Manchurian Candidate, The (2004)

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THE MANCHURIAN CANDIDATE

(dt. Der Manchurian Kandidat)
Der Manchurian Kandidat


USA 2004, 125 min, FSK 12

Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris (nach dem Roman von Richard Condon und dem Drehbuch von George Axelrod)
Darsteller: Denzel Washington (Benett „Ben“ Marco), Meryl Streep (Eleanor Shaw), Liev Schreiber (Raymond Shaw), Jon Voight (Senator Thomas Jordan), Kimberly Elise (Rosie), Jeffrrey Wright (Al Melvin), Bruno Ganz (Delp) u.a.


1962 drehte John Frankenheimer („Seconds“, The Holcroft Covenant), nach Richard Condons („Prizzi’s Honour“) gleichnamigen Roman von 1959 und mit Frank Sinatra in einer Hauptrolle, den Streifen „The Manchurian Candidate“ („Botschafter der Angst“); der Film reflektierte (und kritisierte) die amerikanische Angst vor einer kommunistischen Verschwörung, insbesondere die Furcht vor Gehirnwäsche und sogenannten Schläfern (zu einem guten Teil aufgekommen zu Beginn der Fünfziger durch – natürlich weitgehend gehaltlose – Gerüchte im Dunstkreis des Koreakrieges mit dem "Problem" der zurückkehrenden amerikanischen Kriegsgefangenen), sowie McCarthys Kommunisten-Hatz.
Mehr als vierzig Jahre später wurde das Projekt eines Remakes (das nicht ohne die Gnade von Tina Sinatra zustande kam, welche die Rechte am Original von ihrem Vater geerbt hatte) an Jonathan Demme (kennt hier einer „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Philadelphia“?) herangetragen.


Die Neuverfilmung beginnt nun 1991 in Kuwait (Golfkrieg und so): ein Trupp amerikanischer Soldaten unter der Leitung von Captain Benett Marco (Denzel Washington) gerät in einen Hinterhalt. Während Marco einen Schlag gegen den Dez abbekommt und bewusstlos rumliegt, nimmt Sergeant Raymond Shaw (Liev Schreiber) den Feind im Alleingang auseinander und rettet (fast) all seinen Kollegen das Leben.

In der Gegenwart tourt Marco durchs Land und macht unter anderem an Schulveranstaltungen ordentlich Werbung fürs Militär, indem er vom damaligen Einsatz berichtet und Shaws Heldentaten preist – dieser hat dafür übrigens die Ehrenmedaille gekriegt und darauf (mit Unterstützung seiner resoluten Mutter, Senator Eleanor Shaw [Meryl Streep]) eine politische Karriere aufgebaut.
Al Melvin, damals als Soldat ebenfalls dabei gewesen, spricht eines Tages Marco auf so einer Veranstaltung an und erzählt von fürchterlichen Albträumen, die er hat, und die eine ganz andere Geschichte erzählen als das, woran er sich erinnern kann.

Besser als Joe Biden

Auch Marco träumt, dass die Ereignisse von damals nicht wirklich passierten, sondern ihm und den anderen im Zuge einer Hirnwäsche eingebläut wurden. Seine Vorgesetzten tun das als Folge des Golfkriegssyndroms ab, doch als er zu recherchieren anfängt, mehren sich seltsame Hinweise. Spätestens, als Melvin tot aus einem Fluss gezogen wird, ist er (also Marco, nicht Melvin) sich sicher, dass etwas faul ist. Er versucht, Kontakt mit Raymond Shaw aufzunehmen, welcher inzwischen drauf und dran ist, der nächste Vizepräsident der USA zu werden…


Man muss den Streifen nicht lange aufdröseln, um darauf zu kommen, dass er eine Abrechnung mit der Ära Bush (wobei die damals noch eine ganze Weile anhalten sollte; 2004 wurde Bush bekanntlich – trotz des Films – wiedergewählt) darstellt. Wie schon in Frankenheimers Vorbildfilm kommt das Böse aus den Reihen der politischen Rechte, hier verkörpert durch Meryl Streep: als Senatorin Shaw verlangt sie nach einem starken Amerika, das keine Skrupel hat, sich mit rabiaten Mitteln gegen den internationalen Terrorismus zu behaupten. Der Witz dabei ist, dass gerade sie hinter einer Verschwörung steckt, welche die westlichen Werte unterminiert (die Angst vor einer Einschränkung der Volksrechte fasst dann auch Jon Voight als Senator Jones anfangs explizit in Worte) und zu Mitteln greift, welche eigentlich der Gegenseite unterstellt werden (der Einsatz von Schläfern, Attentate). Die Parallelen zur säbelrasselnden, die Welt in Gut und Böse einteilenden Bush-Administration, der Panikmache nach 9/11 („Amerika braucht in Krisenzeiten einen starken Führer“) oder dem Patriotic Act sind offensichtlich. Und wie Bush, der sich als Gottes Werkzeug sieht, ist Eleanore Shaw eine Überzeugungstäterin (allerdings ohne religiöse Züge), die in ihrem Kampf für das „Gute“ keinerlei Zweifel kennt. Das ist nicht übermässig subtil, aber knackig auf den Punkt und in eine ansprechende dramaturgische Form gebracht. Störend ist allenfalls, dass der Film quasi den schwachsinnigen Verschwörungstheorien um den Elften September das Wort redet („das Attentat wurde in Wirklichkeit von der Regierung inszeniert“, bla bla), aber naja, einen Verschwörungsthriller kann man halt schlecht ohne Verschwörung machen.

Wie auch immer. Wo bei Sinatra und Co. die politische Rechte mit dem Kommunisten gemeinsame Sache machte (der Punkt war ja grade, dass das Treiben eines McCarthy auf das Gleiche rausläuft wie das der Kommunisten), haben die Drehbuchautoren Daniel Pyne („Doc Hollywood“, „Any Given Sunday“, „The Sum of All Fears“) und Dean Gergaris („Lara Croft Tomb Rider: The Cradle of Life“, „Paycheck“) die Geschichte den heutigen Begebenheiten angepasst und setzen uns als Ersatz die Leiter des Konzerns Manchurian Global (im Original ging der Name noch auf den Kriegsschauplatz zurück), der Kriegsgerät und moderne Technik im Dienste der US-Regierung produziert, vor. Im Gegensatz zur Senatorin sind das gesinnungslose Schweine, denen es nur um die Kohle geht. Damit wird zum einen interessanterweise der Kommunismus gegen den Kapitalismus als Feindbild ausgetauscht (ist ja aktuell zurzeit, vergleiche auch Quantum of Solace oder Tom Twykers „The International“), zum anderen gibt’s damit keinen äusseren Feind mehr (in Frankenheimers Version hatte man es ja tatsächlich auch mit einem ausländischen Komplott zu tun), das Böse kommt ganz und gar aus dem Inneren.

Ben beäugt Rosie. Klar, sie benimmt sich mehr als verdächtig, aber schaut sie euch mal an!

Mit den Hintergründen der Verschwörung hält der Film übrigens nicht lange zurück: Nach Melvins Besuch ist Marco schnell einmal davon überzeugt, dass sein Albtraum der Realität entspricht, und als Zuschauer kriegt man schon früh eine Hirnwäschen-Auffrischung bei Shaw mit, hört der Bösewicht-Fraktion bei ihren Gesprächen zu oder sieht bei der Untersuchung eines geheimnisvollen Computerchips zu.
Spannung ergibt sich weniger aus der Frage, was zur Hölle los ist und wer dahinter steckt, sondern daraus, was die genauen Pläne der Fiesowichte sind und ob Marco es rechtzeitig schafft, die nötigen Beweise zu sammeln und die richtigen Leute von seiner Version zu überzeugen. Das ist dann tatsächlich spannend, wenn auch manchmal etwas voraussehbar (natürlich verliert Marco den Chip, den er unter seiner Haut gefunden hat, im Waschbecken – kann man amerikanische Siphons eigentlich nicht auseinanderbauen und verlorene Sachen herausholen? –, natürlich ist Rosie, die sich plötzlich an unseren Protagonisten ranmacht, keine harmlose Kaufhausangestellte – wobei sich letztes als „halb-falsche“ Fährte entpuppt und die Entlarvung doch noch für eine Überraschung gut ist).
Denzel Washington überzeugt dabei als zurückgezogener, zunehmend paranoid werdender Hobby-Ermittler, ihm zur Seite steht Kimberly Elise („Beloved“, „Pride“) als Eugenie „Rosie“ Rose, die einen mehr als sympathischen Eindruck macht.

Auf der anderen Seite haben wir Raymond Shaw (Liev Schreiber, bekannt aus der „Scream“-Trilogie, „Phantoms“ oder dem „Omen“-Remake), dem der ganze Politik-Zirkus im Grunde derbe auf den Wecker geht und der nur mitmacht, weil er unter der Knute seiner manipulativen Mutter und seinen politischen Freunden steht – dass er versucht, eigenständig zu politisieren, ist eine eher vergebliche Emanzipationsbemühung; die Zerrissenheit der Figur macht Schreiber mehr als nachfühlbar. Als Politiker, der für den angestrebten Posten von vielen für zu jung gehalten wird, aber gerade daraus seinen Schwung holt und frischen Wind sowie eine Abkehr von den althergebrachten Wegen des politischen Establishment verspricht, nimmt der Charakter übrigens durchaus einen Barack Obama vorweg (dessen Schwiegermutter bekanntlich mit ins Weisse Haus gezogen ist – ist mein ja nur).
Als Senatorin Shaw haben wir Meryl Streep, die mit sichtlicher Spielfreude das Muttermonster (mit inzestuösen Neigungen) gibt; als Vertreterin einer Elterngeneration, welche das Bemühen um Veränderung der neuen Generation unterdrückt. Allerdings übertreibt sie teils und driftet ins Overacting ab, weswegen man sie weniger ernst nehmen kann, als gut ist. Zudem könnte man ihre Rolle als Seitenhieb auf Weiblichkeit an der Macht (die Ähnlichkeiten zu Hillary Clinton beispielsweise sind nicht schwer auszumachen) interpretieren.

In einer kleinen Nebenrolle finden sich Jon Voight („Deliverance“, „Anaconda“) als Senator Jones oder Bruno Ganz („Der Untergang“, Vitus) als Delp; letzter ein technisch versierter Freund Marcos, der trotz deutlichem Schweizer Akzent als Deutscher ausgegeben wird (blöde Amis) – etwas seltsam übrigens, wie unvermittelt der aus der Handlung verschwindet, nachdem er Marco mit (durchaus Frankenstein’schen) Methoden zur endgültigen Wiedererlangung seiner Erinnerungen verholfen hat.

Beware of the bitch

Seltsam auch Shaws Verhalten im Finale (Spoilerwarnung für diesen Absatz): Wie schafft er es, seine Programmierung zu überwinden? Einen Hinweis gibt zwar die Handyszene zuvor, in welcher er nicht hypnotisiert zu sein und über alles Bescheid zu wissen scheint. Aber wie ist es dahin gekommen? Hat ihm seine Mutter vielleicht bei dem Gespräch in der Sauna alles erzählt? Da wirkt er allerdings hypnotisiert… Naja, seltsam halt. Welcher Depp war der Meinung, man müsse die Auflösung der Handlung solcherart im Dunkeln lassen?

Rein formal schafft es der Film, eine bedrohliche Grundstimmung zu schaffen, indem es immer wieder unruhige Bilder, schräge Winkel und solche Spässe gibt; Szenen hören unvermittelt auf und lassen den Zuschauer verwirrt zurück, besonders ihm Rahmen von Marcos Halluzinationen.
Die Filmmusik von Rachel Protman („Rebecca’s Daughters“, „Emma“, „Beloved“, „Chocolat“, „The Duchess“) tut ihr Bestes, um zum leicht unbehaglichen Filmerlebnis beizutragen; in Sachen Beschallung kommen dann noch einige Rock- und Hip-Hop-Songs von Wyclef Jean oder The Walkmen hinzu (alles überraschend gut anhörbar).

Bei der US-DVD gibt’s nichts zu bemängeln, aber natürlich ist zu beachten, dass das Ding Code 1 ist und keine deutsche Tonspur hat, nicht wahr. Das Bonusmaterial anzutesten hatte ich keine Gelegenheit (war halt nicht meine DVD, verklagt mich doch), mit einem Audiokommentar von Demme und Pyne, entfernten und alternativen Szenen, Outtakes, einem Making of etc. scheint mir das Ding aber anständig ausgerüstet zu sein .


Fazit: „The Manchurian Candidate“ ist ein verflucht spannender Film und gleichzeitig eine gelungene, wenn auch nicht allzu subtile Abrechnung mit der Ära Bush. Die ausgezeichneten Schauspieler runden das Vergnügen ab, so dass der Streifen trotz einiger kleiner Schwächen eine Guckempfehlung kriegt.

© 2009 Gregor Schenker (manhunter)


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