Herr Lehmann
Aus Badmovies.de
Deutschland 2003, 105 min
Regie: Leander Haußmann
Darsteller: Christian Ulmen (Herr Lehmann), Katja Danowski
(Katrin), Detlev Buck (Karl), Janek Rieke (Kristall-Rainer),
Uwe-Dag Berlin (Jürgen), Martin Olbertz (Marco), Hartmut Lange
(Erwin), Annika Kuhl (Heidi), Tim Fischer (Sylvio), Michael Beck
(Klaus)
Berlin, Herbst 1989. Herr Lehmann ist eine Insitution in Kreuzberg
36, dem skandalumwitterten Teil von Berlin (West), wo Punker, Alkis
und sonstige asoziale Elemente ihr Unwesen treiben. Lehmann ist
knapp dreißig und gebürtiger Fischkopp, äh, Bremer (wohl dem Bund
entflohen) und reichlich perspektivlos. Er arbeitet in einer
abgefackten Kneipe hinterm Tresen und ist bester Kumpel von Karl,
bildender Künstler und Tresenmann einer anderen Berliner Kneipe. So
lebt er ziellos, aber halbwegs glücklich, in den Tag hinein, bis...
naja, bis eigentlich gar nix. Eines schönen Tages kündigen Lehmanns
Eltern ihren Besuch an, was insofern kein Problem wäre, hätte er
nicht vorgeschwindelt, er sei Geschäftsführer eines großen
Restaurants. Außerdem lernt er die Köchin Katrin kennen, in die er
sich, wie kann es anders sein, heftigst verliebt und in deren Bett
er auch schnell landet, auch wenn sich Katrin nicht sicher ist, ob
sie in Lehmann nun verliebt ist oder ihn liebt, was nach ihrer
Ansicht gravierende Unterschiede sind. Nach einem eher desaströsen
Trip in die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik
"überschlagen" sich die Ereignisse - Karl verfällt einem
bildhübschen prävernissagalen Nervenzusammenbruch und Katrin wird
Lehmann untreu... und noch dazu proben die Ossis den
Aufstand...
Sven "Element of Crime" Regeners Debütroman "Herr Lehmann"
avancierte schnell zum Kult - klar, daß eine Verfilmung, noch dazu,
wo irgendwie DDR-bezogene Themen (auch wenn das hier nur eine
absolut untergeordnete Rolle spielt) und 80er-Nostalgie schwer in
sind, verfilmt werden mußte. Dabei herrschte durchaus Zweifel, ob
der Roman überhaupt verfilmbar sei, Zweifel, die Leander Haußmann,
der uns schon mit Sonnenalleezum Lachen brachte, von der
ersten Szene an mit aller Macht ausräumt. Herr Lehmann, und
da lehne ich mich einfach mal aus dem Fenster, ist auch in Filmform
Kult - eine hübsche alltägliche Geschichte mit dem ganz besonderen
Prä-Mauerfall-SO-36-Lokalkolorit, garniert mit Sven Regeners (der
auch das Script schrieb) schlichtweg geilen Dialogen und von einem
überaus sympathischen und witzigen Cast perfekt getragen. Man
konnte sicher skeptisch sein, ob MTV-Moderator Christian Ulmen
einer schauspielerischen Herausforderung wie dieser gewachsen sein
würde, aber Ulmen ist einfach blendend, stets glaubhaft, immer
überzeugend - auf Detlev Buck ist eh immer Verlaß (obgleich ich ihm
heftigst wünsche, daß die ihn zierende Plauze nicht ihm, sondern
einem Make-up-Künstler gehört). Katja Danowski hätte ich mir
vielleicht etwas lebhafter gewünscht, in den Dialogduellen mit
Ulmen bleibt sie zwar klare zweite Siegerin, aber schlecht ist es
beileibe nicht, was Danowski abliefert. Dazu gesellt sich ein
hervorragendes Ensemble für die Nebenrollen, aus dem Hartmut Lange
und Karsten Speck herausragen.
Auch wenn man gewisse Gemeinsamkeiten in der Wahl der Stilmittel
mit Sonnenallee nicht von der Hand weisen kann, so
widerstand Haußmann der Versuchung, das Erfolgsrezept des
Ostalgie-Films nur "westlich" zu kopieren - Herr Lehmann ist
deutlich schräger und irrwitziger (ich sage nur: Star Wars),
hat noch zündendere Dialoge (übrigens mischt "Sonnenallee"-Autor
Thomas Brussig in einer hübschen Gastrolle als DDR-Zöllner mit; und
einen klitzekleinen Crossover konnte sich Haußmann nicht
verkneifen), und verbindet noch besser als Sonnenallee
blanke (aber immer intelligente) Komödie mit tragikomischen und
puren tragisch-dramatischen Elementen - man könnte vielleicht
mosern, daß die meisten wirklichen Brüller an Gags, die mir mehr
als einmal das Wasser in die Augen trieben, in der ersten
Filmhälfte stecken und sich der Fokus des Films gen Ende mehr zur
"reinen" Tragikomödie verschiebt, aber das wäre Erbsenzählerei.
Herr Lehmann ist ein beinahe perfektes Filmerlebnis zum
Lachen, Mitfühlen und Verstehen - ein absolut zu empfehlendes, dazu
noch enorm quotables Stück zeitgeschichtlicher Unterhaltung - so
wie damals wird's nie mehr. Unbedingt reingehen!
Nicht zu vergessen sei, last, but not least, der exzellente
Soundtrack, der von gutem Geschmack zeugt - anstatt irgendwelcher
belangloser 80er-Mucke (ja, ich weiß, die kann auch gut sein :-))
zieren den Soundtrack neben - natürlich - Songs von Element of
Crime hauptsächlich solche von den Eels, den Violent Femmes, Ween
und Cake. Nicht die allerschlechteste Mischung - macht auch den
Soundtrack zu einem unverzichtbaren Tondokument...
Wiederhole nochmals. Uneingeschränkte Empfehlung des Hauses!
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