Grand theft Parsons
Aus Badmovies.de
USA/UK 2003, 85 min, FSK 16
Regie: David Caffrey
Darsteller: Johnny Knoxville (Phil Kaufman), Christina Applegate
(Barbara), Michael Shannon (Larry), Robert Forster (Stanley
Parsons), Marley Salton (Susie), Gabriel Macht (Gram Parsons)
Anfang der 70er Jahre - der Country-Rock-Musiker Gram Parsons
reicht drogenbedingt, aber wenigstens im Motelbett mit einem
hübschen jungen Ding, den Löffel. Dies ruft seinen Road Manager
Phil Kaufman auf den Plan, denn die beiden hatten einen Pakt
abgeschlossen - der, der zuerst stirbt, wird vom anderen in die
Wüste gefahren und dort in einer eher naturalistischen Zeremonie
verbrannt. Und Kaufman gedenkt, sein Versprechen einzulösen. Das
ist nur gar nicht so einfach, weil "Road Manager sein" im
Normalfall nicht als Begründung dafür reicht, sich eine Leiche
unter den Nagel zu reißen. Aber als Road Manager ist man
erfinderisch - Phil rekrutiert den zugedröhnten Hippie Larry, denn
der besitzt einen Leichenwagen. Tatsächlich geht der Leichenklau
trotz unfreiwilliger Sabotageakte Larrys vergleichsweise glatt über
die Bühne (zumal Larry nicht ahnt, dass jemand überhaupt und wer
genau in dem Sarg liegt), aber Phil und Larry haben gleich zwei
verfolgende Parteien am Hals: Parsons Vater Stanley, der sich den
verblichenen Sohnemann nicht so einfach unter'm Hintern wegklauen
lassen will, und Parsons Ex-Freundin Barbara, die sich mit einem
handgeschriebenen "ich vermache alles Barb"-Zettel-Testament
hausieren geht, ohne einen amtlichen Beweis für Grams Ableben aber
nicht an dessen Knete kommt...
Der Film: Sunfilm scheint sich seit neustem der Aufarbeitung der
alternativen Subkulturen der 60er bis 80er Jahre verschrieben zu
haben, denn nach der Comic-Adaption American Splendor und dem
Beat-Film "My Dinner with Jimi" drängt nun schon wieder etwas
alternativ-subkulturelles und auf einer wahren Begebenheit
basierendes Filmwerk aus dem gleichen DVD-Stall auf den Markt.
Das erstaunlichste am Film hab ich ja schon grad beiläufig erwähnt
- er basiert auf einer realen Begebenheit. Kaufman und Parsons sind
"historische" Figuren - Kaufman ist ein legendärer Road Manager,
der u.a. mit den Rolling Stones tourte und Parsons war ein
einflußreicher Musiker, Freund der Stones, zeitweises Mitglied der
Byrds und Gründer der Flying Burrito Brothers und derjenige, der
Country Music und Rock miteinander verband. Der echte Phil Kaufman
(der in diesem Film einen Cameo-Auftritt in der letzten Szene hat)
hatte wirklich mit Gram Parsons einen solchen Begräbnis-Pakt
geschlossen und umgesetzt und kam dafür mit einer läppischen
Geldstrafe davon (und die bezog sich hauptsächlich darauf, dass er
den Wert des Sargs ersetzen musste). Aber nur dadurch, dass es sich
um die Verfilmung eines realen Ereignisses handelt, macht das den
Film natürlich nicht automatisch gut. Und leider, obwohl ich den
Film eigentlich von Haus aus gut finden wollte - er ist's leider
nicht durchgehend. Er hat vereinzelt gute Szenen, sowohl
dramatischer als auch (die besseren und zahlreicheren)
komödiantischer Natur, aber er spielt sich trotz seiner kurzen
Laufzeit von gerade mal 78 Minuten ohne Abspann (und es ist ein
LANGER Abspann) ziemlich langatmig. Dem Script in seiner
vorliegenden Form fehlt die Substanz für einen Abendfüller - man
merkt, dass vor allem die witzigen Situationen arg gestreckt
werden, einzelne Gags förmlich minutenlang ausgewalzt oder
antelegrafiert werden (kein Wunder, dass gerade die kurzen,
spontaneren Jokes erheblich besser zünden). Film und Script plagen
ein Strukturproblem - sie steigen "zu spät" in die Story ein (mit
Grams Tod) - wir haben vorher weder Gram noch Phil kennen gelernt,
wir haben keinen emotionalen Bezug zu den Figuren und, vor allem,
wir erkennen keinen emotionalen Bezug zwischen den Figuren. D.h.
als Zuschauer erschließt sich mir nicht, warum es für Phil so
wichtig ist, sein Versprechen zu erfüllen, da wir keine Ahnung
haben, wie wichtig die Freundschaft für ihn und Gram war - der Film
versucht das immer wieder beiläufig durch Dialoge zu rechtfertigen,
aber über weite Strecken kommt Phil nicht als Freund, der seinem
Kumpel einen letzten Wunsch erfüllen will, sondern vielmehr wie ein
ziemlich selbstsüchtiger Bastard rüber, dem es völlig wurscht ist,
ob auch noch andere Personen (wie der völlig "unschuldige" Larry,
dem er erst spät und auch dann unfreiwillig reinen Wein einschenkt)
in die Misere hineingezogen wreden. Das macht ihn nicht unbedingt
zum Sympathieträger (dafür schneidet ironischerweise Grams Vater,
der im "echten Leben" wohl nicht so verständnisvoll war wie in
dieser Filmfassung, besser ab). Die Höhepunkte des Entertainments
kommen daher, wen wundert's, nicht von Phils Charakter her, sondern
von den Nebenfiguren, vor allem Larry und Barbara (dazu sag ich
noch was bei der Schauspielerkritik, aber, das sagt ja das Wort
"Nebenfiguren", es sind eben nicht die zentralen Charaktere, und da
wir uns prinzipiell wohl um Phils Seelenheil sorgens ollen bzw.
wenigstens mit ihm sympathisieren, muss ich dem Film eine
Themaverfehlung bescheinigen, denn ans Herz wächst einem Phil
Kaufman bis zum Ende nicht.
Der Regiejob ging, etwas überraschend bei eine sehr amerikanischen
Thematik, an den Briten David Caffrey, der sich bis dato neben
TV-Arbeit durch die Komödien "Divorcing Jack" und "On the Nose"
einen kleinen Namen gemacht hat (allerdings nicht in unseren
Breiten). Ich weiß nicht, ob Caffrey die richtige Wahl ist - seine
Inszenierung ist jedenfalls sehr bieder und konventionell
ausgefallen; für das doch eher subversive Thema hätte ich mir einen
etwas flippigeren Regiestil gewünscht; hätte ja nicht gleich
Tarantino oder Oliver Stone sein müssen, aber ein bisschen mehr als
nur bloßes Abfilmen wäre doch ganz nett gewesen. Caffrey bekommt
nie Tempo in den Plot, jenseits einiger schöner
Landschaftsaufnahmen von Robert Hayes (der sonst B-Action und
biedere TV-Kost fotografiert) tut sich da wenig von visuellem
Interesse. Zwar hat Caffrey bewiesen, sowohl Comedy als auch Drama
zu beherrschen (zumindest sagt das seine Filmographie), aber er
gestaltet den Film letztlich sehr uneinheitlich; klar, das Script
hat sowohl dramatische als auch komödiantische Bestandteile , aber
man kann sich darauf verlassen, dass Caffrey die dramatischen
Elemente "underplayed", d.h. sie nicht intensiv genug rüberbring,
die Comedy als Ausgleich dafür "heavy-handed" antelegrafiert.
Dass "Grand Theft Parsons" letztlich trotz der Schwächen noch
ansehbar gerät, liegt an den guten Darstellern. Ex-"Jackass" Johnny
Knoxville war dabei sogar nur zweite Wahl für die Rolle des Phil
Kaufman - ursprünglich war Hugh Jackman (!) vorgesehen, der dann
aber aus terminlichen Gründen (er war mit der
Multi-Mio-Geldverschwendung "Van Helsing" beschäftigt...) absagen
musste. Kann man eigentlich ganz froh sein, denn Knoxville ist
durchaus der richtige Mann am richtigen Ort, bzw. er wäre es, wenn
die Rolle ihn fordern würde. Leider hat er die meiste Zeit über
nicht mehr zu tun als auf dem Beifahrersitz des Leichenwagens zu
hocken, ein verkniffenes Gesicht zu machen und gelegentlich seinen
Hippie-Chauffeur zurechtzuweisen. Knoxville KANN komisch sein, das
hat er in "Walking Tall" bewiesen, aber hier verschwendet er sich,
was, wie gesagt, schade ist, da die Rolle an sich für ihn
geschaffen ist.
Die Nebendarsteller haben, wie auch schon erwähnt, mehr
Gelegenheit, sich auszuzeichnen und tun dies auch reichlich. Das
trifft auch auf Michael Shannon ("8 Mile", "Bad Boys II") als Hippie
Larry zu, der sowohl einige der besten Lacher verbuchen kann als
auch die beste dramatische Wirkung erzielt (auf ihn bzw. seinen
Charakter scheint das ganze Spektakel nämlich eine katharsische
Wirkung auszuüben, wie man sie eigentlich eher beim zentralen
Charakter erwarten würde). Wunderbar fies und böse ist Christina
Applegate - die einstige Dumpfbacke aus der "schrecklich netten
Familie" zieht als geldgeile Barbara alle Register und ist wirklich
himmlich hassenswert. Sehr unterhaltsame Performance. Nicht zu
vergessen Robert Forster ("Jackie Brown", "Mulholland Drive", "Das
schwarze Loch") als Grams Vater, der ebenfalls einige sehr schön
nuancierte Szenen zu spielen hat.
Bildqualität: Sunfilm annonciert den Film als 2.35:1-Widescreen
anamorph, was aber nicht stimmt - 1.78:1 ist richtig. In dem Fall
keine große Sache, da's kein episches Kino a la "Herr der Ringe"
ist, sondern nur ein kleines Road Movie, sollte aber erwähnt sein.
Die Bildqualität selbst ist sehr schön, lebendige Farben, gute
Schärfewerte, angenehmer Kontrast, unauffällige Kompression. Das
Bild ist absolut verschmutzungs- und störungsfrei und sogar mein
Sunfilm-Scheiben bekannt kritisch gegenüberstehender Scott-Player
machte keinerlei Mucken.
Tonqualität: Drei Tonspuren stehen zur Auswahl, deutscher Ton in
dts und Dolby 5.1, englischer O-Ton in Dolby 5.1. Natürlich habe
ich mich auf den O-Ton konzentriert. Der ist von vorzüglicher
Sprachqualität, vielleicht insgesamt ein wenig zu leise in den
Dialogen, aber dafür recht angenehm abgemischt. Der Country- bzw.
"americana"´-(wie-man-das-heute-wohl-nennt)-lastige Soundtrack
kommt gut zur Geltung. Optionale deutsche Untertitel sind
selbstverständlich.
Extras: An Bonusmaterial liefert Sunfilm nicht gerade die Welt - es
gibt den Originaltrailer, Biographien für Knoxville, Applegate und
Gram Parsons (!) sowie auf einigen Texttafeln Hintergrundinfos zum
realen "body snatcher"-Fall Phil Kaufman/Gram Parsons.
Fazit: "Grand Theft Parsons" ist ein Film, der's relativ schwer
haben wird, sein Publikum zu finden. Als reines Road Movie an sich
wird's vielen Zuschauern eher zu langweilig sein, als Fußnote der
Rock'n'Roll-Geschichte ist er wohl am ehesten für die Klientel
interessant, die sich generell für diese Epoche, ihre Musik, ihre
Stars und ihre Laster interessiert. Doch auch die werden
möglicherweise enttäuscht sein, weil die Geschichte dafür wieder zu
allgemein ist - wir erfahren nicht genug ÜBER die Charaktere, wir
sehen ihnen einfach nur zu, ohne wirklich in die Story
hineingezogen zu werden. Eine arg konventionelle Inszenierung trägt
nicht zur Freudensteigerung bei. Wären nicht die sehr guten
darstellerischen Leistungen von Shannon, Applegate und Forster
(Knoxville ist nicht schlecht, aber er hat halt zu wenig zu tun),
ich wüsste nicht recht, wie ich den Film überhaupt empfehlen
sollte. Irgendwie plagt mich das Gefühl, dass man aus der Story
hätte wesentlich mehr machen können...
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