt, um seine Geliebte Sinn Ying (Michelle Bai) zu treffen und sich bei seinem verstorbenen Meister für die Entehrung seiner Schule zu entschuldigen. Indes der Killer Fung Yu-Sau (Bauqiang Wang) schon nach seinem vierten Ziel fahndet – Hung Yip (Louis Fan), der Filmstar und Meister des Waffenkampfes. Wieder einmal kommen die Guten zu spät.

Während Hahou versucht, auf eigene Faust Fung zu stellen, Luk wegen notorischer Erfolglosigkeit vom Fall abgezogen wird und jeder überlegt, wer denn nun der letzte Meister sein könnte, landet unser Held ganz plötzlich auf der Verdächtigenliste – denn er kennt Fung besser als er bislang zugab…

Wir wissen’s ja nicht seit gestern – der klassische Martial-Arts-Film Made in Hongkong hat seine besten Zeiten hinter sich. Ob’s daran liegt, dass John Woo mit seiner ballerorientierten Action seine Regisseurskollegen verdorben hat, daran, dass die Wiedervereinigung mit der Volksrepublik manchen Action-Spezialisten dazu getrieben hat, großbudgetierte Propaganda-Historienschinken in der wuxia-Schwertkampf-Tradition zu drehen, oder einfach daran, wie es z.B. David West in seinem Buch „Chasing Dragons“ postuliert, dass es schlicht keine legitimen Nachfolger für Leute wie Jackie Chan, Sammo Hung und Yuen Biao, die letzte Generation HK-Filmstars, die Knochenmühle der Pekingoper-Ausbildung durchlaufen haben, gibt, sei dahingestellt, aber dass es recht mau aussieht, wenn Leute wie die Genannten oder Jet Li ihre Karrieren mal endgültig an den Nagel hängen, darüber dürfte weitgehend Einigkeit herrschen.

Daher ist es höchste und vielleicht allerletzte Zeit für die explizit als solche gemeinte Genre-Hommage von Teddy Chan („Spion wider Willen“, „Bodyguards and Assassins“), noch einmal die Tropes und Helden des klassischen Kung-fu-Kinos zu würdigen. Denn was oberflächlich als slicker Serienkiller-Thriller daherkommt, ist natürlich nichts anderes als eine geradezu archetypisch-traditionelle Geschichte des HK-Canton-Films – der junge, arrogante Kung-fu-Kämpfer, der im Bestreben, der Beste seines Fachs zu sein, gegen eine Anzahl Kung-fu-Meister antritt, und am Ende gegen den eigentlich kampfesmüden Helden das finale Duell bestreitet, das ist eine Story, durch die sich vermutlich jeder in den 70ern im Kino beschäftigte Martial Artist kloppte. Mit dem Unterschied, dass im Ming-China der Umstand, dass der Jungkämpfer einen Berg entleibter Meister hinterlässt, nicht wirklich jemanden schockiert hätte. „Kung fu is made to kill“, ist denn auch der Leitsatz unseres hiesigen Bösewichts Fung und während das die buddhistische Philosophie der Shaolin-Mönche natürlich anders sieht, ist’s in der praktischen Anwendung (gerade und speziell eben im Kung-fu-Film) schon schwer, diesen Worten ernstlich zu widersprechen. Auch andere traditionelle Themen – der grundsätzliche gegenseitige Respekt der Kämpfer, und ganz besonders der vor dem sifu, dem Lehrmeister, die Ehre der Schule – finden sich in „Kung Fu Killer“ wieder.

Das moderne Update, also die ganze traditionelle Story in einen rasanten, im kontemporären Hongkong angesiedelten, slicken Actionthriller zu verpacken, bringt eine zusätzliche Ebene ins Prozedere, denn während es im alten China Tagesgeschäft war, mit Hand und Fuß den Martial-Arts-Rivalen zu plätten, wird das in vermeintlich zivilisierteren Zeiten wie heute von den Autoritäten eher kritisch beäugt.

Wie sich das für einen modernen HK-Film gehört, ist die ganze Nummer natürlich höchst stylisch und wird in den Kampfszenen gerne mit Wire- und CG-Effekten aufgepeppt. Das ist natürlich (zumindest was die Computerunterstützung angeht) nun deutlich weniger traditionell, aber wohl nicht mehr anders zu erwarten. Die Kampfchoreographie, von Donnie Yen persönlich besorgt, ist amtlich und profitiert durch einige ungewöhnliche Kampforte (der Kampf zwischen Fung und dem Kick-Champion z.B. findet auf einer riesigen Skelett-Skulptur – der Kicker ist nämlich mittlerweile unter die bildenden Künstler gegangen – statt), und weniger von der eleganten denn der dezidiert knochenbrechenden Schule. Das Tempo ist grundsätzlich hoch, es gibt allerdings zwei-drei Atempausen, wenn Hahou z.B. seine alte Kampfschule besucht, in der auch der Zuschauer mal Luft holen kann. Der Showdown – auf einer befahrenen Autobahn – ist a sight to behold.

Donnie Yen („Ip Man“), mit 52 Jahren nun auch schon ein alter Haudegen mit Ablaufdatum in Sicht, ist in den Fights noch in feiner Form und auch Schauspieler genug, um die dramatischeren Momente zu bewältigen (auch wenn das natürlich in gewisser Weise „Routinedramatik“ ist, weil eben auch größtenteils den traditionellen Vorbildern entlehnt). Bauqiang Wang („Jack of All Trades“, „A Touch of Sin“), mit 31 noch ein Jungspund und *vielleicht* ein Hoffnungsträger für die Zukunft, hält sich wacker, ihm fehlt aber noch das Charisma, um ggf. in eine „Heldenrolle“ zu schlüpfen. Charlie Yeung („Bangkok Dangerous“, „Die Schrift des Todes“) und Michelle Bai („Shaolin“) vertreten die Damenfraktion und Bai darf soger einen kurzen Fight gegen Wang bestreiten (keine gute Idee ihrer Figur…).

Was aber noch wichtig ist – wie gesagt versteht Chan seinen Film ausdrücklich als Hommage und hat deswegen praktisch alles, was in Hongkong im Bereich Kung-fu-Kino vor oder hinter der Kamera tätig war, für Cameos verpflichtet, Schauspieler, Stuntmen, Kameraleute, Komponisten, Produzenten… von David Chiang („Die sieben goldenen Vampire“, „Die Blutsbrüder des gelben Drachen“), Siu Wong-Fan („Story of Ricky“, „Mega Cop“, „Ip Man 2“) über Sam Kai-Sen Huang („Total Risk“, „The One“), Bruce Law (HK-Stunt-Legende der 80er und 90er), Bey Logan (HK-Filmexperte, der z.B. die Audiokommentare für die Jackie-Chan-„Dragon Edition“ einsprach), Regisseur Kirk Wong (Hard To Die), Bun Yuen (70er-Stunt-Guy, u.a. „Das blutige Schwert der Rache“, „Der Mann mit der Todeskralle“ usw.) bis hin zur Produzenten-Legende Raymond Chow (Chef von „Golden Harvest“ und Förderer von Bruce Lee und Jackie Chan). Jackie Chan himself wird mit einem Ausschnitt aus „Drunken Master“ gewürdigt.

Insgesamt also eher ein Film für alte HK-Freunde denn für Neueinsteiger ins Gebiet – es ist vielleicht (ich will’s nicht hoffen, bin aber wenig optimistisch) der endgültige Abgesang auf eine große Ära des HK-Kinos. Das lässt mich mit einer nostalgischen Träne im Knopfloch über ein paar Schwächen des Films hinwegsehen. „Kung Fu Killer“ fehlt ein wenig diese *Liebe* fürs Genre, wie sie z.B. den vor ein paar Jahren gelaufenen Gallants (hierzulande mit dem dümmlichen Titel „Tiger & Dragon Reloaded“ versehen) auszeichnet – Chan setzt da eher auf ehrwürdigen Respekt. Ein anderer Ansatz, sicher auch gültig, aber dadurch nicht ganz so emotional treffend wie „Gallants“.

Toter Hund: Nö.

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BACKTRACK

Backtrack

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Australien 2015, Regie: Michel Petroni

Psychologe Peter Bower (Adrian Brody) hat auf Vermittlung seines väterlichen Freundes Duncan (Sam Neill) einen neuen Job angetreten – es ist keine Erfüllung, Peter ist nur zuständig für die Diagnose der Patienten, nicht für die eigentliche Therapie, was aber eine Chance für ihn, sein Leben nach dem Unfalltod seiner Tochter Eve wieder in den Griff zu kriegen, ist. Eines Tages stolpert ein junges Mädchen in sein Büro – Elizabeth Valentine, offensichtlich hochgradig verstört, nicht willig, irgendetwas zu sagen und verschwunden, kaum hat sich Peter mal umgedreht. Duncan hält Elizabeth für eine traumatisch bedingte Halluzination (man lese Lizzies Initialen), aber Peter beginnt zu recherchieren und findet heraus, dass Elizabeth nach den offiziellen Unterlagen seit Jahren tot ist. Wie übrigens auch *alle seiner anderen Patienten *! Als sich dann auch noch Duncan himself als Halluzination entpuppt, kann das den stärksten Seemann umhauen. Peter lässt sein Eheweib im Stich und flüchtet zu seinem Vater (Bruce Spence), einem Ex-Cop in der Provinz. Peter hat die Todesdaten seiner Patienten mittlerweile analysiert und hat festgstellt, dass alle Opfer eines Zugunglücks waren – das *er* und sein Freund Barry (Malcolm Kennard) verursacht haben! Peter entscheidet sich, reinen Tisch zu machen und macht bei der Polizistin Barbara (Robin McLeavy) eine entsprechende Aussage, lässt Barry aber aus Freundschaft raus. Trotzdem hängt der sich wenig später auf – und Peter wird nach wie vor nicht von seinen Visionen in Ruhe gelassen. Ist Peters Erinnerung etwa nicht die ganze Wahrheit?

Meine Güte, ich schwafle schon wieder zuviel. Ich wollte diese Reviews doch knapp halten. Also versuchen wir’s – mit „Backtrack“ kommt ein weiterer australischer Film auf uns zu. Die Känguruschubser sind nach den Yankees gemeinsam mit den Briten inzwischen der wohl wichtigste Versorger des FFF. Der Geisterfilm um Schuld und Sühne von Michael Petroni (Drehbuch von „Die Chroniken von Narnia: Die Reise auf der Morgenröte“ und „Die Bücherdiebin“) kommt uns mal wieder mit dem in der Vergangenheit begangenen und verleugneten Unrecht, das in der Gegenwart seine Konsequenzen fordert. Petroni inszeniert den Film recht ruhig und unter weitgehendem Verzicht auf blutige FX als Charkaterstudie. Peter muss sich seiner Vergangenheit stellen, hält die Ereignisse in der Gegenwart (und den Tod seiner Tochter, den er durch Vernachlässigung seiner Aufsichtspflicht – ausgelöst durch eine Erinnerung an den Zugcrash - mitverschuldet hat) für eine Strafe und hofft, durch das Geständnis wieder mit sich selbst ins Reine zu kommen. Nur trügt halt die Erinnerung gerne mal, vor allen Dingen im Zusammenhang mit schwer traumatischen Ereignissen.

Das ist alles ganz routiniert geschrieben und inszeniert, lässt aber den letzten Punch vermissen, zumal dann auch der „Twist“ ziemlich antelegrafiert wird. Das wäre an und für sich noch nicht das ganz große Problem, denn das heißt Adrian Brody. Ja, ich weiß, der Kerl hat für „Der Pianist“ einen verfluchten Oscar bekommen, aber irgendwie hab ich seither nichts gesehen, das auch nur annähernd andeuten würde, Brody wäre ein übermäßig talentierter Schauspieler (case in point: Giallo, wobei der halt auch in allen anderen Belangen kacke war…). In „Backtrack“ läuft Brody permanent mit einem Gesichtsausdruck herum, der weniger an einen traumatisierten Erwachsenen, denn vielmehr an einen bedröppelten Viertklässler, dem ein böser Bully grad das Pausenbrot geklaut hat, erinnert. Da hilft auch der Vollbart nix. Das wäre in manchen Szenen (in denen sich Peter an die Ereignisse der verhängnisvollen Nacht erinnert) gangbar, zieht sich hier aber über die komplette Laufzeit und lässt Peter als einen glaubwürdigen Protagonisten glatt durchfallen – da ist null Bandbreite dahinter. Die Mitwirkung verschiedener verdienter AUS/NZL-Haudegen wie Sam Neill („Todesstille“, „Event Horizon“) oder Bruce Spence („Mad Max“-Trilogie) reißt auch nicht viel raus, auch wenn beide ihr Möglichstes tun, und auch Robin McLeavy („The Loved Ones“, „Abraham Lincoln Vampirjäger“) zieht sich sauber aus der Affäre. Festival-Double-Duty schiebt Anna Lise Phillips („The Pack“) als einer von Peters Geistern…

Ergo: unspektakulärer, konventioneller und relativ überraschungsarmer Geisterthriller, der durch eine ziemlich katastrophale Hauptrollenperformance versenkt wird. Schenkt euch den…

Toter Hund: Nö. Verdammt.

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SHREW’S NEST

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Shrew’s Nest Spanien/Frankreich 2014, Regie: Juanfer Andrés, Esteban Roel

Spanien, Anfang der 50er Jahre – in ihrer Mietswohnung lebt Montse (Macarena Gomez) mit ihrer „kleinen“ Schwester (Nadia de Santiago). Montse hat seit dem Tod ihrer Mutter vor 18 Jahren die Wohnung nicht mehr verlassen – sie hat panische Angst vor dem Draußen generell und vor Männern im Besonderen, weswegen sie auch zu verhindern versucht, das die nunmehr „erwachsene“ Kleine sich einen Freund anlacht. Die extrem katholische Montse ahndet selbst das durch’s Fenster beobachte Schwätzchen mit einem netten jungn Arbeitskollegen mit Rohrstock und Zwangsgebet. Abgesehen davon verstehen sich Montse, die als Schneiderin für private Kundschaft ihren Anteil zur Haushaltskasse beiträgt, und die Kleine aber augenscheinlich einigermaßen gut. Bis zu dem verhängnisvollen Tag, an dem Carlos (Hugo Silva), der Nachbar aus dem oberen Stockwerk, die Treppe runterfällt und vor Montes Wohnungstür zum Liegen kommt und um Hilfe fleht, ehe ihn die Lebensgeister verlassen. Montses erster Gedanke wäre es, den Burschen draußen liegenzulassen, bis ihn die Fliegen fressen, aber dann setzt sich doch der katholische Nächstenliebegedanke durch – es ist nicht einfach, Carlos und seinen im Treppenhaus verteilten Kofferinhalt in die Wohnung zu zerren, ohne selbige zu verlassen, aber es gelingt ihr letztlich, den Gestrauchelten im Gästezimmer zu verstauen und sein gebrochenes Bein notdürftig zu schienen.

Carlos Anwesenheit verändert Montse – die bisherige männerhassende Schreckschraube findet Gefallen daan, Carlos bemuttern zu können, und dem, der eh ein Weilchen untertauchen wollte, um seine bevorstehende Heirat zu verhindern, kommt’s ganz recht, dass er für ein paar Wochen aus dem Verkehr gezogen ist und hier unterschlüpfen kann. Erst recht, als er die Kleine kennenlernt und sich in sie verknallt. Die allerdings warnt ihn vor Montse – die ältere Schwester sei komplett wahnsinnig und werde Carlos nie mehr weglassen. Das scheint zu stimmen, denn im Gegensatz zu ihrer Aussage hat Montse natürlich nie einen Doktor einen Blick auf Carlos (langsam absterbendes) Bein werfen lassen und das „heilige Wasser“, mit dem sie seine Schmerzen lindert, ist in Wahrheit auch nur das Morphium, das ihr ihre Lieblingskundin Dona Puri (Gracia Olayo) mitbringt, um Montses Wahn-Anfälle zu unterdrücken – Montse halluziniert nämlich ständig ihren Vater (Luis Tosar), dem sie nichts recht machen kann. Und doch scheint Carlos einen positiven Einfluss auf Montse zu haben – weil er gerne ein paar Bücher aus seiner Wohnung hätte, arbeitet sie tatsächlich daran, leibhaftig über die Schwelle der Wohnungstür ins Treppenhaus treten zu können, legt make-up auf… dass Carlos ihre Liebe nicht erwidert, wird böse Konsequenzen haben. Aber vorher gilt es noch, Carlos Verlobte Elisa (Carolina Bang) auszuschalten, wie von der Kleinen erfahren hat, wo Carlos sich versteckt…

Als Festivalveranstalter hat man’s nicht leicht – aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass Filme, die man als todsichere Publikumsmagneten ausgemacht hat, von der zahlenden Kundschaft mit Verachtung gestraft werden. „Shrew’s Nest“ wurde von Rosebud-Mitarbeiter Max angepriesen wie Sauerbier, dreimal lief der Trailer, und doch war der Kinosaal am Ende dann ausgesprochen dünn besetzt – selbst die Hälfte der Dauerkarteninhaber hatte was besseres vor. Und, zugegeben, auch mich hatte der sperrige Trailer, der ein happiges Katholizismusdrama erwarten ließ, nicht gerade geifern lassen.

Aber wie das Leben so spielt – was sich dann vor meinem entzündeten Holzauge abspielte, ist zweifellos einer der absoluten Höhepunkte des 2015er-Festivaljahrgangs – ein intensives Psychodrama, das entgegen des Trailereindrucks mit Katholizismus nicht arg viel zu tun hat, mit einem blutigen, konsequenten Ende. Hier sitzt alles – jede Dialogzeile, jede Geste, jede mimische Regung hat ihre Bedeutung. Aber wiewohl ich mich über das intelligente Script, die ständig angezogene Spannungsschraube und den fortschreitenden Wandel des Films vom Drama zum Splatterfilm auslassen könnte – am Ende ist das, was mich in Begeisterung versetzt, das Zusammenspiel des Charakters Montse und ihrer Darstellerin Macarena Gomez. Montse ist wahnsinnig, ja, und sicherlich auch „böse“ (wenn ich einen vergleichbaren Charakter aus der Filmgeschichte heranziehen würde, wäre es sicherlich Annie Wilkes aus „Misery“. Auch die geschilderte Situation ist ja nicht völlig unähnlich, wie dort James Caan ist hier Hugo Silva ans Bett gefesselt und davon abhängig, was die durchgeknallte Montse mit ihm anstellt), aber, je weiter sich die Geschichte aufdröselt, und je brutaler Montse agiert, desto mehr Verständnis kann man ihr als Zuschauer entgegenbringen – es ist nicht (zumindest nicht allein) ihre Schuld, dass sie so geworden ist, wie sie ist (in den finalen Minuten könnten sich zartbesaitetere Gemüter womöglich ein paar Tränchen aus dem Augenwinkel drücken). Und wie Macarena Gomez („Dagon“, „Sexykiller“) das spielt, das ist umwerfend, das ist eine tour de force, das müsste in einer gerechten Welt mit Filmpreisen nur so beworfen werden…

Was nicht heißt, dass der Rest des Films irgendwie… durchschnittlich wäre. Allein schon die Set-Architektur der alptraumhaft winkligen Wohnung, in der man kaum mal weiter als ins nächste Zimmer sehen kann, ist alptraumerweckend, und diese Wohnung verlässt der Film nur für wenige Minuten (ein paar Minuten im Treppenhaus und ein paar Minuten in Carlos dagegen exemplarisch luftigen, großzügig angelegten und eingerichteten Wohnung, die der „Kleinen“, als sie der Bücher wegen hinaufgeht, als eine völlig andere Welt erscheint). Alles ist klaustrophobisch, die Wände drohen nicht nur die Charaktere, sondern auch den Zuschauer zu ersticken, das Unangenehme der Sitaution ist förmlich spürbar. Die Regisseure Andrés und Roel, die ihren ersten Langfilm vorstellen, wissen genau, wie sie die Intensität steigern können, den Zuschauer immer tiefer in den Sog von Montses Wahn hineinziehen müssen (wie auch sukzessive die Rolle von Montse immer größer wird, während die „Kleine“ zunehmend in den Hintergrund und nur noch als Warnerin in Erscheinung tritt).

Und auch der Restcast ist bemerkenswert – Hugo Silva („Witching & Bitching“, „The Body – Die Leiche“) ist, obwohl fast permanent ans Bett gefesselt, intensiv (und sein Fluchtversuch am Ende… shudder), Nadia de Santiago, beliebte Fernsehdarstellerin in Spanien, ist mit ihrer versuchter Offenheit gegen Montses starre Phobien, ein guter Gegenpunkt, weiß aber auch, dass sie sich gegen Gomez zurückhalten muss. Luis Tosar („Miami Vice“, „Zelle 211“, „Und dann der Regen“) setzt in seinen Auftritten als Montses halluzinierter Vater Akzente.

Ich kann nur noch mal an jeden FFF-Besucher appellieren: setzt Euch diesen Film auf die Liste, lasst Euch vom Trailer nicht abschrecken, und wenn Ihr nicht aufs Festival geht, schreibt Euch schon heute den Titel auf Eure DVD/BR-Einkaufsliste. Das ist einer der packendsten, intensivsten, eindringlichsten Filme des Jahres, ein großartiges, düsteres, blutiges und melodramatisches Meisterwerk, aus dessen Gesamtbild Macarena Gomez noch einmal heraussticht.

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© 2015 Dr. Acula