Stau - Jetzt geht's los

Aus Badmovies.de
Wechseln zu: Navigation, Suche

Stau – Jetzt geht’s los

Deutschland 1992, 85 min, FSK 12


Credits

Crew:

Regie: Thomas Heise
Drehbuch: Thomas Heise
Kamera: Sebastian Richter
Schnitt: Karin Geiss
Produzenten: Frank Löprich, Katrin Schlösser
Produktion: Ö-Filmproduktion


Besprechung

Das Kino Xenix in Zürich veranstaltet zurzeit eine Reihe über den Dokumentarfilmer Thomas Heise (wer sich grad in der Limmatstadt befindet, kann ruhig mal vorbeischauen) und da das filmwissenschaftliche Institut dazu ein Werkstattgespräch durchführt, geh ich auch hin. Es werden also noch ein paar entsprechende Bits folgen, nur so zur Vorwarnung…

Willkommen in Halle-Neustadt, Sachsen-Anhalt, kurz nach Ende der DDR. Der Film zeigt uns ein paar Jugendliche aus der rechtsradikalen Szene. Die sehen wir Zuhause, bei der Arbeit, im Ausgang und in Gesprächen mit Heise. Einen Kommentar gibt es nicht. Der Filmer macht sich zwar in Interviews aus dem Off bemerkbar, lässt die Leute und die körnigen 16mm-Bilder aber weitgehend für sich alleine sprechen. (Wobei das Sprechen bei dem einen oder anderen ab und zu ein wenig schwer verständlich rauskommt; die englischen Untertitel erwiesen sich als doch nicht ganz so unnütz.) Er bleibt grösstenteils neutral und enthält sich eines Urteils, wenngleich er zumindest in einem Gespräch durchaus etwas nachbohrt und den einen z.B. fragt, wieso er letztens eine leere Bierflasche auf das Auto eines Lybiers geworfen habe, wenn doch keine Gewalt von ihm uns seiner Gruppe ausgehe. Der Befragte steht dann schnell mal mit dem Rücken zur Wand und man merkt, wie wenig Handfestes hinter dem rechten Weltbild mit den Feindbildern von „Lefties“ und Ausländern steckt. Überhaupt kriegt man immer wieder ziemlich hohle Phrasen als Erklärung für das eigene Verhalten zu hören, die stark nach Halbverdautem aus irgendwelchen Prospekten und Büchern aus rechten Kreisen klingen, wobei auch sozialistisches Gedankengut der DDR nachzuklingen scheint, wenn der eine zum Beispiel darüber klagt, dass man seine Arbeitskraft unter Preis verkaufe müsse und stattdessen besser für die Gemeinschaft aufwenden würde. Und ein anderer wünscht sich gleich direkt das „durchdachte System“ zurück, in dem für jeden gut gesorgt war. Im Ton dazu ganz passend zwei lächerlich pathetische DDR-Propagandatexte, die vorgelesen werden.

Was vom Film am stärksten in Erinnerung bleibt, ist die Tristesse der städtischen Umwelt. Die heruntergekommenen Wohn- und Industriegebiete, immer wieder in langen Einstellungen gezeigt (den ganzen Film über bleibt die Kameraarbeit zurückhaltend und eher statisch), ganz von Beton und Backstein beherrscht, schauen furchtbar öd aus, die Wohnungen sind eng. Die Portraitierten stammen aus ärmlichen Verhältnissen, die meisten wohnen noch bei den Eltern (eine der unangenehmsten Szenen ist ein Streitgespräch zwischen Ronny und seinem Vater); sie jobben auf dem Bau, bei der Bahn oder sind arbeitslos. Bezüglich Bildung läuft es nicht allzu rund, beim Vorlesen aus der Zeitung stolpert man über das eine oder andere Wort. Abends besäuft man sich in der Dorf-Disse, wo ausländerfeindliche Songs und „Sieg Heil!“-Rufe ertönen. Tagsüber mach man auch mal Ausflüge in ein zum Museum umgestalteten KZ, um ein bisschen zu randalieren.

Es gibt aber doch auch heitere Seiten, nicht zuletzt dank diverser Widersprüche. Die Alkoholwracks aus der Disco und überhaupt die eher jämmerlichen Gestalten, die wir hier zu Gesicht kriegen (Frisuren und Mode machen die Sache auch nicht unbedingt besser), passen nicht wirklich zum Selbstbild des stolzen Deutschen; Konrad hat das Backen zum Hobby und wartet nervös drauf, dass aus dem Marmorkuchen was wird; ein anderer wäscht alle drei Monate seine Kleidung, „wie es sich gehört“; vor dem Ausgang putzt sich der Neonazi von Welt fein raus und sprüht die Stiefel mit einem Mittel zum Hochglanz, das aus den USA stammt. Ab und zu sieht man auch den einigermassen normalen Menschen in der Bomberjacke mit seinen Ängsten oder der Trauer um die verstorbene Mutter. Aber eben, da ist ja noch die Sache mit den „politischen Einstellungen“… Da erfährt man dann von einem äusserst harmlos wirkenden und inzwischen fast ein bisschen sympathisch gewordenen Ronny, nachdem man bei McDonalds gegessen hat, dass er wegen Prügeleien drei Verfahren hängig hat.

Die Normalität, mit der die Neonazis vorgestellt werden, ohne dass Heise ihren Ansichten oder ihrer Lebensweise gross etwas entgegenhalten oder sich von ihnen eindeutig distanzieren würde (dabei entlarven ich die Leute selbst ja genug), brachte dem Film zu seiner Zeit viel Ablehnung entgegen; schon bei der Uraufführung wurde das Kino von linken Autonomen angegriffen. Ist heute ein bisschen anders, wobei – man denke nur mal an die Diskussionen jüngst zu „Der Untergang“…


Fazit

Eine neutral gehaltene Bestandesaufnahme, welche die rechtsradikalen Jugendlichen ohne Verurteilung und Vorhalte (zumindest weitgehend) in ihrer natürlichen Umgebung präsentiert. Ein interessanter, manchmal witziger, manchmal erschreckender Einblick in ein Habitat, dem Thomas Heise in den Jahren darauf noch zwei weitere Male einen Besuch abstatten sollte… (Fortsetzung folgt.)

(c) 2008 Gregor Schenker (manhunter)