In this World
Aus Badmovies.de
Regie: Michael Winterbottom
Darsteller: Jamal Udin Torabi, Enayatullah
Jamal, ein sechzehnjähriger Afghane (und, für die Langsammerker,
wir reden von einem Bewohner Afghanistans und nicht von einem
Windhund), lebt mit seiner Familie in einem Flüchtlingscamp nahe
Peshawar in Pakistan und träumt davon, zu einem Familienangehörigen
(sorry, hab vergessen, was für einem) nach London zu ziehen.
Tatsächlich findet sich mit seinem Onkel Enayat jemand, der sich
gemeinsam mit ihm auf den gefährlichen Landweg machen will. Für
teuer Geld vertrauen die beiden Flüchtlinge sich einem Schleuser
an. Der erste Versuch endet, nach dem sie dort Kontakt mit einem
wenig vertrauenserweckenden Schlepper knüpfen, im Iran an einer
Polizeikontrolle. Enayat gibt nicht auf, legt noch mal einiges an
Kohle nach und erkauft einen zweiten Anlauf. Auf ihrer Reise werden
sie von einem Menschenschmuggler zum nächsten gereicht, doch sie
treffen nicht nur kriminelle Elendsprofiteure, sondern auch
hilfsbereite Menschen. Dennoch droht der Trip in einer Tragödie zu
enden.
Der Film: Furchtbar gut gemeintes Betroffenheitskino der
englischen Regiewundertüte Michael Winterbottom ("Butterfly Kiss",
"Welcome to Sarajevo", "Wonderland"). Damit könnte man's eigentlich
bewenden lassen. In seinem dokumentarischen Spielfilm (oder
fiktiver Dokumentation?) will Winterbottom das Augenmerk des
Publikums auf das Schicksal von hunderttausenden Flüchtlingen
lenken, die sich in die Hände zwielichtiger Schlepper- und
Schleuserbanden begeben und für die die Reise in eine vermeintlich
bessere Zukunft oft genug tödlich (oder an den immer
undurchlässiger werdenden Grenzen der Europäischen Union) enden.
Das ist, wie schon erwähnt, sehr lieb gemeint und auch ein
legitimes, wichtiges Anliegen, aber ob Winterbottoms Film der Sache
letztlich dienlich ist, würde zumindest meine Wenigkeit (trotz der
dank political-correctness allenthalben zugesprochenen Preise wie
dem Goldenen Bären bei der Berlinale 2003) mit einem entschiedenen
"ich weiß nicht recht" bedenken.
Was mich an "In this World" stört, ist die Machart des Films - ich
habe rein grundsätzlich ein Problem mit, ich bleib mal bei dem
Ausdruck, fiktiven Dokumentationen (wenn's nicht grad reinrassige
Mockumentarys wie "This is Spinal Tap" sind) - irgendwie sind
solche Filme Mogelpackungen. Sie gaukeln Authenzität vor und sind
doch nur gespielt; und das schwächt die Wirkung doch deutlich ab.
Auch wenn Winterbottom mit Laiendarstellern drehte, die
größtenteils sich selbst spielten und es kein festes Script,
sondern hauptsächlich improvisierte Dialoge gab (dass die
Drehbedingungen selbst sehr abenteuerlich waren, ergibt sich aus
dem Bonusmaterial), das alles scheint mir das grundlegende Dilemma
des Films nur zu verstärken. "In this World" ist ein Spielfilm, der
so tut, als wäre er eine Dokumentation und das mißfällt mir einfach
grundsätzlich (dieses Gefühl wird noch dadurch gesteigert, dass der
Streifen in den ersten zwanzig Minuten die "Spielhandlung" für ein
paar politische Kommentare eines Erzählers unterbricht). Das mag
taz-Feuilletonisten und Festivalsjuroren begeistern, lässt mich
aber, trotz durchaus vorhandener Empfänglichkeit für schwere Kost
(vgl. "Lilja 4-Ever") oftmals einfach nur kalt. Zweifellos hat "In
this World" herausragende Szenen, aber sie sind zu verstreut über
die quälend langsam verstreichenden 86 Minuten Laufzeit und keine
einzige Sequenz erreicht so die Wirkung eines schweren Schlags in
die Magengrube wie der gerade schon als Vergleich herangezogene
"Lilja 4-Ever" (der zwar auch durch einige Stilmittel
dokumentarisches Flair erreicht, aber seine Spielhandlung nie
verleugnet).
Stilistisch zieht Winterbottom alle Register des klassischen
Dokumentarfilms, also zappelige Handkamera gemischt mit
majestätischen Landschaftsaufnahmen, verliert sich aber
inszenatorisch ab und zu in Nebensächlichkeiten (manchmal kann man
die als character moments durchgehen lassen, oft aber wirken sie
einfach nur deplaziert, so z.B. wenn Jamals späterer Fluchthelfer
Yusif sich ein Schachtel Zigaretten kauft. So what? Warum sollte
ich das sehen?). Einige (zu wenige) Szenen sind von fast
anrührender Poesie, andere (eigentlich nur eine) wirklich
beklemmend, oft aber bleibt das Gezeigte vergleichsweise
nichtssagend und mehr als einmal scheinen sich Winterbottom und
sein Kameramann zu sehr auf die Wirkung der schon erwähnten
Landschaftsaufnahmen zu verlassen - zumal dem Streifen letztlich
eine echte Aussage, die über "Flüchtling zu sein ist schlimm"
hinausgeht (und das ahnte ich schon vorher), fehlt (ja, mir ist
auch klar, dass es Winterbottom um ein Einzelschicksal geht, aber
es fehlt mir einfach der Punkt, die zentrale These, die der Film
aufstellen will). Gelungen ist die musikalische Untermalung, die
die komplette Bandbreite von arabischen Pop über symphonische
Themes bis hin zu Ethno-Sounds von Nusrat Fateh Ali Khan alles
aufbietet.
Das Spiel der Laiendarsteller ist größtenteils überzeugend, nur
zum Ende hin scheint mir Jamal sich etwas zu klar darüber gewesen
zu sein, nur in einem Film zu agieren, da erscheint mir die ein
oder andere Nuance seines Spiels nicht mehr glaubhaft zu
sein.
Bildqualität: Wir brauchen bei Sunfilm ja gar nicht mehr groß
herumreden - die Qualität des anamorphen 2.35:1-Widescreen-Prints
ist gutklassig, wobei viele Szenen wohl aufgrund des verwendeten
Filmmaterials (ich schätze mal, dass es sich größtenteils um auf
35mm aufgeblasenes Video handelt, ohne das näher recherchiert zu
haben) sehr grobkörnig wirken. Detail- und Kantenschärfe bewegen
sich auf einem unter Berücksichtigung des Quellmaterials sehr guten
Niveau, die Kompression ist überdurchschnittlich, könnte aber noch
eine Idee besser sein, der Kontrast ist durchschnittlich.
Tonqualität: Fünf Tonspuren, also wieder Auswahl satt, wobei ich
unbedingt zur Originalfassung raten möchte (Paschtu, Farsi,
Englisch, gut - optional - untertitelt, wahlweise in Dolby 5.1 bzw.
2.0), da die deutsche Fassung (in den genannten Formaten zuzüglich
dts) keine Synchronfassung darstellt, sondern schlicht der O-Ton
übersprochen wird (von einem einzigen Sprecher), was schon wenige
Minuten der DF zu einer argen Zumutung und Nervenzerreißprobe
macht. Die Qualität der Tonspuren selbst ist ausgezeichnet.
Extras: Neben einer Diashow, dem Trailer und einer Biographie von
Michael Winterbottom findet sich als Herzstück auf der Scheibe ein
31-minütiges Making-of mit diversen Impressionen vom Dreh, wobei
das Interessanteste daran ist, dass dieses Feature mit einem (nicht
abschaltbaren) Audiokommentar von Michael Winterbottom und seinem
Autor Tony Grisoni versehen ist (deutsch untertitelt), der sehr
informativ geraten ist und einiges über Hintergründe und
Problematiken beim Dreh verrät. Mithin das beste an der
Scheibe.
Fazit: "In this World" hat zweifellos ein hehres Anliegen - das
alltägliche, fast vergessene Drama der Millionen Menschen, die sich
auf der Flucht vor Kriegen, Hunger etc. befinden und ums Überleben
kämpfen, verdient unsere Aufmerksamkeit. Allerdings lässt mich der
Film über weite Strecken seltsam unberührt (am meisten an die
Nieren ging mir noch eine Szene, in der eine Kuh geschlachtet wird
- sozusagen Tiersnuff -, und das hat mit dem Thema des Films doch
nur eher untergeordnet was zu tun). Ich bleibe dabei: die
Entscheidung, entweder eine Dokumentation ODER einen Spielfilm zu
drehen, wäre angebracht gewesen. Für einen Spielfilm ist "In this
World" zu langatmig und aufgrund der oftmals sperrigen Machart zu
unzugänglich (ich musste wirklich mit mir kämpfen, aufmerksam vor
der Glotze zu bleiben und mich nicht dem "Spiegel" o.ä. zu widmen).
In Punkto DVD-Umsetzung liefert Sunfilm einmal mehr saubere Arbeit
ab - das große Manko der DVD ist die plump übersprochene deutsche
Fassung, und ob für die das Label oder schon der Filmverleih
zuständig war, kann ich nicht beurteilen.
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