Video Rebellen

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VIDEO REBELLEN

Martin Hentschel, Christian Witte, Vorwort von Markus Hagen

234 Seiten, 15,99 EUR

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Ich genieße vermutlich den Ruf eines elenden Amateurfilmbashers – auf diesen Seiten hat man in der Tat schon vergleichsweise unfreundliche Worte zu den Werken von Konsorten wie Andreas Schnaas, Timo Rose, Olaf Ittenbach oder Jochen Taubert gelesen. Trotzdem stehe ich dem Amateurfilm, egal wie viele graue Haare und Magengeschwüre mir einzelne Vertreter der Kunst beschert haben, immer noch ziemlich wohlwollend gegenüber. Ich schätze halt nur die Schule des „wir lassen uns vom Metzger einen Eimer Schweineinnereien schenken, kaufen noch fünf Kilo Himbeermarmalade, gehen in den Wald und spielen ‚Jason gegen irre Zombies‘“ nicht sonderlich. Es gibt schließlich auch und gerade im Bereich des Amateurfilms wesentlich gehaltvollere Ware zu entdecken…

Die zu finden ist aber durchaus knifflig – „gewöhnliche“ Filmseiten im Internet beschäftigen sich eher selten mit Amateurkram (ich will mich nicht selber loben, aber ich glaube, dass badmovies.de eines der größten „Portfolios“ an Amateurfilmreviews im Rahmen einer, öhm, „seriösen“ Filmkritikseite bietet), die Amateurfilmforen sind nach meinen leidgeprüften Erfahrungen primär spackenbevölkert, und bei den Kollegen der gedruckten Zunft findet sich auch nur selten etwas über nicht-professionelle Filmerei. Einzig Bertler und Lieber beleuchteten im zweiten Band ihrer „Hölle auf Erden“-Reihe einige der damals „wichtigsten“ Amateuerfilmemacher und ihre Ergüsse, aber das ist ja nun auch wieder ein paar Lenze her. Amtliche Sekundärliteratur zum Thema ist also dünn gesät – in dieses Vakuum will Martin Hentschel mit den „Video Rebellen“ stoßen. Hentschel hat vor kurzem mit „Lass jucken!“ das wohl definitive Werk über die „Kumpel“-Filme der 70er abgeliefert und macht sich nun über das heikle Thema Amateurfilm her. Die „hundert wichtigsten und schrägsten“ Amateurfilme, wobei „Amateurfilm“ an und für sich mal wieder für den Horror- und Genrebereich steht, vorzustellen, hat Hentschel sich vorgenommen.

Bevor es ans Eingemachte geht, erwartet uns allerdings noch ein Vorwort von Markus Hagen, selbst Indie-Filmer (Deadly Nam und City Kill haben wir ja auch hier besprochen), der in seinem Essay zum status quo des deutschen Amateurfilms so ziemlich genau das herausarbeitet, was meine Hauptkritik an der aktuellen Szene ist – man kreiselt primär um sich selbst, produziert nicht wirklich für ein „Publikum“, sondern für die Filmer-Kollegen, beklatscht sich ausgiebig gegenseitig (und spielt inflationär in den Werken der jeweils anderen Filmemacher mit), hat aber kein Interesse (mehr) an künstlerischer Weiterentwicklung; die Technik mag besser werden, seit das Equipment immer erschwinglicher wird und sich auch der letzte untalentierte Vollhonk eine Digicam ausleihen kann, mit der er einigermaßen nach Film aussehende Bilder hinbekommt, aber inhaltlich tut sich nichts. Wie Hagen korrekt ausführt, ist die Zeit, in der Amateurfilmer auch mal Experimente wagten und nicht nur Wald- und Wiesenslasher kopierten (die, wie Hagen auch richtig sagt, man kompetenter und von Profis gemacht in rauen Mengen ankucken kann und bestimmt keine Amateurversionen davon braucht), augenscheinlich vorbei. Oder doch nicht? Vielleicht sehe ich das gar nicht so pessimistisch wie Hagen; ich hab über die Jahre und auch noch heute immer wieder Amateurfilme gesehen, die sich von dem Schnaas-Rose-Walz-Einerlei abheben. Man muss sie – und das ist das alte Problem – nur finden, denn sie bekommen selten eine wirkliche Bühne. Beim B-Film Basterds versuche ich, auch dem Amateur- und Indiefilm eine Plattform zu bieten, und wenn man als Zuschauer bemerkt, dass die Macher nicht nur Spaß dabei hatten, mit Kunstblut rumzuspritzen und sich gegenseitig Würsteleingeweide aus den T-Shirts zu ziehen, sondern auch *filmisch* einen *Plan* hatten, kommt da meistens auch im Publikum Frohsinn auf (die erfolgreichen Screenings von „Damned on Earth“, „Zombies from Outer Space“ oder Amazon Force sind dafür Beweis genug).

alternatives Retro-Gore-Cover

Aber genug von der grauen Theorie, auf zur Praxis der hundert Filmvorstellungen. Jeder Film bekommt zwei Seiten spendiert, von denen eine Seite für ein Artworkmotiv reserviert ist, die andere Seite für eine kurze Inhaltsangabe und eine ebenso kurze Besprechung und ggf. noch ein kleines Szenen- oder behind-the-scenes-Foto. Bei diesem Format sind keine tiefschürfenden Hintergründigkeiten zu erwarten. Die Inhaltszusammenfassungens ind knapp und der Review-Part beschränkt sich – leider – oft auf eine Aufzählung anderer Werke des Machers oder mehr oder minder prominenter Mitwirkender und belässt es bei ein oder vielleicht zwei Sätzen zur eigentlichen „Qualität“ des Films, wobei zumindest ehrlich darauf hingewiesen wird, wenn Filme hauptsächlich durch ihre Trash-Werte punkten. Dennoch hätte ich mir etwas eingehender kritische Beschäftigung mit den Filmen gewünscht, gerade im Amateurbereich ist es m.E. wichtiger zu erfahren, ob man sein Geld für einen halbwegs formalen Ansprüchen genügenden Film investiert oder der dritte Zombie von rechts vom gleichen Darsteller gespielt wird, der auch in „Zombiemassaker Teil 34“ mit von der Partie war (gerechtfertigt sind solche Hinweise, wenn echte Prominenz wie Bela B. oder Lloyd Kaufman auftritt).

Die Filme sind nach Titel alphabetisch sortiert. In Sachen Auswahl gibt es nicht viel Grund zur Klage – praktisch alle bedeutenden Namen des Amateurfilms sind vertreten, seien es alte Haudegen wie Michael Pollklesener, Stephan Lenzen oder Maik Ude, der „Urvater“ des Teutonen-Amateur-Gorefilms, die „großen Namen“ Timo Rose, Jochen Taubert, Olaf Ittenbach, Schnaas, die Gosejohänner und Jörg Buttgereit, aber auch die „neue Generation“ um Leute wie Utz Marius Thomsen, René Rausch, Ralf Möllenhoff, Marcel Walz oder Daniel Flügger kommt zu ihrem Recht, wie auch das Phänomen des Brandl-Clans, One-Hit-Wonders wie Jan Reiff („Requiem der Teufel“), das „American Showdown“-Team oder die „Freakx“. Streiten kann man natürlich immer über die einzelnen ausgesuchten Filme – dass Jörg Buttgereit mit einem Eintrag für „Nekromantik“ auskommen muss (und damit m.E. wichtige Werke wie „Schramm“ oder „Der Todesking“ mit kurzer Erwähnung im Fließtext abgespeist werden), Ittenbach nur mit The Burning Moon (und nicht mit seinem vermutlich anerkannt besten Film Premutos - Der gefallene Engel) Erwähnung findet, dafür Daniel Flügger nicht nur verdientermaßen seinen „Deathmaster“ vorgestellt bekommt, sondern auch einige seiner Kurzfilme, darüber kann man sicherlich diskutieren - oder ob z.B. ein Drei-Minuten-Fake-Trailer einen eigenen Eintrag verdient, wenn ein verdienter Pionier wie Mathias Dinter ebenso fehlt wie der vielleicht derzeit ambitionierteste Horror- und Fantasyfilmer der deutschen Szene, Ralf Kemper oder der einfallsreiche Andreas Eisele.

Das Buch setzt sich keinen speziellen zeitlichen Rahmen – der älteste vorgestellte Streifen stammt noch aus den frühen 70ern, die neuesten Filme sind praktisch fabrikneu, so dass sich insgesamt schon ein weitgehend repräsentativer Querschnitt durch die Geschichte des deutschen Amateur-Genrefilms, natürlich mit dem Schwergewicht auf Horror, wo sich nunmal gefühlt 95 Prozent des Szene-Outputs einsortiert, geboten wird. Für Einsteiger eignet sich „Video Rebellen“ m.E. trotzdem nur bedingt als Führer durch die unübersichtliche Amateurfilmlandschaft, weil den Reviews doch ab und an die notwendige kritische Distanz fehlt und im Extremfall auch wirklich grober Dilettantismus als Charme verkauft wird – und wer „Zombie 90“ gesehen hat, weiß, dass Amateur-Dilettantismus noch in einer ganz anderen Liga spielt als Asylum-Dilettantismus. In diese Gefilde muss man sich vorsichtig hineintasten, sonst kann das zu spontanten Selbstentzündungen, Gehirnimplosion oder explosiven Magengeschwüren führen… (Wer mir ernstlich versichert, dass er sich von „Zombie 90“ unterhalten gefühlt hat, ohne dabei einen Re-Cut oder die „Zombie 09“-Neusynchro gesehen zu haben, wird von mir elender Lügner oder Andreas Schnaas geschimpft.)

„Video Rebellen“ empfiehlt sich daher meiner Ansicht nach am ehesten für den Amateurfilmnostalgiker, der noch mal die „guten alten Zeiten“ durchleben will (auch mir ging beim Durchlesen doch auf, wieviele von den verdammten Filmen ich tatsächlich gesehen habe. Erheblich mehr als ich dachte) und sich vielleicht den ein oder anderen Streifen in Erinnerung holen kann und will. Damit ist „Video Rebellen“ möglicherweise sogar ein kleiner Teil des oben angesprochenen Problems der elenden inzestuösen Selbstreferentialität der Szene, weil die primäre Zielgruppe des Buches wohl diejenigen sind, die sowieso schon mit der Materie vertraut sind; die bekommt aber ein solides Genre-Handbuch, das man gerne mal durchblättert, auch wenn die enthaltenen Informationen nicht sehr in die Tiefe gehen.

Die Abbildungen sind leider durchgehend schwarz-weiß – kann ich aus produktionskostentechnischen Gründen natürlich gut verstehen, aber ein wenig Buntheit hätte das relativ eintönige Layout ein wenig aufgepeppt.

Der Preis von 16 Euro für ein knapp über 200 Seiten starkes Taschenbuch ist nicht gerade ein Superschnäppchen, aber nichts, woraus ich einer „labour of love“, die ohne einen Verlag im Rücken gestemmt wird, einen Strick drehe. Wer sich einen Überblick über die Amateurszene verschaffen will und dabei keine analytische Auseinandersetzung mit der Materie erwartet, sondern „nur“ ein Nachschlagewerk mit rudimentären kritischen Anmerkungen, kommt allemal auf seine Kosten.

(c) 2015 Dr. Acula