Universal Monster Legacy 1 - Frankenstein

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FRANKENSTEIN

USA 1931, 68 min, FSK 16

Regie: James Whale Darsteller: Colin Clive (Henry Frankenstein), Mae Clarke (Elizabeth), John Boles (Victor Moritz), Boris Karloff (Das Monster), Edward van Sloan (Dr. Waldman), Frederick Kerr (Baron Frankenstein), Dwight Frye (Fritz), Lionel Belmore (Bürgermeister), Marilyn Harris (Maria)

Irgendwo in Mitteleuropa: Henry Frankenstein ist ein Mann mit einer Vision - er will Leben erschaffen, und davon kann ihn niemand abhalten, auch nicht sein ehemaliger Universitätsprofessor Waldman. Mit seinem buckligem Faktotum Fritz als einzigem Helferlei klaut er Leichen, wo immer sie sich im bieten und will seine zusammengesetzte Kreatur mit elektrischem Strom zum Leben erwecken. Leider suchen sich seine Verlobte Elizabeth, sein bester Freund Victor und Waldman justament den entscheidenden Abend des Experiments aus, um Henry zur Rückkehr in den Schoss der Familie zu überreden, denn Elizabeth wartet, wie auch Frankensteins Vater, auf die lange angekündigte Eheschließung. Henry macht aus der Not eine Tugend und den ungebetenen Besuch zu Zeugen der Schöpfung seiner Kreatur. Waldman lässt sich als Handlanger einspannen, aber natürlich geraten die Dinge außer Kontrolle. Fritz, der schon die ganze Angelegenheit dadurch verbaselt hat, ein "abnormales" Gehirn für die Kreatur gestohlen zu haben, macht sich einen Spaß daraus, das Monster zu quälen, wofür er mit seinem Leben bezahlt. Frankenstein und Waldman glauben, die Kreatur mit einer Giftspritze unschädlich gemacht zu haben. Henry kehrt nach Hause zurück, um Elizabeth zu heiraten und Waldman möchte das Monster sezieren. Nicht mit dem Monster, das seinerseits Waldman tötet, in die Welt hinauszieht und unbeabsichtigt Unheil stiftet...

Der Film: Zusammen mit "Dracula" ist "Frankenstein", die gothische Schauergeschichte, die Mary Shelley anno 1818 in der legendenumwitterten (und von Ken Russell als "Gothic" verfilmten) Nacht an einem Schweizer See in der Gesellschaft von Percy Shelley, Dr. Polidori und Lord Byron erdachte, zweifellos das berühmteste Horrormotiv der Kulturgeschichte (die literarische Qualität des Romans mag man dahingestellt sein lassen oder sich an Stephen Kings Analyse in "Danse Macabre" halten). Bereits 1823 existierten erste Bühnenfassungen des Stoffs und bereits 1910 wagte sich niemand anderes als der legendäre Thomas A. Edison an die erste Stummfilmadaption.

Als Universal Pictures 1931 nach dem sensationellen Erfolg von "Dracula" händeringend nach ähnlich potentem Material suchte, lag "Frankenstein" daher auf der Hand. Wie bei "Dracula" legte man nicht den ursprünglichen Roman der Verfilmung zugrunde, sondern eine Theaterfassung (genau genommen die Theateradaption einer vormaligen Theaterfassung. Ja, es ist kompliziert). Nach einem größeren Heckmeck um die Besetzung der Positionen im Cast und hinsichtlich des Regisseurs (der ursprünglich vorgesehene Robert Florey, der später "Murders in the Rue Morgue" drehte und als Fan des expressionistischen deutschen Films galt, wurde vom Projekt abgezogen und durch James Whale ersetzt, der sich am Theater und mit einigen Kriegsdramen einen Namen gemacht hatte; Bela Lugosi, dem von Florey angeblich die Rolle des Dr. Frankenstein angetragen wurde, sollte nach dem Willen der Universal-Chefs das Monster spielen, absolvierte einen Screentest und lehnte dann dankend ab [die Versionen, warum Lugosi verzichtete, sind unterschiedlich - manche behaupten, Lugosi habe sich geweigert, eine stumme Rolle zu spielen; andere wiederum sagen, Lugosi wollte seine markanten Gesichtszüge nicht durch Make-up unkenntlich machen, und wiederum andere meinen, dass Lugosi eigene Make-up-Ideen einbringen wollte, die von Universal allerdings verlacht wurden. Man suche sich die Lieblingsinterpretation aus], dafür kam Boris Karloff an Bord), konnte "Frankenstein" endlich gedreht werden und bescherte dem Studio einen noch größeren Erfolg (und auch wohlwollende bis enthusiastische Kritiken) als "Dracula".

Und selbst über 70 Jahre später kann man als geneigter Zuschauer, selbst ohne große cineastische Vorbildung, erkennen, warum. Zusammen mit dem vier Jahre später entstandenen kongenialen Sequel "Bride of Frankenstein" begründete dieser Film in vieler Hinsicht das, was wir heutzutage gemeinhin als Horrorkino bezeichnen. "Frankenstein" schuf Archetypen wie den "mad scientist" und das bedauernswerte, tragische Monster. Aus "Frankenstein", mehr als noch aus "Dracula", wurde eine Ikone der Pop-Kultur, ein unsterblicher Klassiker.

Was nicht heißt, dass der Film keine Schwächen hat, er hat in der Tat einige und davon liegen auch einige im Drehbuch begründet (es gibt ja nicht wenige Experten, die "Bride of Frankenstein" für den besseren und *noch* wichtigeren Film halten, und die haben möglicherweise Recht). Die Straffung der Vorlage (und die zum Teil heftigen Abweichungen von der Romanfassung) sind größtenteils verzeihlich - der Film muss in knapp 70 Minuten abhandeln, wofür sich sechs Dekaden später Kenneth Branagh mehr als die doppelte Laufzeit nahm. Da müssen Autoren und Regisseure notgedrungen Kompromisse eingehen. Die hätten aber nicht unbedingt dazu führen müssen, dass sich im Schlußakt, und ironischerweise ist das letzte Drittel das deutlich schwächste des Films, klaffende Plotholes auftun (Beispiele: wer hat Waldmans Leiche gefunden? Wieso "terrorisiert" das Monster die Landstriche, wenn es maximal von einer Person gesehen wurde, und die hat's nicht überlebt? Woraus schließt der Holzfäller aus dem Fund seiner ertrunkenen Tochter, dass sie "ermordet" wurde? Und woraus schließt der wütende Lynchmob, dass es sich dabei nur um ein Werk des Monsters halten kann? Woher weiß das Monster, wo Frankenstein wohnt und wer seine Braut ist? Frankenstein ahnt, dass das Monster in seinem Haus ist und was tut er, um seine Braut zu schützen? Er schliesst sie in ihrem Zimmer - bei offenem Fenster - ein! Das sind Quibbles, die den Filmgenuss nicht entscheidend mindern, aber teilweise schon beim ersten Ansehen auffallen. Solche Fehler sind nur dadurch "entschuldbar", dass das Publikum anno 1931 durch die bis dahin bereits verarbeiteten "Schocks" auf solche Logiklöcher nicht mehr achtete). Ein anderes Problem ist mit purer Absicht ins Script eingebaut worden - dadurch, dass das Monster durch Fritzens Schuld ein "abnormales" Gehirn, das eines notorischen Kriminellen, eingepflanzt bekommt, geht dem Film sein wesentlicher Punkt (das Monster ist von Haus aus "unschuldig" und wird von seiner Umwelt aufgrund seines Aussehens miss- und unverstanden) flöten (nach dem Willen der damaligen Autoren sollte das "abnormale" Gehirn erklären, warum das Monster auf die Quälereien durch Fritz gewalttätig reagiert. Als ob man dafür kriminell sein müsste...).

Die Charakterisierungen sind nicht immer völlig ausgereift - Frankenstein ist zwar recht geschickt als einerseits fanatischer "mad scientist" geschildert, allerdings gleichzeitig ein Mann der Ratio, der es einfach nicht als gegeben hinnehmen will, dass die Wissenschaft sich vor gewissen Fragen drückt. Allerdings kommt seine Überzeugung, das Monster auch wieder zerstören zu müssen, für mich zu schnell (sicher eine Frage der Laufzeit). Völlig überflüssig ist der aufoktroyierte angedeutete Subplot einer romantischen Beziehung zwischen Victor und Elizabeth (es wird durch die Blume vermittelt, dass Victor Elizabeth liebt, sie die Gefühle auch erwidert, aber aufgrund der arrangierten Ehe mit Frankenstein ihre persönlichen Emotionen zurückstellt). Dies sollte ein Gegengewicht zur Beziehung Frankenstein/Monster darstellen, "klickt" aber einfach nicht, weil aus dem Film heraus nicht deutlich wird, was damit ausgedrückt werden soll. Dieser Subplot hat einfach zu wenig Substanz.

Loben muss man dagegen den Spannungsaufbau der ersten beiden Filmdrittel - wie Whale und seine Autoren die Geschichte für die Verhältnisse eines early talkie flott und mit herausragenden Dialogen bis zum ersten Höhepunkt des Films, der "Schöpfung" der Kreatur, vorantreiben, ist bemerkenswert, auch der Mittelteil, in dem das Monster zunächst von Fritz geschunden und dann zum "Gegenangriff" übergeht, ist ausgezeichnet.

Etwas dick aufgetragen ist im Schlussakt die große Hochzeitsfeier im Dorf mit Volksmusik und Schuhplattlern - wenn ich schon nur 70 Minuten habe, um meine Geschichte zu erzählen, dann sollte ich nicht unbedingt drei-vier Minuten mit alpenländischer Folklore totschlagen (vor allem, da der Film sich ansonsten geschickt und völlig beabsichtigt bemüht, keine Rückschlüsse auf Ort und Zeit der Handlung zuzulassen. Whale wollte, dass der Film sozusagen in einem Paralleluniversum spielt, indem man sich einerseits dem Zeitgeist der 30er Jahre entsprechend kleidet, aber Hingerichtete noch zur Zurschaustellung tagelang am Galgen hängen lässt, Elektrizität zwar bekannt ist, aber offensichtlich nicht benutzt wird usw.), auch wenn sie "authentisch" von österreichischen Trachtengruppen vorgeführt wird. In dieser Szene kommt der Film zum völligen Stillstand und muss dann mühselig wieder Fahrt in Richtung Showdown aufnehmen; der ist zwar dann der oft kopierte Lynchmob der Dorfbewohner und "actionlastig", aber im Vergleich zu der stimmungsvollen Schauergeschichte der ersten beiden Filmdrittel eine Enttäuschung.

Filmtechnisch muss man erstaunt konstatieren, dass "Frankenstein" unter Whales Regie ein erstaunlich moderner Film ist. Anno 1931 war das europäische Kino (vor allem England und Deutschland) dem Hollywood-Kintopp technisch überlegen (vgl. z.B. einen britischen Genrefilm wie "The Human Monster" mit einem amerikanischen Beitrag gleichen Datums). Die Deutschen loteten seit 1920/21 aus, was man allein durch Beleuchtung, Licht-/Schatten-Effekte u.ä. erreichen konnte, die Engländer waren Meister der bewegten Kamera, die nicht jeden Film wie ein abgefilmtes Theaterstück aussehen liessen. Whale kombiniert diese Elemente - manche Shots sind klare Konzessionen an das deutsche expressionistische Kino (speziell die allererste Szene, als Frankenstein und Fritz ein frisches Grab plündern), die Kamera ist oft und viel in Bewegung, gibt dem Film eine Dynamik, die unter zeitgenössischen Filmen ihresgleichen sucht. Die Ausstattung des Films ist legendär - Kenneth Strickfadens Original-Maschinerie wurde bis in die 70er Jahre (zuletzt, WIMRE, bei Mel Brooks' "Frankenstein Junior") benutzt und macht auch heute noch einen hervorragenden Eindruck. Das ganze Labor-Set (und das Setup besonders der Schöpfungsszene) ist grandios (und macht vor allem deutlich, welch müden Abklatsch "Van Helsing" trotz eines Fantastillionenbudgets 2004 auf die Leinwand hunzte). Erfreulich war für Whale natürlich, dass er auf den Set- und Kulissenfundus der Universal Studios zurückgreifen konnte, wovon er auch guten Gebrauch machte. Zu Jack Pierces genialem Monster-Make-up brauchen keine Worte verloren zu werden.

Technische Schwächen sind vor allem auch (wieder) in der Schlussphase auszumachen - die "Verfolgungsjagd" durch die Berge leidet unter dem ständig als Vorhang erkennbaren Backdrop, was einiges von der Stimmung der Szene wegnimmt, die Effektarbeit beim finalen Sturm auf die Mühle ist auch nicht immer perfekt.

Wirklich "erschreckend" ist nach heutiger Lesart an "Frankenstein" natürlich nichts mehr. Das, was seinerzeit Schockeffekte waren, für die Kinos in bester Grand-Guignol-Tradition Krankenschwestern in die Kinosäle setzten und nervenschwachen Zuschauern vom Filmbesuch abgeraten wurde, ist heutzutage ein Fall fürs Kinderprogramm. Die "graphischte" Gewaltszene besteht darin, dass Waldman dem Monster eine Spritze in den Rücken jagt (und diese Szene musste 1937 für eine Wiederaufführung geschnitten werden...), die in ihrer Wirkung "härteste" wurde sogar erst durch die Zensur wirklich psychologisch *hart* (die Szene, in der das Monster das kleine Mädchen Marie ins Wasser wirft, weil es der irrigen Ansicht ist, Marie würde wie Blumenblüten im See schwimmen). "Frankenstein" kann man daher mit Sicherheit nicht mehr als "Horror" betrachten, sondern muss ihn in seiner Funktion als genreprägenden Klassiker betrachten und würdigen. Kurzweilig genug ist er allemal.

"Frankenstein" wäre natürlich nichts ohne seine darstellerischen Leistungen, und obwohl jeder Kritiker (völlig zurecht, natürlich) Boris Karloffs nuancierte Monsterdarstellung über den grünen Klee lobt, darf man Colin Clive nicht vergessen, der den Henry Frankenstein phasenweise mitreißend, aber immer souverän gibt. Clive, der die Rolle vier Jahre später in "Bride of Frankenstein" wieder aufgriff, galt als eine sehr schwierige Persönlichkeit und war schwerer Alkoholiker (was subsequent 1937 zu seinem frühen Tod beitrug). Clive wurde von James Whale, der mit ihm schon bei "Journey's Ende" zusammengearbeitet hatte, eingebracht und schlug damit Leslie Howard ("Vom Winde verweht"), den Universal favorisierte, aus dem Rennen. Mae Clarke, die die in dieser Version eher anspruchslose Rolle der Elizabeth gut spielt, wurde ebenfalls gerne von Whale besetzt, der insgesamt sechs Filme mit ihr drehte. Clarke blieb bis Ende der 50er Jahre im Filmgeschäft (wenn auch oft in kleinen und kleinsten Nebenrollen) und gehörte 1963 zur Urbesetzung des "General Hospital" (Gerüchten zufolge war ihre einzige Konkurrenz für die Rolle die junge Bette Davis, die für ein paar Monate bei Universal unter Vertrag stand). Die auch von Filmkritikern als "undankbar" eingestufte Rolle des Victor Moritz übernimmt John Boles, der zuvor in einigen Musicals agierte und als ausgezeichneter Sänger galt. Edward van Sloan (Dr. Waldman) spielte in "Dracula" schon den Van Helsing und fand sich anschließend immer wieder in ähnlichen Rollen in Gruselfilmen, so z.B. in "Die Mumie", "The Black Room" oder "The Phantom Creeps". Frederick Kerr, der seinen Baron Frankenstein (Henrys Vater) mit Gusto und Humor spielt, war ein respektierter Bühnendarsteller, der immer wieder Ausflüge auf die Leinwand übernahm. Dwight Frye wurde durch die Rolle des Insektenfressers Renfield in "Dracula" und seinen nicht minder schrägen Fritz auf durchgeknallte Nebendarsteller festgelegt, was dem vielseitigen Akteur zum Karriereverhängnis wurde.

Zu Boris Karloff muss man wohl nicht viel sagen - der Mann wurde durch die Performance hier (die ihm schwere gesundheitliche Probleme einbrachte) zum Superstar und zur Ikone. Karloff war für die Produktion ein Glücksfall, da seine Gesichtsstruktur ein Make-up ermöglichte, das einerseits furchterregend aussah, andererseits aber seinem Träger erlaubte, darunter zu "spielen" - die Bandbreite der von Karloff transportierten Emotionen ist erstaunlich. Das Design des Monsters ist, wenn man dem glaubt, was heute Konsens ist, ein Kompromiss zwischen Ideen von Jack Pierce, dem offiziellen Make-up-Designer (und Genie auf diesem Gebiet) und Karloff selbst. Karloff spielte die Rolle, die ihn zur Legende machte, noch zweimal (in "Bride" und "Son of Frankenstein"), hatte dann aber das Gefühl, der Charakter würde von Universal zu sehr zum Pausenclown umgearbeitet (eine Entwicklung, die ihren Höhepunkt in "Abbott & Costello meet Frankenstein" kulminierte) - in einem späteren Frankenstein-Film spielte er dann den Monster-Schöpfer. Karloff war übrigens nicht böse darüber, durch "Frankenstein" auch auf Rollen in Horrorfilmen festgelegt zu sein, er war dankbar für den Ruhm (und sicher auch das Geld) und freute sich, eine eigene Nische gefunden zu haben.

Bildqualität: Im Rahmen der "Monster Legacy"-DVD-Box findet sich "Frankenstein" auf einer eigenen DVD wieder. Die Bildqualität ist angesichts des Alters des Films ausgezeichnet. Der Vollbildtransfer kann zwar gelegentliches Flimmern (wie bei vielen s/w-Filmen) nicht vermeiden, einige kleinere Defekte und Verunreinigungen sind zu verzeichnen, die Schärfe- und Kontrastwerte sind allerdings angenehm, die Kompression ist ausgezeichnet. Für einen 74 Jahre alten Film allerhöchsten Respekt...

Tonqualität: Wirklich begeistert bin ich vom englischen Originalton, der klingt, als hätte man ihn gestern aufgenommen. Okay, das ist ganz leicht übertrieben, aber wenn man das gewöhnt ist, was Low-Budget- und Public-Domain-Anbieter an Tonspuren auf DVDs klatschen, bei denen sämtliche Dialoge in breiigem Matsch versinken und reine Ratespiele sind, ist das großartig. Ausgezeichnete Verständlichkeit, nur minimales Rauschen und leichte Lautstärkeschwankungen. Deutscher Ton wird natürlich, ebenso wie Gazillionen Untertitelspuren, mitgeliefert.

Extras: Auf der "Frankenstein"-DVD befinden sich folgende Extras: ein Kinotrailer (vermutlich der für die 37er-Wiederaufführung), eine Fotogalerie mit Artwork-Postermotiven und Aushangfotos, eine gut fünfundvierzigminütige, sehr sehenswerte und informative Dokumentation über die Entstehung des Films (interviewt werden u.a. Sara Karloff, Boris' Tochter, FX-Guru Rick Baker, diverse Filmhistoriker etc.) sowie der Audiokommentar eines Filmhistorikers, der teilweise redundante Informationen zur Doku bietet, aber auch einiges an tidbits und Trivia über verschiedene Drehbuchfassungen etc., die hörenswert und erhellend sind (für die Extras gibt's natürlich auch optionale Untertitel). Ein kleines Highlight ist der parodistische Kurzfilm "Boo" (entstanden 1932), der aus Filmschnipseln aus "Nosferatu", "Frankenstein" und "The Cat Creeps" montiert ist und wegen seiner wortspielkassenverdächtigen Narration hochgradig unterhaltsam ist.

Fazit: "Frankenstein" ist zweifelsohne ein großer Filmklassiker und einer der großen Meilensteine des phantastischen Kinos. Da beißt die Maus keinen Faden ab - der Film ist immer noch spannend (wenn auch nicht horribel), ausgezeichnet gespielt und größtenteils ausgezeichnet umgesetzt und inszeniert. Leider schleichen sich gerade im dritten Akt einige strukturelle und technische Schwächen ein, die dem Film zwar keineswegs seinen guten Ruf kosten, aber eben auch andeuten, dass der Film NOCH BESSER hätte sein können (mit ein wenig mehr Laufzeit). Dennoch - "Frankenstein" ist ein must-have für jeden classic-horror-affecionado und eigentlich auch für jeden, der sich mehr als nur oberflächlich für KINO interessiert. Zurück zu den Bits

BRIDE OF FRANKENSTEIN

USA 1935, 72 min, FSK 16 Regie: James Whale Darsteller: Boris Karloff (Das Monster), Colin Clive (Dr. Henry Frankenstein), Valerie Hobson (Elizabeth Frankenstein), Ernest Thesiger (Dr. Praetorius), Elsa Lanchester (Mary Wollstonecraft Shelley/Braut des Monsters), Gavin Gordon (Lord Byron), Douglas Walton (Percy Shelley), Una O'Connor (Minnie), E.E. Clive (Bürgermeister), O.P. Heggie (Einsiedler), Dwight Frye (Karl)

Wieder einmal sitzen Lord Byron und die Shelleys in einer stürmischen Nacht in ihrer Schweizer Villa. Durch die unheimliche Atmosphäre und den von ihrem Roman begeisterten Lord Byron angeregt, fabuliert Mary Shelley die Geschichte weiter... Während Henry Frankenstein sich langsam von den Verletzungen erholt, die er sich beim Kampf in der Mühle zugezogen hat, befreit sich auch das Monster aus der Ruine, tötet zwei Dorfbewohner und flieht in die Wälder. Frankenstein bekommt unerwarteten Besuch - Dr. Praetorius, einer seiner früheren Universitätslehrer und selbst auf dem Gebiet der Erschaffung künstlichen Lebens tätig. Praetorius, der schon ein Panoptikum an Mini-Menschen erschaffen hat, will Frankenstein zur Zusammenarbeit überreden, doch der, frisch verehelicht mit Elizabeth, hat von der Gottspielerei zunächst mal die Nase voll. Indes wird das Monster, das immer noch auf der Suche nach Zuneigung ist, von den Dorfbewohnern gefangen, doch es gelingt ihm die Flucht aus dem Kerker. Unterschlupf und erstmals in seinem Leben vorurteilsfreie Aufnahme findet es bei einem blinden Einsiedler, der ihm auch das Sprechen beibringt (und nebenbei auch das Alksaufen und Zigarrenrauchen). Das Idyll wird jedoch durch das Auftauchen einiger Jäger (darunter ein unkreditierter John Carradine) gestört - erneut muss das Monster fliehen und findet ein Refugium in einer alten Gruft. Dort allerdings ist noch jemand am Werk - Dr. Praetorius, der sich dort mit Einzelteilen für seine eigene Schöpfung eindeckt und als erster Goth der Welt Privatpartys feiert. Praetorius erkennt die Chance, die sich ihm durch das verzweifelte und einsame Monster bietet - er will dem Monster eine "Gefährtin" bauen, was beim Monster begreiflicherweise gut ankommt. Praetorius setzt die Kreatur als Druckmittel gegen Frankenstein ein, doch erst, als das Monster in Praetorius' Auftrag Elizabeth entführt, willigt Frankenstein ein, bei der Erschaffung der Monsterbraut mitzuwirken. In Frankensteins altem Laboratorium werden die Geräte wieder angeworfen...

Der Film: Nach dem sensationellen Erfolg von "Frankenstein" wollte Universal sofort eine Fortsetzung, nur James Whale, der vermutlich fürchtete, auf Horror festgelegt zu werden, hatte keine Lust. Die Produzenten versuchten, ohne Whale weiterzuarbeiten, verschlissen etliche Drehbuchentwürfe und mussten schließlich reumütig vor Whale zu Kreuze kriechen. Für quasi völlige künstlerische Kontrolle und freie Hand bei der Besetzung liess Whale sich breitschlagen. Er holte John L. Balderston, den Autor der Theatervorlage für den ersten "Frankenstein"-Film an Bord, der dem letztlich ausgesuchten Script von William Hurlbut den letzten Schliff gab. Whales Herrschaft über "Bride of Frankenstein" war absolut - stieß irgendeine seiner Ideen auf Ablehnung, drohte er, den Film nicht zu machen - so drückte er z.B. den (m.E. überflüssigen) Prolog mit Mary Shelley und Lord Byron ebenso durch wie die Besetzung von Elsa Lanchester (das Studio hatte auch Brigitte Helm aus "Metropolis" in die engere Wahl genommen; allerdings hätte das schon etwas von einem unverfrorenen Plagiat gehabt). Der Erfolg, sowohl künstlerisch als auch kommerziell, gab Whale Recht - "Bride of Frankenstein" gilt nicht nur als eines der extrem wenigen Sequels, das seinen Vorgänger qualitativ übertrifft, sondern auch (speziell im Bereich der seriösen Filmkritik) als bester Horrorfilm aller Zeiten.

In der Tat ist "Bride of Frankenstein" ein besserer Film als "Frankenstein", aber, auch wenn ich mir dafür sicher Schelte anhören muss, kein hundertprozentig perfekter (aber den perfekten Film gibt's eh nicht). Zunächst mal zu den positiven Bemerkungen: Whale stand im Vergleich zu "Frankenstein" ein deutlich erhöhtes Budget zur Verfügung (knapp 400.000 Dollar anstatt gut 250.000), was dem Streifen einen insgesamt besseren Look verleiht

Inhaltlich greift "Bride" Elemente aus Shelleys Roman, die im Vorgängerfilm und der zugrundeliegenden Bühnenfassung übergangen worden waren, auf (z.B. die Grundidee der "Gefährtin" für die Kreatur und, wenngleich stark reduziert und wesentlich schlüssiger in den Plot integriert, die Sprachbegabung des Monsters. In Shelleys Roman lernt die Kreatur zu sprechen, indem es den Sprachlektionen, die ein junger Mann einer geflohenen orientalischen Prinzessin anhand zeitgenössischer Lyrik und Poesie, verabreicht; da ist die Episode mit dem Einsiedler schon deutlich besser. Karloff selbst war übrigens dagegen, dem Monster Sprache beizubringen, er meinte, es würde dem Charakter des Monsters schaden. Ich bin, auch wenn Legionen von Filmexperten das anders sehen, geneigt, Karloff zuzustimmen) und kombiniert sie mit völlig neuen Ideen wie dem Einsiedler (dass das Monster bei einem blinden Einsiedler Zuflucht und Zuneigung findet, wird in vielen nachfolgenden Frankenstein-Adaptionen aufgegriffen, findet aber hier seinen Ursprung) oder Dr. Praetorius, der als eine Art mephistophelesische Figur "Faust" Frankenstein verführt, seine eigentlich aufgegebenen Forschungen wieder aufzunehmen (wenngleich durch ordinäre Erpressung).

Sicher auch auf Whales persönlichen Einfluss zurückzuführen ist, dass die Figur des Victor Moritz, der, wie wir uns erinnern, im ersten Film ein angedeutetes romantic interest für die von Frankenstein ob der Wissenschaft zurückgewiesene Elizabeth darstellte, in "Bride" ersatzlos gestrichen ist. Damit, und ebenfalls verdeutlicht durch den Wechsel auf der Elizabeth-Position (die aus gesundheitlichen Gründen verhinderte blonde Mae Clarke wurde durch das siebzehnjährige britische und dunkelhaarige Starlet Valerie Hobson ersetzt), ändert sich zwangsläufig auch der Charakter der Elizabeth selbst. Wurde sie in "Frankenstein" eher so dargestellt, als liebte sie eigentlich Victor, habe sich aber mit der arrangierten Hochzeit mit Frankenstein arrangiert, so ist sie in "Bride" die bedingungslose, treusorgende und wirklich in Liebe entbrannte Gefährtin Henrys, was auch notwendig war, um das von Whale gewünschte düstere Ende funktionieren zu lassen (Universal war Whales ursprünlicher 95-Minuten-Schnitt zu gewalttätig und das Ende zu gewagt, weswegen "Bride" deutlich entschärft wurde. Der Body Count wurde von 21 auf 10 reduziert und in einem schnellen Nachdreh wurde das Ende so gestaltet, das Henry und Elizabeth überleben. Es ergibt auch so noch Sinn, da die Kreatur, von seiner "Braut" zurückgewiesen, in seiner Zerstörungswut das Labor vernichtet, aber Henry und Elizabeth entkommen lässt, weil sie erkennt, dass Elizabeth Henry bedingungs- und vorbehaltlos liebt, auch wenn es dem Film sein einziges kleines Plothole beschert [wie zum Geier befreit sich Elizabeth?]. In Whales ursprünglicher Version wird Elizabeth getötet, ihr Herz der Braut eingepflanzt, was konsequenterweise zur Ablehnung des Monsters durch die Braut und zu dessen finaler Destruktionsorgie führt). Elizabeths möglicherweise modernerer Charakter aus dem ersten Film hätte diese Plotentwicklung unmöglich gemacht. Der Kunstgriff simplifiziert sicherlich ihre Rollengestalt, aber der Verzicht auf Victor erspart dem Film einen bedeutungslosen Subplot wie in Teil 1. Wo wir gerade bei Besetzungswechseln sind - es sind noch einige weitere zu verzeichnen. Frederick Kerr, der im ersten Teil Frankensteins Vater spielte, war mittlerweile verstorben und wurde nicht ersetzt (wobei "Bride" die angetackerte letzte "Happy End"-Szene aus "Frankenstein" ignoriert und direkt am Mühlenbrand einsetzt), E.E. Clive, ein "Favorit" von Whale, ersetzte Lionel Belmore als Bürgermeister, und, was einen wüsten Continuity-Goof bedingt, der Vater von Maria, dem kleinen Mädchen, das die Kreatur im ersten Film versehentlich tötet, wird nicht nur neu besetzt (was auffällig genug ist, da der ursprüngliche Darsteller in einem ausgiebigen Flashback auf die Geschehnisse des ersten Teils prominent ins Bild gerückt wird), sondern auch mit einem anderen Namen versehen. Das hätte man schon korrigieren können... Als "Ausgleich" für die Austauschaktionen darf Dwight Frye, im ersten Film "Fritz", der Bucklige, und vom Monster getötet, als Praetorius' Gehilfe Karl wieder mitmischen.

Frankenstein selbst wird über weite Strecken des Films zu einer Randfigur degradiert (aufgrund eines Reitunfalls konnte Schauspieler Colin Clive sowieso nicht besonders aktiv werden und ist daher meistens sitzend oder liegend im Bild) - der eigentliche Konflikt findet zwischen Praetorius, der heimlichen Hauptfigur des Films, und der Kreatur statt. Das ist recht geschickt gelöst, denn wäre wieder Frankenstein alleiniger Mittelpunkt der Story gewesen, hätte das zu sehr nach einem Abklatsch des ersten Films gewirkt. Die Einfürung des neuen Charakters Praetorius gibt der Story einen neuen Impuls, der es auch möglich macht, Frankenstein in einem positiveren Licht darzustellen - er ist nicht mehr der fanatisierte "ich-muss-alles-wissen"-mad-scientist aus "Frankenstein", sondern arbeitet nur gezwungenermaßen mit Praetorius zusammen. Praetorius selbst ist eine klar "böse" Gestalt - sein Hintergrund ist diffus, seine eigenen Forschungen bleiben betont vage (und das Script deutet gelegentlich leise an, dass bei ihm nicht nur Wissenschaft, sondern auch "schwarze Magie" im Spiel sein könnte). Praetorius' Motivation ist auch weniger eine wissenschaftliche - er hält sich durchaus die Möglichkeit offen bzw. spekuliert auf diese, mit Hilfe des Monsters und einer passenden Monstergefährtin eine neue Rasse heranzuzüchten.

Die Dialoge sind scharfzüngig und teilen, wie noch in anderweitigem Zusammenhang zu erwähnen sein wird, ein paar Hiebe in Richtung organisierter Religion aus (Whale war dahingehend ein Skeptiker) - besonders Praetorius ist hier zu erwähnen, aber auch Henry Frankenstein darf noch mal philosophieren, ob seine Erkenntnisse über die Schaffung neuen Lebens nicht vielleicht gottgewollt sind.

Nicht verschweigen möchte ich allerdings etwas, was mir den Film beinahe hätte verleiden können - ein speziell für die von Whale geschätzte Schauspielerin Una O'Connor geschriebener Charakter namens Minnie, Dienstmädchen der Frankensteins. Diese schrille Schreckschraube, die wohl auch für etwas comic relief sorgen soll, ist eine extreme Nervensäge, die leider eine relativ große Rolle mit viel Screentime spielt, mir aber in jeder Sekunde, in der sie die Leinwand "ziert", die Fußnägel aufrollen lässt.

Von der filmisch-handwerklichen Seite liegt "Bride" größtenteils auf der Linie des Vorgängers. Whale pflegt seine Vorliebe für ungewöhnliche bis spektakuläre Charakter-Auftritte, hält die Kamera wieder in Bewegung und zitiert da und dort aus der expressionistischen Trickkiste, wo es ihm in den Kram passt. Bemerkenswert sind der modern anmutende schnelle Schnitt und in der großen Höhepunktszene, der Schöpfung der Braut, die vorwitzig gekippten Kamerawinkel. Der Film ist wieder, bis auf die Dorfszenen, komplett im Studio entstanden - war das in "Frankenstein" aber der Atmosphäre, vor allem im Schlussakt, eher abträglich, so funktioniert's in "Bride" wesentlich besser. Die künstlichen Wald-Sets (speziell der "nackte" Wald, in den das Monster durch den neuerlichen Mob der Dorfbewohner gejagt wird) geben dem Film ein surreales Flair, das sich mit der beabsichtigten Symbolik hervorragend zusammenfügt. Whale legt nicht nur den Charakteren einiges an nicht unbedingt zensurfreundlichen Statements in den Mund, sondern lässt auch die Bilder sprechen (einiges musste auch entschärft werden, so muss sich das Monster anstatt an einer Christus-Figur an der Statue eines Bischofs abragieren, ehe es in die Gruft flüchtet); man KANN den Leidensweg des Monsters durchaus in eine Verbindung mit der Passion Christi (der im Wortsinne, nicht dem Mel-Gibson-Schwachsinn) bringen, obwohl das vermutlich eine Überinterpretation ist, weil's Whale wohl weniger um die Stilisierung des Monsters zu einer messianischen Figur ging als vielmehr um die Gefahr fanatisierter Menschengruppen für Non-Konformisten (will man sich sehr weit aus dem Fenster lehnen, könnte man sogar Bezüge zum Nationalsozialismus und dem Kampf gegen das "Andersartige", das Fremde, herstellen). Whale plädiert für eine Solidarisierung der Schwachen (zum Ausdruck gebracht durch die sehr bewegende Sequenz beim Einsiedler - zwei gesellschaftlich Ausgeschlossene, die einander helfen, da muss man dem Denkkasten nicht großartig auf die Sprünge helfen).

Wie schon der Vorgänger siedelt "Bride" die Geschehnisse in einem "alternativen Universum" dar, indem fröhlich und beabsichtigt mit Anachronismen um sich geworfen wird (Praetorius hat sogar ein Telefon entwickelt), und in dem alles möglich ist, was zwischen der relativen Gegenwart des Jahres 1935 und der Mitte des 19. Jahrhunderts liegt (Whale "datiert" den Film sogar - er lässt Karl und Praetorius als Grabräuber ein Sterbedatum vorlesen, das, berücksichtigt die Tatsache, dass im entsprechenden Sarg ein Skelett liegt, die Geschichte etwa in der relativen Gegenwart ansiedelt. Mag ein Service für den Otto Normalfilmkucker sein, stört mich aber ein wenig).

Die Effekte sind ausgezeichnet - wenngleich ich Praetorius' kleines Panoptikum der Mini-Menschen für einen eher lässlichen Einfall halte (das wirkt mir zu sehr des Gags wegen eingefügt), sind die photographischen Tricks von John P. Fulton, der schon dem "Unsichtbaren" den legendären Schliff verlieh, großartig. Jack Pierces Monster-Make-up ist erneut über jeden Zweifel erhaben und mit der "Braut" gelang ihm ein weiterer Geniestreich, der zur Ikone wurde (und unendlich oft kopiert und/oder referiert wurde, am memorabelsten u.a. sicherlich in Figur von "Magenta" aus der "Rocky Horror Picture Show"). "Bride" ist insgesamt deutlich "horribler" als der Vorgänger, nicht unbedingt in Punkto on-screen-Brutalität (wir reden immer noch von 1935 und da ging eher noch weniger als 1931, der Hollywood-Zensur sei dank), sondern dank seiner noch düstereren Grundstimmung - zwar darf das Monster erheblich öfter "austeilen" als in "Frankenstein" und seine rohen Kräfte sinnlos walten lassen, dafür muss es auch wieder heftig einstecken.

Hervorragend eingesetzt wird die Filmmusik von Franz Waxman (die später im ersten "Flash Gordon"-Serial wiederverwendet wurde). Fiel in "Frankenstein" das Fehlen eines Scores eigentlich kaum auf (die Sitte, untermalende Filmmusik zu verwenden, kam erst kurz nach der Fertigstellung von "Frankenstein" auf), aber Waxmans ausgezeichnet abgestimmter, "wagneresker" Score unterstützt die Stimmung des Films kaum verbesserungsfähig.

Die Darsteller agieren überzeugend - auch wenn ich Karloff beipflichte, dass die Fähigkeit des Sprechens etwas vom Mysterium und Martyrium des Monsters wegnimmt, liefert er erneut eine großartige Performance ab. Seine wenigen, abgehackten Dialogzeilen liefert er mit der Überzeugungskraft einer zutiefst gequälten Seele. Colin Clive hat, wie schon angedeutet, weniger zu tun als im Vorgängerfilm, er ist nicht ganz so mitreißend wie in seinen besten Momenten in "Frankenstein". Valerie Hobson legt die Elizabeth, wie auch bereits geschildert, aufgrund des veränderten Charakters deutlich unterschiedlich zu Mae Clarke an - ihre Rolle ist eindimensionaler als die von Mae Clarke, wird von ihr aber gut gelöst (auch wenn sie nur eine wirklich GROSSE Szene hat). Hübsch ist sie allemal. 1935 spielte sie auch im "Werewolf of London". Show-Stealer des Films ist zweifellos Ernest Thesiger als Dr. Praetorius. Der von Whale dem ursprünglich vorgesehenen Claude Rains vorgezogene Thesiger ("Der Ghul", "The Old Dark House", "Caesar and Cleopatra") legt in seinen Praetorius die ganze Flamboyance eines auch im realen Leben großen Exzentrikers. Allein wegen seiner Betonung gewisser Textzeilen sollte man "Bride" unbedingt im englischsprachigen Originalton genießen. Wer will, mag in seiner Vorstellung sogar gewisse homoerotische Tendenzen erkennen (manch einer versteigt sich zur Interpretation, dass Praetorius' Interesse an Henry Frankenstein nicht nur wissenschaftlichen Gründen geschuldet ist), und in der Tat ist Thesigers Auftritt in seiner Extravaganz ein wenig "gay" wirkend (wenn man dem Audiokommentar glauben darf, stand in einer früheren Scriptfassung sogar eine Zeile für Praetorius, wonach er künstliches Leben erschaffen müsse, weil es für "ihn keine andere Möglichkeit gibt, sich zu vermehren"). Faszinierend.

Trotz ihrer geringen Screentime liefert Elsa Lanchester einen unsterblich gewordenen Filmauftritt hin. Während der Prolog, in dem sie Mary Shelley spielt, hauptsächlich auf ihr beeindruckendes (und zensiertes) Dekolletée abstellt, ist ihre Leistung als Monsterbraut, die von ihr eigentlich nicht mehr verlangt, als entsetzt vor Karloff zurückzuweichen, schlichtweg unvergesslich. Selten wurde mit weniger Screentime mehr erreicht, wenn die Rolle für sie auch ein kleiner Fluch war, denn sie wurde zu sehr mit dieser Rolle identifiziert, um eine wirklich große Star-Karriere aufbauen zu können. Ihr letzter großer Filmauftritt war die Rolle der Jessica Marbles in der großartigen Krimikomödie "Eine Leiche zum Dessert".

Bildqualität: Die Monster-Legacy-Version von "Bride of Frankenstein" in der 72-Minuten-Fassung (das von Whale gedrehte, aber der Zensur zum Opfer gefallene Material ist leider verloren) kommt von der Bildqualität nicht ganz an die von "Frankenstein" heran. Das Bild wirkt insgesamt etwas verrauschter und weicher, zu Beginn ist auch leichtes Filmmern zu vermelden. Einige Verschmutzungen und Defekte sind angesichts des Alters des Films zu verschmerzen, der Kontrast ist gut, ebenso die Kompression. Mein United-Player scheiterte allerdings am Layerwechsel.

Tonqualität: Auch hier hält die "Bride" leider nicht ganz mit dem Vorgänger mit. Zwar ist die englischsprachige Tonspur frei von störendem Hintergrundrauschen, die Sprachqualität der Dialoge ist aber insgesamt etwas matschiger und macht den Film schwieriger verständlich als "Frankenstein", besonders in der ersten Phase des Films. Trotzdem aber selbstverständlich noch im grünen Bereich. Neben dem englischen wird deutscher und französischer Mono-Ton mitgeliefert, dazu ein Rudel Untertitelspuren.

Extras: Die Extras ähneln in ihrer Zusammenstellung denen von "Frankenstein". Auch hier gibt's den Kinotrailer sowie eine ausführliche, von Joe Dante gehostete Dokumentation über den Entstehungsprozess des Films, mit einer Fülle interessanter Informationen und netten Interviews, u.a. erneut mit Rick Baker, Sara Karloff und, als Neuzugang in der Gesprächsrunde, Clive Barker. Es gibt wieder eine Fotogalerie mit Aushang- und Plakatmotiven sowie den Audiokommentar eines Filmhistorikers, wieder mit einigen neuen Anekdoten und Wissenswertem, aber auch mit einigem bereits aus der Doku bekannten. Außerdem nimmt sich Spracher Scott MacQueen auch einige Auszeiten. Dennoch ein schönes Paket.

Fazit: "Bride of Frankenstein" ist die konsequente Steigerung von "Frankenstein" und der Höhepunkt des klassischen Universal-Horror-Kintopps. Hier stimmt beinahe alles - der Plot wird schlüssig weiterentwickelt, der Kunstgriff, mit Praetorius einen neuen Charakter als eigentliche "Schurkengestalt" hinzufügen, gibt dem Film mehr "meat" und hebt ihn meilenweit über den Status eines bloßen neuen Aufgusses des gleichen Themas. Wäre nicht dieser unselige Minnie-Charakter, der mich auf jede Palme treibt, wüsste ich nicht, was ich an diesem Film ernstlich bemängeln sollte, ohne getrocknete Weintrauben auszuscheiden. Sagen wir's einfach, wie's ist: "Bride of Frankenstein" ist DER Meilenstein des klassischen Schauerkinos, an dem sich alles andere zu messen hat (und scheitert). Essential viewing!

SON OF FRANKENSTEIN

(dt.: "Frankensteins Sohn") USA 1939, 95 min, FSK 16 Regie: Rowland V. Lee Darsteller: Basil Rathbone (Baron Wolf von Frankenstein), Boris Karloff (Das Monster), Bela Lugosi (Ygor), Lionel Atwill (Inspector Krogh), Josephine Hutchinson (Elsa von Frankenstein), Donnie Donnegan (Peter von Frankenstein), Lionel Belmore (Emil Lang)

Nachdem der alte Monsterbastler Baron Frankenstein in die nächste Welt aufgefahren ist, kehrt sein Sohn Wolf mit Frau und Kind aus Amerika aufs alte Familienschloss (nicht wundern, ich komme auf den Punkt noch zu sprechen) zurück, um sein Erbe anzutreten. Die Dorfbewohner sind skeptisch bis offen feindselig und bereiten den Neuankömmlingen einen recht frostigen Empfang. Man befürchtet, dass ein Frankenstein so ist wie der andere und der neue Baron nichts besseres zu tun haben wird, als ein neues Monster zusammenzuschustern und es auf die Welt loszulassen. Auch der örtliche Polizeiinspektor Krogh, der als Kind einen Arm an das Monster verloren hat, warnt Frankenstein - es hat in den letzten Jahren ungeklärte Todesfälle gegeben, die viele als Werk des (offiziell vernichteten) Monstrums ansehen. Wolf verlacht den Inspektor, aber wer zuletzt lacht, lacht nicht immer am besten, hat aber meistens Recht. Kaum inspiziert Wolf das zertrümmerte Labor seines Vaters, macht sich der Bucklige Ygor bemerkbar. Der ist einst wegen Leichendiebstählen gehenkt worden, hat das lustige Strippenbaumeln aber mit einem gebrochenen Genick überlebt und residiert seither in der Laborruine, und das nicht allein, sondern mit dem intakten Monster, seinem "Freund". Das allerdings liegt seit 20 Monaten im Koma und Ygor erhofft sich von Wolf in treuer Familientradition die Heilung der Kreatur. Wolf macht sich auch mit Feuereifer an die Arbeit, glaubt aber nach Vollzug des Experiments gescheitert zu sein. Aber nicht doch - das Monster lebt und unterliegt Ygors Kontrolle. Der Bucklige braucht das Monster, um seine Rache an den Geschworenen, die ihn einst zum Tode verurteilt hatten, zu vollenden. Die sechs Leichen gehen allesamt auf das Monster-Konto, zwei stehen noch aus. Das Monster macht sich an die Arbeit und die aufgebrachten Dorfbewohner stellen die Frankenstein-Sippe, Fackeln und Mistforken bei Fuß, unter Generalverdacht. Als Wolf Ygors Ränkespiel durchschaut und den BUckligen in Notwehr tötet, dürstet das Monster, seines einzigen Freundes beraubt, nach Rache und kuckt sich Wolfs kleinen Sohn Peter als geeignetes Opfer aus...

Der Film: Nach "Bride of Frankenstein" dauerte es erneut vier Jahre, bis Universal, mittlerweile nicht mehr unter der Ägide der Lämmles, die das Studio einige Jahre zuvor verloren hatten, eine weitere Fortsetzung auf Spur brachten. Für "Son of Frankenstein" wurde eine eindrucksvolle Besetzung zusammengetrommelt. Neben Karloff, der natürlich erneut die Kreatur spielen durfte, wurde "Dracula" Bela Lugosi als Buckliger Ygor verpflichtet, die Rolle des Frankenstein-Sohns Wolf ging an den berühmtesten aller Film-Sherlock Holmes Basil Rathbone (Hahn/Jensen jubilieren in ihrem, äh, Standardwerk "Lexikon des Horrorfilms" von der "vielleicht besten Besetzung, die je für einen Horrorfilm vor der Kamera stand"). Insofern waren die Voraussetzungen auf Schauspielerseite nicht die schlechtesten, allerdings hatte James Whale, dessen Name unzweifelhaft für die herausragende Qualität der Vorgängerfilme steht, gefrustet vom Hollywood-Business das Regiehandwerk kurzerhand an den Nagel gehängt und beschäftigte sich, finanziell auf Rosen gebettet, nur noch mit seinem Hobby, der Malerei. Es ist aber davon auszugehen, dass Whale grundsätzlich kein Interesse an einem weiteren Frankenstein-Film gehabt hätte, da er sich schon zur "Braut" hatte überreden lassen müssen und dort ursprünglich ein sehr düsteres Ende ohne Überlebende vorgesehen hatte.

Whale wurde durch Rowland V. Lee ersetzt, einen routinierten, aber nicht ambitionierten Regisseur, der seine Karriere bereits zur Stummfilmzeit begonnen, unkreditiert an den ersten beiden "Fu Man-Chu"-Filmen herumgewerkelt und allerhand Dramen- und Abenteuerfilme inszeniert hatte. Damit war die Marschrichtung klar - künstlerischer Anspruch war die Sache von "Son of Frankenstein" nicht, Universal wollte einen Kommerzreißer - manche Dinge ändern sich eben nie - und sollte ihn auch bekommen.

Für das Drehbuch wurde Wyllis Cooper angeheuert, der sich durch das Verfassen dreier Scripte für die erfolgreiche "Mr. Moto"-Reihe mit Peter Lorre und das Bela-Lugosi-Serial "The Phantom Creeps"einen Namen gemacht hatte, trotzdem aber mit "Son" sein letztes Filmdrehbuch ablieferte und nach dem Zweiten Weltkrieg unter die Fernsehproduzenten ging.

Cooper, dessen Script aber auch noch stark umgeschrieben wurde, so war in seiner Endfassung der Charakter des Ygor, der letztlich eine zentrale Rolle übernehmen sollte, nicht vorhanden, ging mit den Vorgaben der ersten beiden Filme, wie soll man sagen, recht freimütig um. Freunde der ersten beiden Filme werden nicht viel wiedererkennen, und, wenn man böse sein will, bestehen die beiden einzigen echten Anknüpfungspunkte aus dem Monster selbst und einem Gemälde des verstorbenen Barons, das Colin Clive, dem Frankenstein-Darsteller der ersten beiden Filme, vage ähnlich sieht. Die Veränderungen beschränken sich nicht nur auf schlichte faktische Fehler (so wird der Monsterbauer Frankenstein in "Son" mit dem Vornamen "Heinrich" versehen, obschon er eindeutig "Henry" hieß), sondern auch auf grundsätzliche inhaltliche und künstlerische Erwägungen. Dass die Frankensteins ein gothisches Familienschloss besitzen, ist für die Kenner der Serie sicher eine Überraschung, ebenso die Tatsache, dass das Dorf auf den Namen der Sippe, "Frankenstein", hört (dafür allerdings bekommen wir die wertvolle Information überliefert, dass die Ortschaft auf 638 Meter Höhe gelegen ist). Wolf Frankenstein räsoniert in einer Szene in der Familienbibliothek, dass sein Vater "genau hier" den Bau seiner Kreatur ersonnen habe - wir wissen, dass die Forschungen in Goldstadt und dem alten Wachtturm, in dem Frankenstein sein Labor hatte, von statten gingen und seine Familie eben überhaupt nicht involviert war, auch nicht rein geographisch. Das Labor selbst, in "Bride" vom Monster in die Luft gejagt, liegt nun nicht mehr in dem alten Wachtturm, sondern bequem mit wenigen Schritten vom Schloss aus erreichbar, in einem Kuppelbau - wenigstens ist selbiger halb zerstört, um so zumindest ansatzweise mit dem Showdown aus "Bride" in Verbindung gebracht werden zu können. Vom Säuretümpel im Labor war in den Vorgängerfilmen natürlich auch nicht die Rede, ebensowenig von Ygor, von dem "Son" impliziert, dass er für den Senior-Frankenstein die Leichen besorgt hat (was also im Ur-"Frankenstein" Fritz gewesen wäre). Die technischen Apparaturen im Labor selbst unterscheiden sich deutlich von den bisher gezeigten, da muss man regelrecht froh sein, dass das Monster selbst noch aussieht, wie wir es kennen. Der Film ist sozusagen ein einziges Plothole in sich selbst, und schafft es dabei nicht nur, sich in Widersprüche mit den ersten beiden Teilen zu setzen, sondern auch in seiner eigenen Geschichte zum Kopfkratzen anregende Merkwürdigkeiten auszubauen - z.B. die Frage, warum die Frankensteins in einer Familiengruft beigesetzt werden, die nur durch eine Geheimtür vom Labor aus erreichbar ist (stellt sich die Frage, WER die Sarkophage dort aufgestellt und sich Zeit genommen hat, auf den von Heinrich Frankenstein "Maker of Monsters" zu kratzen), und die dem Monster als Unterschlupf und Quartier dient. Das riecht nach schlichter Plot Conveniance.

Ich will den Film aber nicht übertrieben madig machen - "Son of Frankenstein" ist in vielfältiger Hinsicht das letzte große Aufbäumen der Serie und vielleicht der klassischen Universal-Horrorfilme an sich (auch wenn das dritte große Franchise, "The Wolfman", erst zwei Jahre später gestartet wurde. Es erreichte jedoch nie die filmhistorische Bedeutung und Würdigung der Frankenstein-Reihe), man muss den Film eigentlich, auch wenn es mehr oder weniger unmöglich ist, losgelöst von den Whale-Filmen begreifen und analysieren. Dann kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass "Son of Frankenstein" auf keinen Fall die große künstlerische Klasse von "Frankenstein" und "Bride of Frankenstein" erreicht, aber für sich alleine genommen ein sehr kurzweiliger und unterhaltsamer - tada-da-tamm - Kommerzreißer ist.

Jetzt hab ich grad geschrieben, dass man "Son" nicht mit den Vorgängern vergleichen soll und tu's trotzdem gleich wieder. Ich komme jetzt nämlich auf die inhaltliche Komponente zu sprechen und da ist "Son" natürlich völlig frei von jedem gesellschaftskritischen Subtext, wie ihn Whale subversiv einzubauen pflegte. Whales, speziell in "Bride" deutliches Credo der Solidarität unter den Schwachen schimmert ganz dezent in der Verbindung zwischen Ygor und der Kreatur durch - wieder sind es zwei Außenseiter der Gesellschaft, die sich zum gegenseitigen Vorteil zusammentun und doch - in "Son" ist diese Verbindung nicht nur mit einer gewissen Homoerotik (vor allem seitens Ygor in Richtung Monster), sondern eben eindeutig negativ belegt. Von der Tragik des unverstandenen Monsters ist nicht viel übriggeblieben (ebensowenig von seinen in "Bride" erlernten Sprachfähigkeiten), es ist ein mehr oder weniger geistloses Werkzeug für Ygors Rache, ohne eigenen Willen (zumindest bis zu Ygors Tod), ohne eine eigene Persönlichkeit zu haben. Immerhin ist es insofern konsequent, dass das Monster eigentlich eine Nebenfigur des Films ist - die zentrale Gestalt des Films, der Katalysator der Story ist Ygor, das Monster übernimmt die Rolle des Mittelpunkts des Geschehens erst in den letzten vielleicht sieben-acht Minuten. Es hat wenig Screentime (taucht auch erst nach einer guten halben Stunde erstmals auf und ist dann noch ein gutes Weilchen komatös), es fehlt ihm sowohl an der physischen Präsenz im Film als auch der an der tragischen Ausstrahlung, in "Son" ist Frankenstein einfach weniger die bedauernswerte Kreatur als das böse Monster. Im Widerspruch zur Darstellung der Kreatur als brutaler, aber auf tierische Instinkte reduzierte Killer steht, das die Kreatur bei den Kills selbst unerwartet aufwendig und kompliziert vorgeht (eines seiner Opfer drapiert er so unter einer Kutsche, damit der Todesfall nach Unfall aussieht), was man als aufmerksamer und mitdenkender Zuschauer auch nicht so einfach glauben kann (ja, natürlich kann man davon ausgehen, dass Ygor entsprechende Befehle erteilt hat, aber das Monster verhält sich in der entsprechenden Szene einfach zu "Intelligent").

Was "Son" völlig außer Acht lässt, ist der von Whale beabsichtigte "Alternativwelteffekt". Die beiden ersten Filme verweigerten sich einer geographischen und zeitlichen Zuordnung - es gab verhältnismäßig moderne Technik und Mode, gleichzeitig aber hoffnungslos altmodische Pendants. "Son" ignoriert diese Vorgabe, macht Nägel mit Köpfen und schafft es, sich gleichzeitig zu datieren als auch örtlich festzulegen. Die Plotte spielt nunmehr eindeutig in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum, die Zeit ist die relative Gegenwart des Jahres 1939 - Dampfzüge und (damals) moderne Automobile befördern unsere Protagonisten. Zwar versucht der Film, das Dorf Frankenstein selbst weiter als "rückständig-primitiv" zu schildern, es beisst sich allerdings mit der eindeutig definierten Epoche der Autos und modernen Züge - die leicht surreal-traumhafte Atmosphäre der beiden Vorgänger wird verschenkt.

Es ist schade, dass der Film sich nicht wirklich wie ein Sequel zu den vorhergehenden Filmen spielt, sondern eher den Eindruck erweckt, als wäre er in einem anderen Universum als "Frankenstein" und "Bride" angesiedelt, weil er in einigen Szenen dann doch wieder einen hübschen Sinn für witzige Details beweist, so nimmt der Streifen z.B. direkt Bezug darauf, dass viele Zuschauer irrtümlicherweise das Monster als "Frankenstein" bezeichneten, indem es Wolf zu Beginn geplagt ausführen lässt: "9 von 10 Menschen glauben, dass das Monster Frankenstein heißt".

Zu den filmisch-handwerklich-technischen Merkmalen. "Son of Frankenstein" ist mit 95 Minuten Laufzeit außerordentlich lang für einen klassischen Horrorfilm - die meisten Genrefilme dieser Epoche schafften es mit Müh und Not über die Ein-Stunden-Marke und Universal selbst produzierte nur einen längeren Horrorfilm: die spanische "Dracula"-Version, die eine knappe Minute länger läuft. Rowland V. Lee treibt die Story durchaus kurzweilig voran - es gibt wenig bis kaum Leerlauf, auch wenn einiges streng genommen überflüssig ist (dass Wolf Frankenstein Familie mitbringt, tut bis auf die Tatsache, dass sein Sohn Peter sich im Schlußakt vom Monster kidnappen lassen kann, nichts zur Sache, speziell Elsa Frankenstein, Wolfs Ehefrau, ist zu einer Stichwortgeberin reduziert und macht so den Elizabeth-Charakteren der Vorgänger, die vielleicht auch nicht immer glücklich behandelt wurden, aber zumindest integral wichtige Plot-Bestandteile waren, keine Ehre). Im Vergleich (ja, schon wieder) zu den Whale-Filmen ist "Son of Frankenstein" optisch ein relativ statischer Film - vorbei ist's mit der visuellen Dynamik von Whales für die damalige Zeit spektakulären Kamerafahrten, Zooms und Schwenks, bei Lee regiert die klassische US-Schule - wir haben einen Szenenaufbau, wir montieren die Kamera fest und filmen das, was vor sich geht. Gelegentlich übertüncht verhältnismäßig schneller Schritt den Mangel an Kamera-Dynamik und oft ist Lee schlau genug, wenigstens innerhalb der festen Szenen für Bewegung zu sorgen, seine Schauspieler auf Trab zu halten und sie durch's Set zu scheuchen. Allerdings: ein Anerkenntnispunkt für einen der meines Wissens ersten Monster-POV- Shots!

Die Ausstattung des Films offenbart Licht und Schatten. Das Frankenstein-Schloss-Set selbst ist eindrucksvoll, auch wenn es eher zum alptraumhaft-modernen Stil des Hjalmar-Poelzig-Hauses aus dem ebenfalls von Universal, fünf Jahre früher, produzierten Karloff/Lugosi-Classics "The Black Cat" passen will als zu den etablierten Konventionen der "Frankenstein"-Reihe. Dennoch - das Schloss mit seinen unpassenden Winkeln, seiner unübersichtlichen, kalten Konstruktion ist unheimlich. Dafür ist es andererseits ziemlich leer und kahl (man fragt sich, ob sich Kenneth Branagh bei seiner Ego-Adaption des Themas daran orientiert hat, dort war das Frankenstein-Anwesen auch - bewusst? - sparsam ausgestattet), was zwar einerseits die sterile Wirkung des Gemäuers unterstreicht, nach dem ersten und zweiten Aha-Effekt aber auch ein wenig langweilig wirkt.

Effekttechnisch leidet der Film darunter, dass DIE Sequenz eines jeden Frankenstein-Films, die Erweckung des Monsters, bei weitem nicht so aufwendig zelebriert wird, wie man es sich wünschen möchte. Das Monster-Make-up ist immer noch effektiv (aber entweder sieht man sich dran satt oder es wirkt nicht so detailliert wie gewohnt), aber Lugosis Make-up mit dem einprägsamen Genickbruch überzeugt fast noch mehr. Während der Film seine Kills ansonsten in 30er-Jahre-Tradition off-screen oder maximal als Schattenspiel zeigt, überrascht er im Showdown mit der überraschend graphischen Darstellung des Abreißens eines Arms (auch wenn's auch im Filmsinn nur eine Prothese ist).

Zu den Darstellern - Boris Karloff wirkt, sofern man das unter Jack Pierces Make-up beurteilen kann, etwas gelangweilt. Er spult den Part routiniert, aber scheinbar ohne großes Herzblut ab (nicht von ungefähr schlüpfte er zum letzten Mal ins Frankenstein-Kostüm, sein letzter Auftritt in der Serie in "House of Frankenstein" war ein solcher als "Mensch"). Er hat dafür, dass er more or less die Rolle spielt, weswegen die Zuschauer ins Kino strömen sollten, nur relativ wenige Auftritte und nur die "Spiegel"-Szene (in der das Monster seine eigene äußerliche Abscheulichkeit wahrnimmt) und seine Trauer um Ygor sind einprägsam - den Rest des Films absolviert Karloff im generic-stalking- monster-Modus.

Die restlichen Hauptdarsteller sind aber ausgesprochen spielfreudig - Basil Rathbone ist eine wahre Schau. Seine Wandlung vom ernsthaften, selbstbewussten und leicht arroganten Wissenschaftler, der jede Monstergeschichte als Übertreibung oder simplen Aberglauben abtut, zum hypernervösen, völlig verunsicherten Nervenbündel ist eine Augenweide. Vielleicht nicht gerade die große Schauspielkunst, aber spaßig anzusehen - speziell seine Wortgefechte mit Lionel Atwill (Inspektor Krogh) sind Höhepunkte des Films, wie überhaupt Atwills Performance als Mann des Gesetzes, der einerseits versucht, die Frankensteins vor dem Volkszorn zu schützen, andererseits aber vermutet, dass der Baron mehr weiß, als er zugeben mag. Der Genre-Veteran ("The Vampire Bat", "Mystery in the Wax Museum", "Murders in the Zoo", "Mark of the Vampire") sorgt auch für die komödiantischen Glanzlichter (sein "Kampf" mit seinem künstlichen Arm, der manchmal eine Art Eigenleben zu leben scheint, sorgt für humorige Auflockerung, ohne dass der Film einen lästigen comic-relief-Charakter nötig hat). Eine seiner besten Vorstellungen liefert Bela Lugosi (unter schwerem Make-up, das seine Gesichtszüge aber trotzdem erkennbar lässt) als Ygor. Er ist, wie bereits mehrfach erwähnt, die heimliche Hauptfigur des Films. Es mag zwar eine im Vergleich zur Monster-Rolle der beiden ersten Frankenstein-Filme eine eher eindimensionale Schurkenrolle zu sein, aber Lugosi absolviert sie in Hochform - ein letztes echtes Karrierehighlight des Mannes, der die Karloff- Rolle ursprünglich abgelehnt hatte und sie vier Jahre später in "Frankenstein meets the Wolf Man" dann doch, stumm und unter dem klassischen Monster-Make-up, annehmen musste (der Erfolg in und von "Son of Frankenstein" brachte Bela übrigens eine gute Nebenrolle im Garbo-Film "Ninotchka" ein). Welchen Stellenwert Lugosi bei Universal genoss, kann man übrigens schon daran erkennen, dass die große Rolle des Ygor ihm gerade mal 4.000 Dollar einbrachte, während Karloff schon für "Bride of Frankenstein" das dreifache kassierte...

Josephine Hutchinson als Elsa hat, wie schon angedeutet, nicht wirklich weltbewegendes zum Erfolg des Films beizutragen - sie ist Staffage, tut aber niemandem weh, im Gegensatz zur Mordlust hervorrufenden Performance des Kinderdarstellers Donnie Donnegan, gegen den sich ein typischer Godzilla-Kenny als echtes Herzchen entpuppt (ganz abgesehen davon, dass Donnie sich mehrmals deutlich vernehmbar in seinen Lines verhaspelt). Der eher schauerlichen Leistung zum Trotz sprach Donnegan 1942 im Disney-Klassiker "Bambi" die Titelrolle. Lionel Belmore, der im ersten Film den Bürgermeister spielte, gibt hier - als anderer Charakter - eines der Opfer des Monsters.

Bildqualität: "Son of Frankenstein" findet sich in der Monster Legacy auf dem selben Datenträger wie "Ghost of Frankenstein", der nächste Film der Serie aus dem Jahr 1942. Die Bildqualität ist voll zufriedenstellend. Schärfe- und Kontrastwerte sind absolut zweckmäßig, der Print ist sehr sauber und weist kaum Defekte und Verunreinigungen auf, die Kompression ist allerdings nur mittelmäßig.

Tonqualität: Universal legt den Film auf Deutsch, Englisch und Französisch vor. Der englische O-Ton, stets zu bevorzugen, allein schon wegen Belas Performance, ist nicht so gut wie der von "Frankenstein". Zwar ist die Mono-Tonspur fast völlig rauschfrei, die Dialoge neigen aber gelegentlich zu leichter Verbreiung. Man kann den Dialogen dennoch gut folgen, und wenn alle Stricke reißen, gibt's ja immer noch das übliche Rudel Untertitelspuren.

Extras: Für "Son of Frankenstein" befinden sich leider keinerlei Zusatzmaterialien auf der DVD.

Fazit: Qualitativ kann "Son of Frankenstein" den beiden direkten Vorgängern nicht das Wasser reichen - zu oft verheddert sich der Film in Widersprüchen zu etablierten Fakten der beiden ersten Filme und ist oft genug auch in sich nicht völlig logisch. Wo "Frankenstein" und "Bride of Frankenstein" mehr als nur plumpe Horrorfilme, sondern sich nach James Whales Willen nicht vor subversiver Gesellschafts- und Religionskritik drückte (speziell das Thema "Religion" bleibt in "Son" schon augenfällig ausgeklammert), ist "Son" der Prototyp eines auf finanziellen Erfolg getrimmten, aber anspruchslosen und nach Möglichkeit nicht aneckenden Kommerzfilms. Das muss nichts schlechtes sein und in der Tat ist "Son of Frankenstein" eine unterhaltsame Sache, vor allem dank der blendend aufgelegten Rathbone, Atwill und Lugosi, aber der Tiefgang, das Melodrama, die Tragödie der beiden Vorgängerfilme bleibt unerreicht. Summa summarum - verdientermaßen ein Genreklassiker, aber nicht in der selben Liga mit "Frankenstein" und "Bride".

THE GHOST OF FRANKENSTEIN

USA 1942, 65 min, FSK 16 Regie: Erle C. Kenton Darsteller: Sir Cedric Hardwicke (Dr. Ludwig Frankenstein/Heinrich Frankenstein), Lon Chaney jr. (Das Monster), Ralph Bellamy (Erik Ernst), Lionel Atwill (Dr. Bohmer), Bela Lugosi (Ygor), Evelyn Ankers (Elsa Frankenstein), Janet Ann Gallow (Cloestine Hussman), Barton Yarborough (Dr. Kettering), Doris Lloyd (Martha), Olaf Hytten (Hussman)

Im Dorfe Frankenstein hat sich die Stimmungslage seit "Son of Frankenstein" nicht entscheidend verbessert. Die Bewohner der benachbarten Gemeinden schneiden die Frankensteiner, die Ernten sind schlecht, allgemein herrscht schlechte Laune. Den Dörflern ist klar - das ist der Fluch derer von und zu Frankenstein, und den wird man nur los, wenn man deren Stammschloss (das inzwischen sein Aussehen mal wieder geändert hat und anstelle des kalten Modernismus-Stils wieder standesgemäß gothisch-mittelalterlich daherkommt) in die Luft jagt. Das Gemäuer wird nur noch von Ygor bewohnt, der - wie auch immer - überlebt hat, von Wolf von Frankenstein erschossen worden zu sein, aber auch nicht verhindern kann, dass das Schloss gesprengt wird. Aber das trifft sich, denn dadurch wird das Monster reanimiert, das in der Säuregrube konserviert wurde (!). Ygor, entzückt über das Wiederauftauchen seines einzigen Freundes, stellt schnell fest, dass das Monster, so rein vom Kräftehaushalt her betrachtet, auf Reserve läuft und dringend neue Lebenskraft braucht. Zum Glück weiß Ygor von einem weiteren Frankenstein-Sohn namens Ludwig und der kann da doch sicher aushelfen...

Ludwig Frankenstein (das "von" hat die Sippe zwischen Teil 3 und 4 mal wieder verloren) praktiziert als frühzeitlicher Gehirnmetzger in der idyllischen Kleinstadt Vasaria und hat eigentlich nur das Problem, dass sein Assistenzarzt (und früherer Lehrmeister) Dr. Bohmer ein wenig quengelt, auf die ungeliebte Gehülfenposition relegiert worden zu sein (wegen dem einen kleinen Kunstfehler... tsss). Als Ygor mit dem Monster auftaucht, kommt's sofort zu chaotischen Ereignissen. Das Monster erinnert sich daran, Freund aller Kinder zu sein, tötet bei dem Versuch, einem kleinen Mädchen einen Ball vom Dach zu holen, versehentlich zwei Männer und wird festgesetzt. Ygor eilt zu Frankenstein und erpresst den guten Mann, von dessen Verwandschaft mit dem berüchtigten Monsterbastler in Vasaria niemand etwas ahnt, was nach Ludwigs Willen auch so bleiben soll. Eigentlich besteht der Plan darin, dass Frankenstein als Experte für Geisteskranke dafür sorgen soll, dass das Monster in seine Obhut überstellt wird, aber das Monster bricht bei der Anhörung schon ganz von alleine aus. Nach Analyse der Sachlage kommt Frankenstein auf den Trichter, dass an der ganzen Misere der Gewalttätigkeit nur das kriminelle Gehirn des Monsters schuld ist. Eine kleine Gehirntransplantation könnte das Wunder wirken. Als Spender hat er sich seinen zweiten Assi, Dr. Kettering, ausgekuckt, der vom Monster ebenfalls eher versehentlich ermordet wurde. Ygor ist von der Grundidee zwar recht angetan, nicht aber von den praktischen Details. Ein Monster mit Kettering-Hirn wäre ja nicht mehr sein Freund, da fände Ygor es schon besser, man würde seinen eigenen Brägen in den Monsterkörper verpflanzen, was nun wieder Frankenstein vehement ablehnt.

Ygor allerdings ist ein helles Köpfchen - er überredet Bohmer, die Operation in seinem Sinne zu manipulieren. Das Monster selbst hat aber auch eigene Ideen - es wünscht den Denkapparat des kleinen Mädchens implantiert zu bekommen...

Der Film: Nach "Son of Frankenstein" zogen wieder drei Jahre ins Land, bis Universal die dritte Fortsetzung seiner populärsten Monsterserie auf die Beine stellte und wieder gab es einige Veränderungen. Die wichtigste war zweifellos, dass Boris Karloff in weiser Voraussicht ablehnte, sich ein viertes Mal ins Frankenstein-Make-up zu zwängen. Er wurde durch Lon Chaney jr. ersetzt, den Universal gerade mit "The Wolfman" zum Star gemacht hatte. Bela Lugosi hatte eh nicht viel besseres zu tun, also konnte er seine Performance als Ygor wieder aufgreifen, Lionel Atwill wurde verpflichtet, um einen anderen Charakter zu spielen und für die Frankenstein-Rolle engagierte man den renommierten britischen Mimen Sir Cedric Hardwicke.

Inhaltlich setzt "Ghost" quasi direkt dort an, wo "Son" aufhörte, auch wenn drehbuchgewollt eine unbestimmte, aber wohl längere Zeitspanne zwischen den beiden Filmen liegt (die erklärt allerdings auch nicht, wieso das Frankenstein-Schloss eine komplette architektonische Re-Altmodisierung erlebt hat). Wie schon bei "Son of Frankenstein" ist die Intention der Produzenten klar - man wollte keine Kunst machen, kein anspruchsvolles Kritiker-Darling im Sinne der James-Whale-Filme, sondern einen flotten, wenig tiefschürfenden Kommerzreißer, mit dem unter kalkulierbarem finanziellen Risiko maximaler pekuniärer Reibach erzielt werden konnte. "Ghost of Frankenstein", der hierzulande ein relativ unbeachtetes Dasein als Stiefkind der Reihe fristete (ich hab den Film mit dieser DVD tatsächlich zum ersten Mal gesehen), erweist sich, die simplen kommerziellen Erwägungen der Produzenten zum Maßstab genommen, als relativ erfolgreich und insgesamt, trotz mancher Schwächen, als qualitativ immer noch bemerkenswert hochwertiges Produkt für das dritte Sequel eines von Universal nurmehr als Melkkuh betrachteten Franchises.

Die meisten Schwächen liegen im Script begründet - wie so oft. Das Drehbuch zwingt den geneigten Zuschauer gleich zu Beginn zum Schlucken so mancher Kröte. Okay, dass man aus dem modernen Frankenstein-Schloss wieder eine mittelalterliche Räuberhöhle gemacht hat, damit kann man sich abfinden, schon etwas härter zu kauen hat man an der Tatsache, dass Ygor, obwohl von Bela Lugosi in "Son" so theatralisch gestorben, ohne jegliche Erklärung wieder quicklebendig durch die Handlung springt (naja, springen nicht gerade) - dem Script fällt dazu nicht mehr ein, als darauf hinzuweisen, dass Ygor ja auch seine Hinrichtung durch den Strang überlebt habe (wobei ich, bei aller Liebe, doch noch eher glauben kann, dass jemand ein lustiges Hängen überlebt als zwei Pistolenkugeln mittschiffs). Weil Basil Rathbone keine Lust mehr hatte (oder auch für eine vermutlich nicht üppig budgetierte Angelegenheit wie diese nicht bezahlbar war, who knows; das Script schickt seinen Wolf von Frankenstein übrigens ins "Exil"), musste wieder mal ein neues, bislang unerwähntes Mitglied der unüberschaubaren Frankenstein-Familie aus dem Hut gezaubert werden, in Form von Ludwig (ohne "von") Frankenstein, dem Kurierer von "Diseases of the mind" (worunter sich schlichte Gemüter wahrscheinlich eher einen Seelenklempner vorstellen würden als einen Pionier der Hirnchirurgie) - woher Ygor den schon wieder kennen will, weiß ich auch nicht, aber der Film lässt Ygor, was in "Son" vielleicht vorsichtig angedeutet wurde, in "Ghost" explizit aussprechen, dass er dem Ur-Frankenstein die Leichenteile zusammengeklaut habe (das setzt sich zwar in klaren Widerspruch zu den in "Frankenstein" dargestellten Fakten, aber Universal ging wohl davon aus, dass sich 11 Jahre nach dem ersten Film kein Mensch mehr an alle Einzelheiten erinnern würde. Damals dachte noch keiner an Internet-Nerds, die zu viel Zeit haben...). Na gut, wir nehmen's, wie's kommt - das von Säure konservierte (!) Monster wirkt bedingt durch den Darstellerwechsel ein-zwei Köpfe größer und insgesamt massiger als in seiner Karloff-Inkarnation, aber das ist halt kaum zu ändern (Lon Chaney zu köpfen wäre möglicherweise * leicht * übertrieben gewesen).

Rein storytechnisch setzt "Ghost" den in "Son" eingeschlagenen Kurs fort - das Monster rückt weiter in den Hintergrund, der eigentliche Schurke ist Ygor, der sich in diesem Film ernsthaft mit dem Gedanken an die Erringung der Weltherrschaft (sofern sein geniales Gehirn in den unzerstörbaren Monsterkörper transferiert wird) anfreundet. Die Folge dieser innerhalb der von "Son" begonnenen Storyline immerhin recht konsequenten Rückstufung des Monsters zu einem Nebencharakter, einem Handlanger des eigentlichen "Bösen" Ygor, reduziert selbstverständlich nicht nur die Screentime des Monsters, sondern auch die dramatischen und dramturgischen Möglichkeiten, etwas mit der Kreatur anzufangen. "Ghost" beschränkt sich daher folgerichtig auf einige Demonstrationen der körperlichen Stärke des Monsters und lässt ihm nur anderthalb wirkliche "Charakterszenen", in denen es sich um die Freundschaft des Monsters zu Kindern, speziell dem kleinen Mädchen, dreht, bzw. weniger um Freundschaft im Wortsinne als Faszination. Wie schon in "Frankenstein" ist es wieder ein Kind, das - neben Ygor, der in der Kreatur aber mehr Mittel zum Zweck als echten Freund sieht - als einziges Wesen das Monster vorurteilslos akzeptiert. Das Monster, von dieser vorbehaltlosen, ehrlichen Offenheit überrascht, scheint, so impliziert der Film zumindest, davon so beeindruckt zu sein, dass es sich wünscht, das Gehirn des Mädchens zu besitzen, um diese Unschuld, dieses Vertrauen, diese Toleranz gegenüber Andersartigem, selbst verkörpern zu können.

Leider ist das in der Storyline des Films ein eher nebensächlicher Einwurf, während die Grundgeschichte eben verstärkt auf Ygor und seine megalomanischen Pläne abstellt - mir wird Ygor zu sehr als "criminal mastermind" geschildert - in "Son" war er, ähnlich wie das Monster selbst "simple minded" und nicht gerade für genialistische Ideen berühmt. Es erscheint mir übertrieben, dass der primitive Grabräuber mühelos einen halbwegs intelligenten Wissenschaftler wie Bohmer für seine Pläne einspannt. Das Script traut Ygor für meinen Geschmack zu viel intellektuelle Brillanz, stilisiert ihn zu sehr zum Superschurken - aber es liegt auf der Linie der Serie, das Publikum nicht mehr mit kopflastiger Hintersinnigkeit zu überfordern, sondern eine schlichte Gruselgeschichte zu erzählen.

Nicht immer ist "Ghost of Frankenstein" völlig logisch. So mag der Kenner der Filme bezweifeln, dass Heinrich (oder Henry) Frankenstein seine Schöpfung in seinem Tagebuch noch VOR der eigentlichen Tat als "Monster" bezeichnen würde, aber das ist noch ein kleineres Übel. Schwerer wiegt schon das Problem, dass sich Bohmer, ein sich zwar möglicherweise ungerecht behandelt fühlender, nichtsdestotrotz aber eher ratio-orientierter Wissenschaftler sich von einem hergelaufenen Haderlumpen wie Ygor recht problemlos zum willfährigen Helferlein umschulen lässt. Auch dass Ludwig Frankenstein durch seine angeblich nicht bekannte Verwandschaft zum weltbekannten Monsterbastler erpressbar ist, ist mehr der Plot Convenience als schlüssig konstruiertem Storytelling zu verdanken. Der größte Hammer des Films ist aber einer von der Dimension einer autobahnbaustellenkompatiblen Dampfwalze... Das Monster entführt das kleine Mädchen, mit dem es sich angefreundet hat, weil es wünscht, sein Gehirn implantiert zu bekommen. Soweit, so gut, wenn auch nicht wirklich verständlich. Es gelingt Ludwig Frankenstein mit Ygors Hilfe recht problemlos, das Kind aus den Monsterpfoten zu befreien. Was tut der schlaue Wissenschaftler nun? Er gibt das Mädchen nicht etwa seinen sorgenzerfressenen Eltern zurück, sondern hält es (über, wenn wir dem Script glauben, einen Zeitraum von ZWEI WOCHEN) in seinem Haus mehr oder minder gefangen. Würde ein seriöser Arzt und Wissenschaftler wie Ludwig Frankenstein tatsächlich nur seines guten Rufes wegen (er will geheimhalten, dass das Monster und Ygor sich in seiner "Obhut" befinden) der Kindesentführung schuldig machen? That's tough to swallow und lässt mich darüber spekulieren, ob der gute Doktor den wütenden Lynchmob, der das Kind eh in seinem Haus vermutet, nicht absolut verdient hat...

Aber trotzdem - die Geschichte erfüllt ihren Zweck, sie füllt die kurze Laufzeit des Films mit genügend "Action". Intellektuelle Höhenflüge weichen, wie schon ausgeführt, dem Bemühen um einen simplen, aber kurzweiligen Plot.

Regisseur Erle C. Kenton, wie sein direkter Vorgänger Rowland V. Lee ein Veteran aus der Stummfilmzeit, der in praktisch jedem erdenklichen Genre aktiv war und auch die Fortsetzungen "House of Frankenstein" und "House of Dracula" inszenierte, liefert unter den gegebenen Umständen einen vernünftigen Job ab. Bei 65 Minuten Laufzeit verwundert es kaum, dass der Streifen in einem sehr flotten Tempo vorangetrieben wird und sich kaum Auszeiten nimmt (man kann sich darüber streiten, ob die ausführliche Flashback-Sequenz nötig ist und den romantische - aber kaum ausgearbeitete Subplot um Ludwigs Tochter Elsa und den "Stadtankläger" Erik braucht der Film in keiner Sekunde). Langeweile kann so gar nicht aufkommen, auch wenn keine Szene grandios memorabel gestaltet wird, so bewegt sich alles auf einem mehr als soliden Niveau. Die Kameraführung ist beweglicher als in "Son of Frankenstein", folgt aber nur noch selten den Beispielen der Vorgängerfilme im Hinblick auf expressionistische Einstellungen (auch wenn manche Kritiker vermuten, eine Sequenz wäre eine Hommage an "Das Cabinet des Dr. Caligari"); gelegentlich wird mit Schattenspielereien experimentiert, aber es bleibt eher bei Versuchen. "Ghost of Frankenstein" ist ein B-Film - das heißt, dass der betriebene Aufwand überschaubar ist (die Sets wirken aber immerhin noch aufwendiger dekoriert als im "leeren" "Son") und kein künstlerisches Herzblut vergossen wurde. Kenton und sein Team setzen daher auf solides und routiniertes Handwerk. Und solides routiniertes B-Handwerk von Universal steht doch über "gewöhnlichem" B-Handwerk aus den reinen Low-Budget-Klitschen wie Monogram oder PRC.

Auf der Effektseite gibt's nichts wesentlich neues - die Make-ups von Jack Pierce sind immer noch sehenswert, wenngleich man irgendwie den Eindruck gewinnt, als wären sie nicht mehr ganz so detailliert wie in den Vorgängern, die optischen Tricks von John P. Fulton sind nicht besonders zahlreich (im Showdown gibt's dann auch ein ziemlich schwaches abgefackeltes Modellhaus, dass nicht auf Fultons üblichem Niveau liegt. Da muss wohl Budget und Zeit eine gewisse Rolle gespielt haben), der Film lebt stärker von seinem Tempo als von den FX.

Der Score von Universal-Hauskomponist Hans J. Salter, aufgepeppt mit einigem an Stock Music, ist brauchbar, aber nicht herausragend.

Schauspielerisch bietet sich Licht und Schatten. Sir Cedric Hardwicke (der in einer eher, äh, dämlichen Sequenz auch den Geist seines Vaters spielt), spult seine Rolle eher routiniert denn inspiriert ab, wobei man einfach berücksichtigen muss, dass die knappe Laufzeit großartiges character development nicht möglich machen und dadurch auch den Darstellern die Chance genommen ist, ihre Charaktere aus der Rolle heraus zu gestalten. Ralph Bellamy, der in den 60er und 70er Jahren in zahllosen TV-Filmen agierte, hat die undankbare Rolle der Love Interest für Elsa, dargestellt von Evelyn Ankers, hübsch anzusehen, aber kaum vor große schauspielerische Aufgaben gestellt (dieser Subplot ist, ähnlich wie der Victor/Elizabeth- Subplot im großen Original, völlig überflüssig und trägt absolut nichts zum Film bei). Bela Lugosi schließt nahezu nahtlos an seine große over-the-top-Performance in "Son of Frankenstein" an, vielleicht insgesamt etwas weniger exaltiert. Lionel Atwill war als einarmiger Inspektor Krogh wesentlich eindrucksvoller als als Dr. Bohmer, liefert aber einen zufriedenstellenden Job ab.

Der Knackpunkt bei "Ghost of Frankenstein" liegt bei der Darstellung des Monsters durch Lon Chaney jr. Chaney ist zwar physisch eindeutig impressiver als Karloff, aber schauspielerisch grundsätzlich limitierter. Das Script gibt ihm sicherheitshalber, wie gesagt, nicht so viel zu tun, aber im direkten Vergleich kann Chaney gegen Karloff natürlich nur verlieren - zudem stört mich, dass Chaney zu "füllig" wirkt (besonders im Gesicht - wo Karloffs hagere Gesichtszüge, unterstützt durch den Kunstgriff, durch das Herausnehmen einer Brücke sein Gesicht noch "eingefallener" aussehen zu lassen, unterstrichen, dass das Monster aus toten Einzelteilen zusammengebaut wurde, sieht Chaney mit seinen Hamsterbacken beinahe aus wie das blühende Leben). Für Chaney blieb der Auftritt in "Ghost of Frankenstein" sein einziger Stint unter'm Monsterkostüm, ihm folgten Bela Lugosi und Glenn Strange.

Zum dritten Mal und in der dritten verschiedenen Rolle, dieses Mal in der eines Frankensteinschen Dorfrates, ist Lionel Belmore dabei.

Bildqualität: "Ghost of Frankenstein" teilt sich eine DVD mit "Son of Frankenstein", schlägt den Partnerfilm aber bildqualitativ klar k.o. Der Transfer, auch auf 4:3-Fernsehern als windowboxed erkennbar, ist von einer erstaunlichen Güte. Hervorragende Schärfe, ausgezeichneter Kontrast, unauffällige Kompression und dabei ohne jegliche Artefakte, Defekte oder Verschmutzungen. Erstaunlich, dass Universal für einen der doch eher "lesser" Frankenstein-Filme einen derart perfekten Print im Archiv fand...

Tonqualität: Auch die Tonqualität ist besser als beim "Son". Der Mono-Ton ist ausgezeichnet verständlich, völlig rauschfrei und auch, was die Musik angeht, sehr klar und transparent (das gilt für die exklusiv von mir angetestete englische Sprachfassung. Universal liefert zusätzlich deutschen und französischen Ton sowie die üblichen Untertitel).

Extras: Als Bonusmaterial gibt's einen Kino-Trailer, offenbar zu einer Wiederaufführung (ich vermute aus den frühen 50er Jahren).

Fazit: Mit "The Ghost of Frankenstein" vollzieht die Frankenstein-Reihe endgültig die Wandlung einer vielschichtigen, vielfältig interpretierbaren Horrorgeschichte für Kunstkritiker hin zum einfach gestrickten B-Film, der keine Aufgabe und keine Motivation hat, die darüber hinausgeht, das Publikum für eine gute Stunde flott zu unterhalten. Es ist ein ehrlicher, ambitionsloser, aber immer noch wenigstens "ernsthafter" B-Film, und bereitet als solcher immer noch soliden Gruselfun. Die Seriösität der Serie killte Universal erst mit dem krampfhaften Bemühen, seine diversen Horror-Franchises in den folgenden Crossover-Filmen zusammenzuführen. "Ghost of Frankenstein" mag zwar nicht mehr die höheren Ansprüche der ersten drei Filme erfüllen, ist aber immer noch gehobener s/w-Kintopp.


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