JCVD

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JCVD

Belgien/Frankreich/Luxemburg 2008, 96 min, FSK n.A.

Regie: Mabrouk El Mechri

Darsteller: Jean-Claude van Damme (JCVD), Francois Damiens (Bruges), Zinedine Soualem (Mann mit Mütze), Karim Belhakdra (der Nachtwächter), Jean-Francois Wolff (der Dreißigjährige), Anne Paulicevich (die Schalterbeamtin), John Flanders (Anwalt der Anklage), Saskia Flanders (JCVDs Tochter), Alan Rossett (Bernstein), Paul Rockenbrod (Tobey Wood), Jesse Joe Walsh (Jeff)

Filmstar Jean-Claude van Damme ist am Ende – für die spärlichen Rollen in unterfinanzierten B-Heulern, die in Bulgarien gedreht werden, muss er sich gegen Steven Seagal durchsetzen, wenn er eine solche Rolle an Land gezogen hat, muss er sich von schnöseligen jungen Hongkong-Regisseuren trotz fortgeschrittenen Alters durch one-take-Actionszenen jagen lassen, im Privatleben verliert er in einem schmutzigen Prozess das Sorgerecht für seine Tochter, und chronisch pleite ist er sowieso. Also beschließt Jean-Claude, in seiner belgischen Heimat neu anzufangen. Kaum gelandet, potenzieren sich seine Probleme noch: weil sein Anwalt ultimativ die Begleichung einer üppigen Honorarnote anmahnt, begibt er sich in eine kleine Vorstadtpostbank und latscht nichtsahnend direkt in einen eh schon recht desaströs verlaufenden Überfall. Widrige Umstände lassen es so aussehen, als wäre es van Damme selbst gewesen, der in seiner Verzweiflung zum Banküberfall mit Geiselnahme schritt, und die wahren Bankräuber lassen die Polizei (und die sich schnell einstellende Menge von Schaulustigen mit van-Damme-Plakaten und –Schlachtrufen) auch tunlichst in diesem Glauben. Während der besonnene Polizist Bruges versucht, die Lage nicht eskalieren zu lassen (und den schießwütigen Chef des Sondereinsatzkommandos im Zaum zu halten versucht), ist van Damme in der Gewalt der Gangster (von denen mindestens einer schwerer Fan des Handkantenschwingers ist) so gar nicht heldenhaft (obwohl auch er versucht, Gewalttätigkeiten zu verhindern), durchleidet Todesqualen und rekapituliert sein völlig verpfuschtes Leben.

Der Film: „JCVD“ gehörte zu den – zumindest von mir – am heftigsten antizipierten Filmen des diesjährigen FFF-Jahrgangs. Spätestens seit vor einigen Monaten der Trailer im weltweiten Web kursierte, konnte und durfte man ausgesprochen gespannt auf das Debütwerk des Regisseurs Mabrouk El Mechri sein (wir erinnern uns: im Trailer stolperte van Damme in ein Casting, in dem ein van-Damme-Darsteller gesucht wurde). Das Schöne an diesem Trailer war, dass er nullkommagarkeine Rückschlüsse auf den kommenden Film zuließ. Würde es ein reines Biopic werden? Eine Komödie? Ein Drama? Am Ende ein satirischer selbstreferentieller Actionfilm? Alles schien drin.

Und nun, hat man den Film gesehen, stellt man fest, es ist auch wirklich alles drin… „JCVD“ verweigert sich einer echten Genrezuordnung, weil er verschiedenste Aspekte zusammenfasst – wir haben eine Thrillerhandlung als Grundgerüst, die aber eigentlich nicht wirklich wichtig ist, wir haben komödiantische Elemente, ohne dass der Streifen zum Brüllen witzig wäre, wir haben große dramatische Momente, ohne dass der Streifen in lächerlichen Pathos verfallen würde, wir haben sogar eine (allerdings gleich an den Anfang gestellte und als „Film im Film“ gemeinte) ausgiebige Actionszene, die sogar technisch beeindruckend umgesetzt wird) und wir haben be- und anrührende Momente, in denen uns Jean-Claude van Damme sehr dicht an sich heranlässt.

Wobei man natürlich eine Differenzierung gleich zu Beginn treffen muss – auch wenn die Filmfigur „JCVD“ ohne Zweifel stark an den realen van Damme angenähert ist, handelt es sich um eine fiktive Figur und demzufolge um einen fiktiven Film; van Damme lässt uns, wie schon erwähnt, sehr nahe heran an sein echtes, unverfälschtes Selbst (zumindest können wir das als Zuschauer vermuten, eine Gewissheit haben wir selbstverständlich nicht), aber alles im Rahmen einer Spielhandlung; die Kunstfigur „JCVD“ und die reale Person vermischen sich, eine klare Trennung zwischen den erfundenen Elementen und den tatsächlichen Ereignissen, die van Damme zu der gebrochenen Persönlichkeit, die er heute ist, gemacht haben, wird nicht vorgenommen, so dass letztlich die Frage, was von dem, was uns van Damme aus seinem Innenleben zeigt, echt ist und was „nur“ Spiel, nicht beantwortet. Insoweit handelt es sich bei „JCVD“ um eine Art Meta-Film, was ganz besonders durch das Herzstück des Streifens gemacht wird, einen ca. fünfminütigen Monolog van Dammes (dem Vernehmen nach improvisiert), in dem dieser sehr emotional seine Karriere und sein in die Brüche gegangenes Leben Revue passieren lässt und in dem El Mechri vollkommen bewusst die sprichwörtliche „fourth wall“ bricht und seinen Hauptdarsteller quasi komplett aus der Filmhandlung heraushebt (und das im Wortsinne) und somit dem Zuschauer eindeutig klar macht, dass das, was van Damme sagt, nicht zur Filmhandlung gehört, sondern an uns, das Publikum, direkt gerichtet ist.

Leider konnten die Autoren (Christophe Turpin, der schon ein ähnlich gelagertes Projekt mit Popsänger Johnny Hallyday und Schauspieler Fabrice Luchini durchgezogen hat, in dem Hallyday seine Kunstfigur „Jean-Philippe“ spielt, und Frédéric Bénudis, der bereits 2003 eine van Damme-Dokumentation realisierte, so dass nahe liegt, wer für welche Parts des Scripts zuständig war) nicht der Versuchung widerstehen, die oberflächliche Thrillerhandlung draufzupacken und dort genre-typische Dynamiken (wie die sich untereinander spinnefeinden Gangster, was vom Helden, in dem Falle van Damme, ausgenutzt wird) einzusetzen; das führt dazu, dass es Phasen gibt, in denen der Titelheld zur Randfigur degradiert wird. Diese Thrillermechanismen sind zweifellos routiniert gesetzt, aber sie lenken von dem ab, was wir als Zuschauer sehen wollen, nämlich eben die Selbst-Dekonstruktion van Dammes (man kann das nun wieder als zusätzlichen künstlerischen Subtext, die Erwartungshaltung des Publikums gerade DURCH eine konventionelle Handlung zu brechen, sehen, aber ich denke, das wäre dann doch deutlich überinterpretiert).

Dass der Streifen keine Komödie im Sinne des Wortes ist, soll natürlich nicht bedeuten, dass es nichts zu lachen gibt; absurde Situationskomik wird immer wieder eingebaut, aber die humorig gemeinten Elemente nehmen nie Überhand, überdecken nie die Absicht, hier ein – wenn auch fiktives, ich weiß, dass ich darauf rumreite – Portrait der Person van Dammes im Rahmen einer Spielfilmhandlung zu liefern. Aber eben alleine auch die Absurdität der Grundsituation an sich lässt es zu, dass manches, was innerhalb des Films bitterer Ernst ist, in der Meta-Sicht hochgradig unterhaltsam ist (so z.B. als van Damme, als die Räuber für die Freilassung der Geiseln über eben van Damme 1 Million Euro fordern, anmerkt, dass das eine lächerliche Forderung ist und improvisiert, dass die Behörden doch bitte auch seine Anwaltsrechnung über 465.000 Dollar begleichen sollen).

Zwischendurch erlaubt sich der Film sogar einige Aus- und Einblicke in die Produktion von B-Movies, in denen Stars des Namens wegen (auch wenn der Stern längst verblasst ist) eingekauft werden und spricht sogar das industrieeigene Tabu der Finanzierung solcher Heuler an (so darf van Damme über ein Angebot, die Hauptrolle in einer 5-Mio-Dollar-Produktion zu übernehmen, grübeln: „1,8 Millionen für mich, 1,2 Millionen für die Produzenten – wovon wollen die den FILM drehen?“; wenn man darüber nachdenkt, wundert’s einen nicht mehr, warum manches van-Damme- oder Seagal-Vehikel der letzten Jahre so aussieht, wie’s aussieht). Auch der Umgang von Agenten mit ihren Kunden wird durchaus kritisch beleuchtet und nicht von ungefähr erlaubt sich der Streifen ein eher bittersüßes Ende (SPOILER SPOILER SPOILER: van Damme landet wegen der erwähnten Anwaltshonorar-Forderung im Knast, findet aber gerade dort sein „Glück“ wieder. SPOILERENDE).

Filmtechnisch bedient sich El Mechri durchgängig eines rauen, dokumentarischen Looks, der wohl nicht zufällig über weite Strecken so aussieht, als wäre eben zufällig ein Kamerateam dabei gewesen. Das ist manchmal etwas stilistisch etwas rumpelig und rucklig, aber eben diesem „mockumentary“-Approach des Films angemessen. Das Tempo ist nicht gerade hoch – „JCVD“ will von seinem Selbstverständnis her kein Spannungskino sein und dürfte daher für diejenigen, die man vorurteilsbehaftet van Dammes „Stammklientel“ nennt, eher eine Geduldsprobe sein (und noch dazu eine, die aus ihrer Sicht nicht unbedingt lohnend ist, weil van Damme nichts treibt, was den Fans seiner Actionklopper als angemessene Gegenleistung für’s Durchleiden von 90 Minuten schwerer Kost dünken sollte); die Thriller-Rahmenhandlung ist da sogar manchmal der eigentlichen Geschichte der van Damme’schen Selbstfindung mehr im Weg, als das sie für Spannung sorgt – ganz ohne spürbare Längen kommt El Mechri nicht aus.

Ich hab mich ja schon vor 20 Jahren weit aus dem Fenster gelehnt (und wurde oft und gern belächelt), aber ich hielt Jean-Claude van Damme schon immer für den Action-Body-Star mit dem größten schauspielerischen Potential. Dass er nie wirklich gefordert wurde (oder, wenn er zu dramatischen Szenen gefordert wurde, nicht den Regisseur hatte, der ihn durch so etwas hätte führen können, vgl. „Cyborg“ und Albert Pyun), außer hin und wieder mal in Doppelrollen schauspielerische Varianz ansatzweise an den Tag legen zu müssen, ist letztlich nicht sein Fehler. In „JCVD“ untermauert van Damme endlich meine steinalte These und legt eine schlicht und ergreifend hervorragende Vorstellung hin – Querulanten könnten anmerken, dass er ja letztlich nur sich selbst bzw. eine an seiner echten Persönlichkeit angelegte Figur spielt, aber wir kennen doch genügend Beispiele für Leute, die damit, sich selbst zu spielen, echt überfordert sind (und ich meine jetzt nicht mal Daniel Küblböck, sondern schon größere Geister). Van Damme legt jedenfalls sehr viel ehrliche Emotion in die Rolle – entweder ist er also doch ein besserer Schauspieler, als die meisten Kritiker meinen, oder, und das wäre nicht minder bewunderungswürdig, er lässt uns noch weiter an den echten van Damme, an seine wahre Persönlichkeit, an seine realen Konflikte und psychischen Probleme heran, als man es für möglich und/oder gesund halten würde. Egal welche Alternative zutrifft – kudos.

Die weiteren Schauspieler haben in dieser one-man-show nur wenig Möglichkeit zur Entfaltung. Francois Damiens („OSS 117: Cairo, Nest of Spies“, „Taxi 4“) ist als Kommissar Bruges gut besetzt; er ist sympathisch und ist in seinem Bemühen, die Lage nicht unnötig eskalieren zu lassen, überzeugend. Das Gangstertrio Jean-Francois Wolff („Red Ants“, „Gilles’ Wife), Zinedine Soualem (hübsch durchgeknallt, „Venus & Apoll“) und Karim Belkhadra („Hass“, „Die purpurnen Flüsse“) erledigt einen guten Job, wobei Wolff gegenüber Soualem und Belkhadara ein wenig abzufallen scheint.

Die letzten Worte: „JCVD“ gehört zu der Sorte Film, die einen, hat man sie gesehen, irgendwie zutiefst ratlos zurücklassen – man ist auch hinterher nicht schlauer, was für einen Film man gerade sehen durfte und ob er einen letztlich unterhalten hat oder nicht. Was unbestritten ist – „JCVD“ ist ein ausgesprochen interessantes filmisches Experiment, das Realität und Fiktion verbindet, ohne diesen Umstand zu verleugnen. Ungeachtet der Frage, ob der Film nun gelungen ist oder nicht (ich bin mir da selbst immer noch nicht einig und müsste meine persönliche Antwort auf nach einer weiteren Sichtung vertagen), kann man jedoch konstatieren, dass van Damme mit seiner sehr intimen, glaubwürdigen und berührenden Vorstellung seine Kritiker, die in ihm nie mehr sahen als einen beweglichen, hand- und fußkantenschwingenden Muskelberg, eines besseren belehrt haben sollte; der Film war van Damme sicherlich persönlich sehr wichtig und – so hofft man – auch eine Art Therapie. Insgesamt ist „JCVD“ aber ein Film für ein eher geekiges Publikum als für den Mainstream. Aufgrund seiner ganzen Konzeption sehenswert, aber irgendwie – und ich weiß nicht, woran es liegt, was mir fehlt – nicht ganz befriedigend; dennoch, für einen Debütfilm beeindruckend, auch wenn van Dammes Leistung sicherlich großen Anteil an den positiven Aspekten des Films hat.

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© 2008 Dr. Acula