Infernal Affairs II
Aus Badmovies.de
Regie: Andrew Lau, Alan Mak
Darsteller: Anthony Wong (Inspektor Wong), Eric Tsang (Sam),
Francis Ng (Hau Ngai), Edison Chen (Lau), Shawn Yue (Yan), Carina
Lau (Mary), Hu Jan (Inspektor Luk)
Hongkong 1991 - Kwun, der Oberchef der Triaden, wird erschossen.
Doch zum erwarteten (und von manchen Beteiligten vielleicht
erhofften) Machtkampf unter den fünf untergeordneten Bandenchefs
kommt es nicht, weil Kwuns Sohn Hau Ngai zu allgemeiner
Überraschung, speziell zu der der Bosse, die durchaus auf die
Chance zur Selbständigkeit lauernden Unterchefs mit harter Hand auf
Spur bringt und das Erbe seines Vaters "würdig" antritt. Sam, einer
der fünf "Unterbosse" schleust prophylaktisch den Spitzel Lau in
die Polizei ein und zur gleichen Zeit engagiert Inspektor Wong Yan,
einen unehelichen Sohn Kwuns, als Maulwurf, um sich durch die
familiäre Beziehung in der Hau-Bande nach Beweismaterial gegen den
nach außen hin als Biedermann auftretenden Hau zu fahnden. Jahre
vergehen - Lau arbeitet sich in der Polizei hoch und Yan wird
tatsächlich zum Vertrauten seines Halbbruders, der nun beschließt,
die "Unterbosse" zu beseitigen. Sams Frau Mary fürchtet, dass Hau
auch Sam selbst (der, um die Sache zu verkomplizieren, auch ein
guter Freund von Inspektor Wong ist) ausschalten will...
Der Film: "Infernal Affairs" erwies sich 2002 als Kassenknüller
lange nicht mehr gesehenen Ausmaßes im HK-Film - die Mitwirkung
diverser Superstars wie Andy Lau und Tony Leung sowie der für
HK-Filme eher ungewöhnliche Approach, anstatt auf blutrünstige
bleihaltige Auseinandersetzungen oder Kung-fu-Kloppereien zu
setzen, einen atmosphärisch dichten, ausgezeichnet geschriebenen
Cop-Thriller klassischer Hollywood-Machart zu drehen, bescherte dem
Film nicht nur immensen Reibach an den Kinokassen, sondern auch
eine ganze Latte von Preisen und Auszeichnungen. Und da die
Filmindustrie der ehemaligen Kronkolonie auch nicht grundsätzlich
anders funktioniert als in anderen Teilen der Welt, stand schnell
fest - ein Sequel muss her. Die cleveren Produzenten-Strategen
machten sich die Rechnung auf, dass nur eins besser ist als eine
Fortsetzung, nämlich ZWEI Fortsetzungen und liessen in
rekordverdächtiger Zeit "Infernal Affairs II" und "Infernal Affairs
III" drehen. Was in Hollywood allerdings zwangsläufige Rückschlüsse
auf die Qualität der Endresultate zuließe, kann in HK, wo man ja
sowieso schneller arbeitet als in Amerika, durchaus noch
erfreuliche Ergebnisse bringen. Nun könnte sich der ein oder andere
fragen, wie man "Infernal Affairs" fortsetzen und dabei alle
Charaktere im Spiel behalten könnte (immerhin gab's im ersten Teil
ja den ein oder anderen Verlust unter den Rollengestalten).
Hongkong-Kino setzt da gerne auf die Karte "Prequel" ("A better
tomorrow" fällt da ein). Und so erzählt Teil 2 die Vorgeschichte zu
"Infernal Affairs".
Das verursacht aber, wie so oft, Probleme - die ganz große Stärke
von "Infernal Affairs" war nämlich, wie schon angedeutet, sein
extrem dichtes Script, das ohne Überflüssigkeiten auskam und eine
für die Verhältnisse des HK-Kinos sehr simple, geradlinige
Geschichte erzählte. Im Bestreben, die Charaktere und ihre
Beziehungen untereinander zu erweitern, das ganze Storykonstrukt zu
vertiefen und Hintergründe zu beleuchten (wenn man böse wäre,
könnte man sagen, dass "Infernal Affairs I" gerade durch den
Verzicht auf diesen Ballast so gut funktionierte), verheddert sich
der Streifen in einem konfusen Wirrwarr, dem gerade die kompakte
Struktur des ersten Teils in kaum zu beschreibender Weise fehlt.
Salopp gesagt - der Film erklärt sich zu Tode.
Im Bestreben, die zentrale Frage des ersten Films - "Wer ist der
'Gute', wer der 'Böse'", versinnbildlicht eben durch Lau, den
Verbrecher im Cop-Gewand, der eigentlich nur ein guter Mensch sein
möchte, und Yan, den Cop in Gangster-Kreisen, der selbst nicht mehr
weiß, zu wem er gehört - in einen breiteren Kontext zu setzen,
überhebt sich der Film gewaltig. Sam, im ersten Film ein
skrupelloser Gangster, dem ein Mord unter Freunden nichts bedeutet,
wird von "Infernal Affairs II" fast schon zum Helden (auf jeden
Fall aber zum sympathischten Charakter des Films) stilisiert,
während Wong, der aufrechte Gesetzeshüter aus Teil 1, im Prequel zu
einem nahezu blindwütigen Fanatiker, dem der Zweck jedes Mittel
heiligt, verkommt. Stichwort "verkommen" - beinahe zu
Nebencharakteren verkommen die beiden zentralen Gestalten des
ersten Films, Yan und Lau - deren Charakter-Erweiterungen bringen
nichts, sie blähen den Film nur auf. Indem Lau eine tragische
Liebesgeschichte zu Sams Frau und Yan die halbkriminelle
Familienvergangenheit angedichtet wird, gewinnt die Story nicht an
zusätzlicher Tiefe, sondern ergibt sich mehr oder weniger kampflos
den Klischees, die "Infernal Affairs" überwunden hatte -
undurchschaubare Beziehungsgeflechte, ablenkende Subplots, unnötige
Verkomplizierungen der Story. Die Folge: statt dass der Plot wie im
ersten Teil mit der Präzision und Konsequenz einer Schweizer Uhr
abläuft, versumpft "Infernal Affairs II" in seinen zahllosen
Verästelungen, einem uneinheitlichen Script, das irgendwie beliebig
hin- und herspringt und verspielt damit beinahe alle Spannung und
Dramatik, ohne dadurch auch nur ein Fitzelchen an "Infernal Affairs
I" zu verbessern (ein paar halbseidene und -herzige politische
Anspielungen auf die Übergabe der Kronkolonie an die Volksrepublik
China fallen auch in den Bereich der "überflüssigen Aufblähungen").
Optisch bleibt das Regie-Team Andrew Lau/Alan Mak seiner Linie aus
dem ersten Teil treu - dunkle Hochglanzbilder von teilweise
wirklich beeindruckender Güte, aber die erkennbaren Schwächen des
Scripts lassen sich allein durch visuelle Ambition nicht
übertünschen. Den Regisseuren gelingt es nicht, die zu ausufernde
Story in ihre Grenzen zu verweisen und den Film vorwärts zu
treiben. Auch die Tatsache, dass der Streifen wesentlich härter und
blutiger ist als Teil 1 (ohne dabei in ein Bodycount-Festival
auszuarten), bringt im Vergleich zum Vorgänger keine Verbesserung -
keine einzige Szene kommt in ihrer Intensität und Wirkung an die
besten Momente des ersten Teils heran. Im Gegenteil: es macht den
Streifen austauschbarer, eher zu einem "gewöhnlichen"
Triaden-Thriller von der Stange, der das Glück hat, eine bessere
Besetzung als die meisten Standard-Gangsterfilme "made in Hongkong"
zu haben (gleich noch zu den Darstellern ein Wort). Ein paar wenig
überzeugende Digitaleffekte sind noch auf der Soll-Seite zu
vermelden, auf der Haben-Seite findet sich ein guter und für
HK-Verhältnisse ziemlich progressiver Score ein.
Da der Streifen zeitlich bis zu zehn Jahre vor "Infernal Affairs"
angesiedelt ist, mussten einige Rollen umbesetzt werden. Anstatt
des Superstar-Duos Andy Lau und Tony Leung mühen sich nun die
relativen Newcomer Edison Chen ("Gen-Y Cops") und Shawn Yue ("Just
One Look") in den von den berühmten Vorbildern geprägten Rollen.
Obschon man ihnen mangelnden Einsatz kaum unterstellen kann, muss
man konstatieren, dass ihnen das Charisma, die Ausstrahlung, die
Präsenz von Lau und Leung abgeht. Chen und Yue sind (noch) keine
Charakter-Darsteller, sondern das Äquivalent zu
Calvin-Klein-Unterhosen-Models (insofern wundert es kaum, dass
beide ihren Hintergrund in der Werbefilm- bzw. Modelszene haben).
Da Chen und Yue sowieso von der Story zu eher beiläufigeren
Randfiguren reduziert werden, braucht der Film ein paar andere
tragende Akteure und wird zum Glück fündig: Anthony Wong (Inspektor
Wong), Vorzeigepsychopath des HK-Kinos ("The Untold Story") und
Eric Tsang (Sam) greifen ihre Rollen wieder auf, wobei ich Wong im
ersten Film motivierter in Erinnerung habe, wohingegen Tsang alle
Register seines Könnens zieht. Ergänzt werden sie durch den in
HK-Filmkreisen auch nicht wirklich unbekannten Francis Ng als
Oberboss Hau Ngai, der eine sehr nuancierte und prägnante
Vorstellung abliefert. Carina Lau ("Project B") spielt die
"Schlüsselrolle" als Sams Ehefrau Mary vielleicht etwas zu
zurückhaltend.
Bildqualität: "Infernal Affairs II" kommt als schön aufgemachtes
Doppel-DVD-Set aus dem Hause mcOne. Auf Scheibe 1 findet sich, wie
nicht anders zu erwarten, der Hauptfilm in 2.35:1-Widescreen
(selbstredend anamorph). Die Qualität des Transfers ist dabei
durchaus als gelungen einzuschätzen - Detail- und Kantenschärfe
sind überzeugend, der Kontrast sehr gut, die Kompression angenehm.
Der kühle, dunkle Neon-Look kommt jedenfalls sehr schön rüber.
Leider haben sich doch, trotz des aktuellen Baujahrs des Streifens,
schon ein paar Verschmutzungen auf dem Print eingefunden und einige
Störblitze sind ebenfalls zu vermelden.
Tonqualität: Fünf Tonspuren werden geboten, wie eigentlich üblich
bei mcOne deutscher und kantonesischer Originalton in Dolby 5.1 und
"Headphone Surround" sowie eine deutsche dts-Spur. Die deutsche
Tonspur ist mir dabei allerdings zu blechern, zu höhenlastig, da
kommt aus dem Tieftonbereich nicht wirklich viel. Die
Sprachqualität ist allerdings ausgezeichnet. Die HK-Tonspur klingt
insgesamt natürlicher, aber etwas dumpf. Deutsche Untertitel werden
natürlich mitgeliefert, ebenso solche für Hörgeschädigte.
Extras: Wenn's schon 'ne zweite Scheibe nur für Zusatzgoodies gibt,
sollte hier ja einiges zu notieren sein. Auf Disc 1 finden sich
noch der deutsche und der kantonesische Trailer sowie der (optional
deutsch untertitelte) Audiokommentar mit den Regisseuren, dem Autor
und einigen Hauptdarstellern. Auf Disc 2 geht's weiter mit dem
Making-of, das in zwei Varianten angeboten wird - eine ca.
22-minütige Featurette, die hauptsächlich aus Interviews mit den
Darstellern und dem Drehbuchautoren besteht und eine in vier
Segmente unterteilte weitere Featurette, von denen nur der erste
Teil nicht auch in der "großen" Featurette beinhaltet ist (in
diesem Part sprechen hauptsächlich die Regisseure über den Film,
während die weiteren Segmente die gleichen Interviews, nur mit
anderen Bildern/Filmausschnitten unterlegt, abspulen). Fairerweise
wird auf die Überschneidungen hingewiesen. Insgesamt sind diese
Interviews zwar auf der euphorischen Seite, beinhalten aber doch
auch einiges an Informationen, die den Film insgesamt
verständlicher machen. Unter "Confidential File" verbergen sich
fünf Minuten unkommentierte, mit Musik unterlegte Impressionen vom
Dreh, vier deleted scenes von insgesamt 10 Minuten Länge, die man
allesamt im Film keinesfalls vermißt, folgen, des weiteren zwei
Minuten Outtakes (eher uninteressant), Teaser und Fernsehwerbespots
sowie eine Artwork-Fotogalerie. Sämtliche Extras sind optional
deutsch untertitelt.
Fazit: "Infernal Affairs", den ersten, hielt ich nicht für die
große Revolution des HK-Kinos, wie so mancher Kritiker und Fan es
sieht, aber zumindest für einen hochanständigen, extrem gut
geschriebenen und souverän gespielten und inszenierten Cop-Thriller
der besseren und für Hongkong ungewöhnlicheren Sorte. Das Prequel
macht leider mindestens anderthalb Schritte zurück und begeht in
beeindruckender Konsequenz praktisch alle Fehler, die der erste
Film vermied - ein aus- und abschweifendes Script, eine nicht so
zwingende Inszenierung und das Fehlen von charismatischen Stars wie
Lau und Leung können die gut aufgelegten Tsang, Ng, und (mit
Abstrichen) Wong nicht kompensieren. Schade, denn mit "Infernal
Affairs" war der HK-Film auf einem guten Weg, sich über seine zwar
loyale, aber doch ein wenig "elitäre" Fanbasis hin in den
sogenannten "Mainstream" zu öffnen - eine geöffnete Tür, die Teil 2
mit Schmackes wieder zuschlägt. mcOnes DVD kann sich von der
Ausstattung her sehen lassen, offenbart aber vor allem im
Audio-Bereich ein paar kleine Schwächen.
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